Eine Nähmaschinen-Liebe

<strong>Kurt Weber</strong> bringt Nähmaschinen wieder zum Laufen.
Kurt Weber bringt Nähmaschinen wieder zum Laufen.

svz.de von
25. Januar 2013, 06:09 Uhr

Wittenberge | Kurt Weber kommt von seinem Auto. Im Arm hält er eine Nähmaschine, eine Veritas. Lachend sagt er: "Hier habe ich wieder Arbeit" und führt in die Werkstatt, die er sich im Keller des Wohnhauses eingerichtet hat.

Hier kann Kurt Weber sein, was er am liebsten ist, der Mann, der Nähmaschinen wieder das Laufen beibringt. "Ich repariere alle Fabrikate", sagt Weber. In ihrem Innenleben kennt er sich aus. Dass er am liebsten alte Singer- und Veritas-Maschinen unter seinen Fingern hat, verwundert bei der Vita von Weber nicht. "Ich bin Nähmaschinenwerker", sagt Weber und erklärt mit den Worten zugleich eine ganz Arbeitswelt, wie sie viele Wittenberger, aber auch Auswärtige (noch) kennen.

Kurt Weber hat im Nähmaschinenwerk gelernt, schloss als Mechaniker ab. "Das war eine sehr solide Ausbildung. Wie es zu DDR-Zeiten vielfach üblich war, habe ich ein Studium angeschlossen, bin von Beruf aus Maschinenbauingenieur." 13 Jahre war Kurt Weber für das Nähmaschinenwerk im Kundendienst und "damit in aller Herren Länder" unterwegs. Von den Veritas-Maschinen, die er - und das sei wortwörtlich zu nehmen - überall in der Welt zu vertreten hatte, ist er heute noch überzeugt. "Konstruktiv gehören sie immer noch zur Spitzenklasse in der Welt. Es ist erstaunlich, was wir vermocht haben." Den Chefkonstrukteur des Nähmaschinenwerks, Georg Rummert, den er heute übrigens noch hin und wieder trifft, zollt er höchste Anerkennung.

Die Wende brachte das Aus für das Nähmaschinenwerk und für Weber den Zwang, sich eine neue berufliche Existenz aufzubauen. Weber und seine Frau gründeten in der Bahnstraße ihr Nähzentrum. "Im Mittelpunkt stand der Service rund um die Maschinen. Aber ich hatte durch meine Kundendiensttätigkeit gesehen, wie das im Westen gehandhabt wird. So haben wir das auch gemacht: Stoffe, Kurzwaren, eben alles, was zum Nähen gehört, haben wir zusammengeführt." Kurt Weber spricht vom Nähzentrum in der Vergangenheit. Er hat es an eine GmbH des Prignitzer Lebenshilfe-Vereins verkauft (der "Prignitzer" berichtet). Der Mann steht kurz vor seinem 71. Geburtstag, auch wenn man es nicht glauben mag. Irgendwann musste ich mich etwas zurücknehmen", sagt Weber. Aber Ruheständler im wirklichen Sinnen des Wortes will und kann er nicht sein. "Als in der Zeitung stand, dass wir das Nähzentrum abgegeben haben, haben mich Leute angerufen und gefragt, wer denn nun die Reparaturen und Durchsichten macht." Kurt Weber hat sie beruhigt: "Ich arbeite als Selbstständiger auch künftig für das Nähzentrum." Mit anderen Worten Nähmaschinen aller Fabrikate sind bei ihm nach wie vor in guten Händen. Er kauft auch alte Maschinen auf, bringt deren Innenleben wieder in Ordnung, hat seine Freude, wenn sich Leute finden, die wissen, was sie an solider Technik haben. "Ersatzteile habe ich für die nächsten Jahre noch genug", sagt Weber. Aber eine Sorge treibt ihn um: Wenn er eines Tages nicht mehr kann, aufhören muss, "habe ich keinen Nachfolger". Barbara Haak

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