zur Navigation springen

Deutsch lernen in Perleberg : Einzige Hoffnung: Lernen, um bleiben zu können

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Thomas Kara bringt Asylbewerbern, die wenig Chancen auf Bleiberecht haben, Deutsch bei

von
erstellt am 03.Sep.2016 | 15:00 Uhr

Charles Averos ist 55 Jahre alt und kommt aus Liberia. Er hat viel in seinem Leben gearbeitet, alles Mögliche gemacht, aber eben ohne Ausbildung. Ahmaddullah Sedigi ist 23 Jahre jung. Seine Heimat ist Afghanistan. Zwei Diplome hat der junge Mann in der Tasche, habe Rechts- und Finanzwissenschaften studiert. Er möchte in Deutschland bleiben, sich hier ein neues Leben aufbauen. Dass die Chance darauf relativ klein ist, das weiß er. Seine Hoffnung: „Wenn ich die Sprache kann, klappt es vielleicht doch.“

Deniz ist mit ihren zehn Jahren die jüngste in der Klasse. Vor acht Monaten kam sie nach Deutschland und spricht schon überaus gut die Sprache ihres neuen Zuhauses. „Ich gehe in die 4. Klasse der Schollschule“, erzählt das aufgeweckte Mädchen. Jetzt begleite sie ihre Mama zum Deutschkurs. Zuhause wäre sie alleine, denn ihre neuen Freunde sind zumeist noch im Urlaub. Geboren ist Deniz im Iran, leben möchte sie in Deutschland. „Hier ist es schön, hier bin ich sicher. Wir sind Christen. Im Iran gibt es aber vorwiegend Muslime. Unseren Glauben dürfen wir dort nicht leben.“

Was muss so ein kleines Mädchen schon alles erlebt haben, dass es so erwachsen spricht? „Viel und wenig Gutes“, weiß Thomas Kara. Der gelernte Reiseverkehrskaufmann und jetzige Kanzleimitarbeiter kennt viele Schicksale. Als die ersten Flüchtlinge auch in Perleberg ankamen, da wollte er sofort helfen. Ein Ansinnen, das aber nicht über Nacht kam, sagt er.


Keiner verlässt die Heimat, um kriminell zu werden


In Hamburg geboren, aufgewachsen und hier selbst eine Familie gegründet, gehörten Asylbewerber für ihn zum Bild der Stadt. Ein Bild, behaftet zumeist auch mit vielen Vorurteilen. „Doch Menschen verlassen nicht ihre Heimat, um bei uns kriminell zu werden. Sie sind aber zur Tatenlosigkeit verdammt.“ Und dagegen wollte er was tun.

Selbst hat der 54-Jährige einen Sohn auf dem Gottfried-Arnold-Gymnasium, der sich auch in der AG „Schule gegen Rassismus, Schule mit Courage“ engagiert.

So entstand der Kontakt zur SPD. Die Räumlichkeiten der Partei wurden zu Unterrichtsräumen, aus anfänglich drei Asylbewerbern schnell fast 40 und aus einem Deutschkurs zwei. Kurzum, der Platz reichte nicht mehr. Im November dann konnte der erste Deutschunterricht im Gymnasium stattfinden.

Inzwischen gibt es hier vier Kurse – „von der Alphabetisierung bis A2-Niveau“, erläutert Thomas Kara. So habe er Schüler, die teilweise noch nie eine Schule besucht haben, und solche, die sich bereits relativ gut verständigen können. Allen gemein aber ist, ihre Aussicht auf eine Zukunft in Deutschland ist eher gering. „Gerade sie brauchen unsere Hilfe, denn Anspruch auf Sprachkurse oder dergleichen haben sie nicht. Ihr Leben besteht aus Warten, aus Nichtstun. So sind sie eine leichte Beute für islamistisches Gedankengut.“

Die Kurse belegen es, sie wollen etwas aus ihrem Leben machen. Und wenn sie dann doch zurückgeschickt werden, haben sie Deutschland in guter Erinnerung und können auch die Sprache etwas. Das hilft unter Umständen für einen Neuanfang in der Heimat, ist sich Thomas Kara sicher.

Mit Herz und Verstand, Englisch, Alt- und Neugriechisch, Latein, Händen und Füßen versucht er seinen Schützlingen sprachlich zu vermitteln, was sie für den Alltag in Deutschland brauchen – vom Bild in der riesigen Fibel zum Wort und dann zum geschriebenen Buchstaben, zum geschriebenen Wort, das zu einem Satz geformt wird. Alles andere als leicht für die Schüler, die alle längst dem Schulalter entwachsen sind. Wie auch für ihren Lehrer, der manchmal sechs bis sieben Nationalitäten in einem Kurs unterrichtet. „Für mich ist jeder Tag eine Herausforderung, die aber viel Spaß macht, nicht zuletzt weil man spürt und sieht, sie wollen dazu gehören, sie wollen lernen. An dem Kurs teilzunehmen, ist freiwillig. Viele aber warten täglich förmlich darauf, dass endlich wieder Schule ist. Ansonsten haben sie nichts.“  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen