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abschied nach 20 jahren : Ein Teamspieler zieht sich zurück

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach 20 Jahren kandidiert Bürgermeister Jürgen Herper nicht erneut

von
erstellt am 24.Apr.2014 | 12:00 Uhr

In Rühstädt wird es an der Spitze der Gemeinde einen Wechsel geben: Nach 20 Jahren kandidiert Bürgermeister Jürgen Herper nicht erneut. „Die Zeit ist reif für einen Wechsel, reif für jüngere Leute“, sagt er. Außerdem müsse er im Interesse seiner Gesundheit kürzer treten, wolle sich mehr der Familie widmen.

Ginge es nach ihm, wäre das Interview an dieser Stelle beendet. Herper sieht sich weder als ein Mann an der Spitze, noch mag er im Mittelpunkt stehen. 20 Jahre Bürgermeisteramt seien 20 Jahre Arbeit mit der Gemeindevertretung, mit Nachbarn und Mitstreitern gewesen, aber kein Alleingang.

1993 wechselte sein Vorgänger Gerald Neu in die Amtsverwaltung. „Ich kandidierte, wollte etwas bewegen. Wir waren jung und die Nachwendezeit war eine schwierige Phase.“ Die LPG’n waren im Umbruch, durch die Schließung von Veritas hatten viele ihre Arbeit verloren. Ämterbildung, Fördermittel, Dorferneuerung, neue Straßen und Leitungen. Der Berg an Aufgaben war steil und groß.

Herper krempelte die Ärmel hoch, packte an. Die Durchsetzung einer dezentralen Abwasserentsorgung entgegen dem Landestrend bezeichnet er als eine der ersten, wegweisenden Entscheidungen. Das zweite große Thema war der Tourismus.

Der Storchenclub Rühstädt sei 1990 der erste Fremdenverkehrsverein in der Prignitz gewesen. Als der langjährige Vorsitzende Artur Labrenz 1994 vom Tourismus sprach, blickte Herper ungläubig. „Das ist doch verrückt, wir haben ganz andere Probleme, dachte ich damals.“

Und dennoch bekam der Tourismus die nötige Aufmerksamkeit, wurde die Grundlage für den heutigen Anziehungspunkt des Storchendorfes gelegt. Der Elberadweg sei ebenfalls eine richtige Entscheidung gewesen. Gegen den Willen des Landesumweltamtes durchgeboxt, teuer durch die Gemeinden bezahlt, ist er heute ein Alleinstellungsmerkmal. „Der Tourismus ist zum Wirtschaftsfaktor geworden, es bleibt Geld hängen. Das hatte Artur richtig erkannt“, sagt Herper.

In Bälow geboren, wuchs Jürgen Herper an der Elbe auf, die er meist friedlich erlebte. Wie bedrohlich sie werden kann, erlebte er während seiner Amtszeit mehrfach. 2002 war es seine Aufgabe, die Einwohner über die angeordnete Evakuierung zu informieren. 2003 das Bangen beim Winterhochwasser und dann kam die Flut im April 2006.

Es begannen Stunden der Furcht und Angst. Der Deich zwischen Bälow und Rühstädt drohte zu brechen. „Wir sahen, wie die Sickerlinie vom Deichfuß bis in die Krone hinauf stieg. Auf einen Kilometer Länge hat der Deich gepinkelt.“ Wie Kaskaden sei das Wasser herunter geplätschert.

Völlig aufgeweicht war eine Verteidigung nicht mehr möglich. Die Verantwortlichen entschieden sich für die letzte Alternative: „Im Umland schlossen wir alle Wehre, stauten dadurch Qualmwasser an, bauten einen Gegendruck auf. Das hat uns gerettet.“

Das Hochwasser fiel zusammen mit seinem 50. Geburtstag. Herper bekam einen Spaten geschenkt, hatte damals eine Träne der Rührung im Auge. Die Hochwassereinsätze bis hin zum Juni 2013 hätten eindrucksvoll gezeigt, dass ein Einzelkämpfer nichts ausrichten kann. Hier schließt Herper den Bogen zu seinen Gemeindevertretern.

„Ich war immer nur der Erste unter Gleichen.“ Die Gemeindevertretung habe mitgezogen. Es gab sachliche Diskussionen, „aber es wurde nie polemisch“. Nur so sei es möglich gewesen, all das zu erreichen, was Rühstädt und die umliegenden Dörfer heute ausmacht.

Und dennoch sei sein Abschied aus der Politik keine Zäsur, kein Indiz dafür, dass die Arbeit getan sei. Im Gegenteil, meint Jürgen Herper. Die Herausforderungen seien nur andere, aber nicht weniger geworden. Er spricht von Wirtschaft in den Dörfern, von einer Lebensgrundlage für die nachfolgende Generation. „Wir müssen Arbeitsplätze schaffen, zum Beispiel über Direktvermarktung“, sagt er. Das sei ein ganz langer Weg, aber er müsse beschritten werden. Seine Bitte an die Landesregierung lautet: Den ländlichen Raum nicht zu vernachlässigen. „Wir brauchen auch künftig Fördermittel, die die Lebensqualität nicht nur der Älteren, sondern auch für die Jüngeren erhält.“


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