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Ungewöhnliches Winterquartier : Ein Tangendorfer in Oberbayern

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Weißstorch aus der Prignitz überwintert statt in Afrika in Süddeutschland. Ein Experte hält das für einen Einzelfall. Mittels Sender wird der Adebar beobachtet.

svz.de von
erstellt am 10.Jan.2014 | 22:00 Uhr

Ein am 5. August vergangenen Jahres in Tangendorf (Gemeinde Groß Pankow) beringter Jungstorch spart sich für die Überwinterung offenkundig den langen Weg nach Afrika. Er ließ sich in Süddeutschland nieder, wurde hier kurz vor dem Jahreswechsel nahe Winhöring (Landkreis Altötting) mittels eines Datenloggers geortet und gesichtet. Am linken Bein trägt er einen schwarzen Kunststoffring mit der Markierung „DEH HL 430“, der ihn eindeutig als ein Tangendorfer Storchenkind ausweist.

Wie der Storchenhof Loburg auf seinen Internetseiten informiert, wurde der Weißstorch vergangenes Jahr im Zuge einer wissenschaftlichen Studie beringt. In diesem Projekt arbeiten die Universitäten Potsdam und Jerusalem sowie die Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg e. V., Max-Planck-Institut und private Spender zusammen. Weißstörche werden mit einem so genannten GSM-Logger ausgestattet, der zweimal täglich eine SMS sendet und die geografischen Koordinaten seines Standortes übermittelt. Das Projekt dient unter anderem der Bestimmung von Wanderrouten der Weißstörche in Eurasien.

Beim Adebar aus Tangendorf handelt es sich um eine Spätbrut. Das Jungtier wurde offensichtlich im August nicht von der sogenannten „Zugunruhe“ erfasst. „Die Zugunruhe ist ein sehr schmales Zeitfenster, in dem die Störche gen Süden aufbrechen“, verdeutlicht Dr. Michael Kaatz, Geschäftsführer der Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg e. V. Sei das vorüber, werde der Zugvogel zum Standvogel, so Kaatz. Genau das sei beim Tangendorfer Weißstorch geschehen. Er begab sich dennoch zunächst einmal auf den Weg in Richtung Süden, flog bis Österreich. Witterung und Gebirge hätten ihn möglicherweise behindert, sagt Michael Kaatz, so dass er sich dann entschloss, zurückzufliegen und sich nun nach wie vor in Oberbayern aufhält.

Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts haben erst vorgestern wieder die Daten des GSM-Loggers quasi direkt am Storch ausgelesen. SMS versendet der GSM-Logger derzeit nicht, da es sich um ein Solargerät handelt, dessen Batterie bei den momentanen Lichtverhältnissen nur ungenügend aufgeladen wird, so dass die SMS-Funktion sich vorübergehend abschaltet. „Es gibt dennoch die Möglichkeit, die Daten dann vor Ort auszulesen“, erklärt der Experte aus Loburg.

Der Alt-Neuöttinger Anzeiger für Altötting, Traunstein und Berchtesgadener Land, eine Lokalausgabe der Passauer Neuen Presse, berichtete ausführlich über den Tangendorfer Storch sowie zwei seiner Artgenossen, die die Streu- und Feuchtwiesen südlich des Chiemsees als Übergangsheimat nutzen. Journalist Christoph Kleiner ging dabei Ende Dezember der Frage nach, was ist, wenn Meister Adebar nicht in den Süden will. Dazu gab Jörg Alfermann vom bayerischen Landesbund für Vogelschutz (LBV) Auskunft: „Die Kälte macht dem Storch als großem Vogel kaum etwas aus, da er die Wärme wesentlich besser speichern kann als kleine Singvögel wie Blaumeise oder Spatz, die den Winter immer bei uns verbringen.“ Der noch milde Winter mit einem immer noch guten Nahrungsangebot stelle keine Gefahr für Meister Adebar dar, so Alfermann, wohl aber die zwar gut gemeinten, letztlich aber negativen menschlichen Hilfen. „In keinem Fall sollte man die Tiere jetzt füttern oder gar eine spezielle Futterstelle für sie einrichten. Das wäre absolut falsch, denn die Störche gewöhnen sich durchaus schnell daran, werden so von der Fütterung abhängig und verlieren ihr natürliches Verhalten“, warnt Alfermann.

Genau dies jedoch sei inzwischen beim Tangendorfer Storch geschehen. Er wäre inzwischen fast handzahm, Menschen füttern ihn aus falsch verstandenem Mitleid, berichtet Michael Kaatz. Da die Prägung der Tiere in ihrem ersten Jahr eine besonders große Rolle spiele, sei ungewiss, wie der Adebar sich weiter verhält, wohin er also im Frühling fliegt und ob er im kommenden Herbst vielleicht doch den langen Weg nach Afrika zur Überwinterung antritt. Das tun immer noch fast alle Störche aus Ostdeutschland, die man den „Ostziehern“ zurechnet. Sie fliegen über die Türkei, Israel und Ägypten nach Ost- und Südafrika.

Vermehrt gebe es aber mittlerweile den Trend, dass die Westzieher, also Störche, die im Sommer z. B. in Baden-Württemberg oder im Rheingebiet brüten, nicht mehr nach Westafrika, sondern nur noch bis Spanien fliegen, um dort zu überwintern. „So oder so: Der Tangendorfer Storch ist ein Einzelfall – den es so oder ähnlich aber immer mal wieder gibt“, sagt Michael Kaatz.


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