Missbrauch : Empörung über Urteil hält an

So einen Teddybären erhalten Opfer in manchen Beratungsstellen. Jedes Jahr werden laut Sozial-Therapeutischem Institut Berlin-Brandenburg (STIBB) in Brandenburg hunderte Kinder Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch.
So einen Teddybären erhalten Opfer in manchen Beratungsstellen. Jedes Jahr werden laut Sozial-Therapeutischem Institut Berlin-Brandenburg (STIBB) in Brandenburg hunderte Kinder Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch.

Urteil ist ein Hohn für alle Opfer

svz.de von
07. September 2015, 22:00 Uhr

Ich teile die Fassungslosigkeit der Leiterinnen des Frauenhauses in Anbetracht der milden Bewährungsstrafe für den Wittenberger Familienvater, der seine dreijährige Tochter sexuell missbraucht hat. Und ich teile die Empörung der ehemaligen Lokalredaktionschefin Petra Ferch in ihrem Leserbrief und die des jetzigen Redaktionsleiters Hanno Taufenbach in seinem Kommentar dazu.

Als Psychologe, der viele Opfer sexuellen Missbrauchs und deren Familien betreut hat, weiß ich um das Leid und die Traumatisierungen, die für viele Opfer ein Leben lang belastend bleiben.

Richterin Sandra Marks setzt mit der Bewährungsstrafe meines Erachtens in doppelter Hinsicht falsche Signale. Für den Täter, für den in ausreichendem Maß Sühne und Vergeltung mit der Strafe verbunden sein sollten, ist diese für diesen Strafzweck zu gering.

Ebenso ist diese Strafe als Abschreckung für andere potentielle Täter nicht wirksam. Leider ist wohl eher das Gegenteil der Fall.

Etwa 250 000 Männer in Deutschland mit pädophilen Neigungen fühlen sich sexuell auch oder ausschließlich von Kindern angezogen. Das sind knapp ein Prozent der männlichen Bevölkerung, also ist etwa jeder hundertste Mann pädophil.

Was die Auflage der ambulanten Sexualtherapie betrifft, so ist diese häufig mit einer falschen Vorstellung verbunden. Sexuelle Neigungen sind mit dem Erreichen des Erwachsenenalters in der Regel so weit entwickelt, dass sie nicht in dem Sinne therapierbar sind, dass sie zu löschen wären. Allenfalls sind die sexuellen Neigungen nach geeigneter Psychotherapie und erfolgreichen Präventionsmaßnahmen besser kontrollierbar als vorher.

Dazu gehören aber eine wirklich geeignete Therapie einerseits (nicht irgendeine) und eine hohe Bereitschaft, Einsicht und anhaltende Motivation des Täters andererseits. Ansonsten ist die Wiederholungsgefahr groß, in neuem Umfeld erneut zum Täter zu werden.

Jeder potenzielle Täter ist verantwortlich für sein Verhalten und kann zum Beispiel bei www.kein-taeter-werden.de Hilfe erhalten. Die unterschiedlichen Aussagen des Wittenberger Familienvaters zu seinen Gunsten lassen erhebliche Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit und wirklicher Einsicht aufkommen. Daher ist das Entgegenkommen des Gerichts bereits aus diesem Grunde nicht nachvollziehbar. Der Mutter des Kindes und den Leiterinnen des Frauenhauses wünsche ich, dass sie nicht bei der Empörung stehen bleiben, sondern darüber hinausgehen. Mit Hilfe eines in dieser Thematik erfahrenen Rechtsanwaltes (ruhig nachfragen, ob die Erfahrung vorhanden ist!) könnte geprüft werden, ob eine Nebenklage bei Gericht eingereicht werden kann, um Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.

Da es sich um ein Urteil des Landgerichts handelt, käme hier wohl nur die Revision in Betracht, zum Beispiel wegen möglicher Verfahrensfehler des Gerichts. Denn es mutet schon seltsam an, dass es keine Befragungen gab, die Auskunft über das in hohem Maße beeinträchtigte Kindeswohl des betroffenen Mädchens hätten geben können. Bei allen Einsprüchen bei Gericht sind kurze Fristen zu beachten.

Selbstverständlich sollte das Mädchen von nun an in aufmerksamer Weise im Vordergrund stehen. Ihr wünsche ich, dass sie in Zukunft ein stabiles Umfeld findet, das sie unbehelligt und kindgemäß aufwachsen lässt und sie auf diese Weise noch genügend Kraft tanken kann, um die Traumatisierungen so gut wie möglich verarbeiten zu können, auch wenn das nie ganz möglich sein wird.


Zwei Jahre auf Bewährung für den mehrfachen sexuellen Missbrauch eines Kleinkindes. Unfassbar! Bei Steuerhinterziehung oder Geldunterschlagung sind wir schnell einmal bei drei Jahren Gefängnis ohne Bewährung.

Sicher bereuen auch diese Täter, (dass sie gefasst worden sind). Oder hat sich der Missbraucher in diesem Fall selbst angezeigt?

In den psychologischen Gesprächssitzungen, die ich seit 1992 mit Erwachsenen führe, die als Kind Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind, ist mir eines ganz klar geworden: Das Leben der Opfer wurde nachhaltig und auf vielfache Weise beeinträchtigt. Diese Erlebnisse sind nie wirklich vergessen. Immer wieder treten Flashbacks auf, das heißt, Szenen des sexuellen Missbrauchs werden unvermittelt erinnert. Eine unbeschwerte Kindheit ist sowieso zerstört worden. Aber auch eine glückliche, erfüllte Sexualität als Erwachsene ist oft nicht mehr möglich.

Häufig geben sich die Opfer für ihre Irritationen sogar noch die Schuld. Was nützt ihnen ein „Bereuen“ des Täters, das sie nach all ihren Erlebnissen kaum glauben können? Ein sexueller Missbrauch passiert nicht einfach so spontan. Die Täter planen ihre Taten genau und bereiten sie akribisch vor. Hier geht es um Machtausübung und sexuelle Ausnutzung zur Befriedigung der Bedürfnisse des Täters.

Mein Wunsch wäre, dass sich die Verantwortlichen für ein solches Urteil in einer fachspezifischen Fortbildung mit der Dynamik des sexuellen Kindesmissbrauchs und den möglichen Spätfolgen für die Opfer auseinandersetzen. Vielleicht käme es dann nicht mehr zu solchen wenig nachvollziehbaren Urteilen. Wozu gibt es den Paragrafen 176 im Deutschen Sexualstrafrecht, wenn er nicht wirklich zur Anwendung kommt.

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