Prignitzer Tafeln : Ein Stück weit Lebensqualität erfahren

Morgen gibt es Kasslerbraten: Küchenleiterin Monika Gerloff und Beikoch Sebastian Münchow bereiten das Mittagessen für den nächsten Tag vor.
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Morgen gibt es Kasslerbraten: Küchenleiterin Monika Gerloff und Beikoch Sebastian Münchow bereiten das Mittagessen für den nächsten Tag vor.

Rund 2800 Bedarfsgemeinschaften sind bei den Prignitzer Tafeln angemeldet. In Perleberg wird montags bis freitags gekocht.

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06. Dezember 2013, 00:36 Uhr

Die Uhr zeigt Punkt 13 Uhr. Zeit für die Lebensmittelausgabe in der Perleberger Tafel. Heute ist es eine ältere Dame, die das Glück hatte, das Los mit der Nummer eins zu ziehen. Das bedeutet, dass sie als erste einkaufen darf. Mit einem rot-blauen Plastikkorb betritt sie den kleinen Lebensmittelladen neben dem Speiseraum in der ehemaligen Gaststätte „Zum Schlachthof“. Vom Eingang aus geht es im Uhrzeigersinn durch die Auslagen, erst zu den Backwaren, dann weiter zur Kühltheke, schließlich kommen die Obst- und Gemüsekisten an die Reihe. Immer an ihrer Seite: eine Mitarbeiterin der Tafel. Sie legt die gewünschten Nahrungsmittel in den Korb, fragt: „Möchten Sie noch Orangen? Bananen? Eisbergsalat? Porree?“ Noch ist die Auswahl groß. Wer jedoch später kommt, für den bleibt oft nicht mehr viel übrig. „Vor allem Brot, Joghurt und Wurst sind begehrt“, weiß Günter Kolip. „Das ist dann am schnellsten weg.“ Als Chef des Vereins Soziales Aktionsbündnis Prignitz e.V., zu dem die Prignitzer Tafeln gehören, sorgt er dafür, dass bedürftige Menschen zumindest ein Stück weit Lebensqualität erfahren.


Rund 10 000 Euro Spritkosten pro Jahr


Doch es ist nicht Kolip allein, der sich ehrenamtlich um diejenigen kümmert, die weniger Glück im Leben haben als die meisten anderen. Weitere neun Ehrenamtler, 30 Ein-Euro-Jobber und acht Bürgerarbeiter arbeiten für die Tafeln mit Standorten in Pritzwalk, Wittenberge, Perleberg sowie in den Zweigstellen in Meyenburg, Lenzen und Karstädt. „Ohne sie würden die Tafeln nicht funktionieren“, sagt Günter Kolip. Wenn die Lebensmittelausgabe beginnt, haben die Mitarbeiter den größten Teil ihrer Tagesarbeit bereits geleistet: Sie haben Bananen durchgesehen, Feldsalat von welken Blättern befreit und das Brot vom Vortag ins Regal gelegt. Was gar nicht mehr geht, bekommt der Perleberger Tierpark. Zwei Euro kostet ein Korb voll Lebensmittel. ein Preis, den der Verein verlangen muss, um seine Kosten zu decken. Hauptposten sind die Fahrten, um Lebensmittel zu beschaffen. „Rund 10 000 Euro Spritkosten kommen für unsere Transporter da im Jahr zusammen“, überschlägt Kolip.

In der Rolandstädter Tafel wird außerdem für alle Ausgabestellen der Tafel gekocht: Montags bis freitags gibt es ein warmes Mittagessen für 1,80 Euro, für Kinder 1,30 Euro. Als der „Prignitzer“ zu Besuch ist, duftet es nach Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen, im Speiseraum sitzen die Mittagsgäste an rustikalen Tischen und lassen es sich schmecken. Derweil wird in der Küche schon das Essen für den nächsten Tag vorbereitet. „Morgen gibt es Kassler“, informiert Küchenleiterin Monika Gerloff.

Rund 2800 Bedarfsgemeinschaften sind bei den Prignitzer Tafeln angemeldet und damit berechtigt, Lebensmittel zu erhalten, eine warme Mahlzeit und Kleider aus der Kleiderkammer zu bekommen. Mit 830 die meisten angemeldeten Bedarfsgemeinschaften gibt es in Perleberg, gefolgt von Pritzwalk mit 810 und Wittenberge mit 720. „Die Zahl der Bedürftigen ist in den letzten Jahren gestiegen“, sagt Kolip. Vor allem die Altersarmut habe zugenommen, aber auch die Zahl der Geringverdiener und der Alleinerziehenden. Während der Bedarf an Lebensmitteln entsprechend größer geworden ist, sinkt das Angebot dafür stetig. „Gerade die Discounter geben nicht mehr viel her, seitdem dort eine neue Strategie gefahren wird“, bedauert Günter Kolip.


Lebensmittelangebot wird immer geringer


Mit anderen Worten: Die Discounter verkaufen ihre Waren bis zum letzten Tag des Mindesthaltbarkeitsdatums und nehmen es nicht mehr zwei oder drei Tage vorher aus dem Sortiment, wie das früher der Fall war. Vieles ist dann schon verdorben, bevor es bei den Tafeln ankommt. Backwaren kommen von Bäckern aus der Region, aber auch das nehme immer mehr ab. Froh sind Kolip und sein Team über die Versorgung mit Fleisch und Wurst sowie Obst und Gemüse. Hier ist die Perleberger Niederlassung des Schlachtbetriebs Vion Food Hauptsponsor, und auch die gepachteten Gärten des Vereins Ländliche Erwachsenenbildung Prignitz (LEB) werfen viel ab.

„Die Qualität dieser Lebensmittel hat sich stetig verbessert“, weiß Günter Kolip zu berichten. In der Perleberger Küche wird vier Mal in der Woche Fleisch gekocht, ein Mal im Monat gibt es sogar Fisch. Für die Prignitzer Tafeln sind drei Transporter ständig unterwegs, bringen das Essen an die verschiedenen Standorte, fahren ein Mal wöchentlich zu den Berliner Tafeln, um von dort Lebensmittel zu holen. „Allein von dem, was wir hier in der Prignitz an Lebensmitteln bekommen, könnten wir den Bedarf nicht decken.“

Was die Tafel-Mitarbeiter dringend benötigen, ist ein zweites, größeres Kühlfahrzeug. „Wir haben zwar eines, aber das ist zu klein, um damit größere Mengen Fleisch zu transportieren. Daher steht diese Anschaffung ganz oben auf unserer Wunschliste.“

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