Ehrenamt in Wittenberge : Ein selbstbestimmtes Leben

Richard Liermann (r.) erklärt Redakteur Reik Anton das Alphabet der Braille-Blindenschrift.
Richard Liermann (r.) erklärt Redakteur Reik Anton das Alphabet der Braille-Blindenschrift.

Seit 45 Jahren engagiert sich Richard Liermann für die Belange der Blinden und Sehbehinderten

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10. Februar 2018, 12:00 Uhr

Für Richard Liermann ist es kein Problem, einen Teppich auszumessen und zuzuschneiden. Ebenso gießt der 79-Jährige die Pflanzen in seiner Gartenparzelle am Rudower See. Und bis vor einigen Jahren war der gebürtige Erxlebener noch mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei ist Richard Liermann seit Kindesalter blind.

Für sein Engagement als Vorsitzender der Bezirksgruppe Prignitz des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes Brandenburg wurde er mit dem Bürgerpreis des Kreises und der Sparkasse Prignitz in der Kategorie „Lebenswerk“ geehrt (wir berichteten). Richard Liermann kann stolz sein auf das, was er erreicht hat. 1958 verschlug es den Masseur aus der Altmark in die Prignitz. Er arbeitete zwei Jahre in der Chirurgie des damaligen Wittenberger Krankenhauses in der Perleberger Straße. „Dann wechselte ich in das Betriebsgesundheitswesen der Zellwolle. Dort blieb ich dann als Physiotherapeut bis 1990“, erzählt er. Er hat sich auf seinem Berufsfeld immer auf dem Laufenden gehalten, absolvierte 1973 den ersten Physiotherapie-Lehrgang für Sehgeschädigte in Chemnitz. An gleicher Stelle hatte er sich Jahre zuvor auch zum Masseur ausbilden lassen. „Als Sehgeschädigter gibt es bei der Berufswahl nicht so viele Möglichkeiten“, sagt Liermann sachlich. Dabei ging er in dem Beruf auf, betrieb nach kurzer Arbeitslosigkeit nach der Wende bis zur Rente im Jahr 2001 sehr erfolgreich eine eigene Physiotherapiepraxis, in der seine Frau Inge als Buchhalterin und gute Seele mitwirkte. „Werbung musste ich nicht machen. Viele ehemalige Kollegen aus der Zellwolle kamen zu mir.“ Nebenbei war Richard Liermann über viele Jahre für entspannte Muskeln bei Veritas Wittenberge zuständig. Dafür wurde er vom Kreissportbund mit der Ehrennadel in Silber geehrt. Außerdem war er Torwart in einer Rollballmannschaft.

Wenn der fast 80-Jährige über sein Leben berichtet, schwingt keinerlei Selbstmitleid mit. Und das, obwohl ein Unfall dem damals Dreijährigen übel mitspielte und sein Leben für immer veränderte. „Beim Spielen im Wald mit meinen Geschwistern habe ich einen Ast ins rechte Auge bekommen. Meine Mutter ging mit mir zum Arzt. Aber der sagte, es sei nicht so schlimm. Doch aus dem Auge trat Sehkammerwasser aus und zog dann auch das andere Auge in Mitleidenschaft. Nach dem Krieg war es für eine Operation dann zu spät.“ Von der ersten bis zur achten Klasse ging Richard Liermann in Halle/Saale in eine spezielle Grundschule, in Königs Wusterhausen absolvierte er den Zehnte-Klasse-Abschluss. Der Heimweg war weit, deswegen musste der Junge in einem Internat leben. Damals erfuhr Liermann am eigenen Leib, vor welchen Alltagsproblemen Sehgeschädigte stehen. So wandte er seine Freizeit für die Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes auf. Das macht er seit mittlerweile 45 Jahren. „Aber nun ist als Vorsitzender Schluss. Ich lasse Jüngere ran.“ Kommenden Mittwoch wird der neue Vorstand gewählt. „Aber ich bin natürlich weiterhin bei Fragen und Anliegen da“, versichert Richard Liermann, der sich in diesem Zuge bei seinen Vorstandskollegen bedankt. Ohne sie wäre dieses Ehrenamt nicht möglich. Und es muss auch noch weitergehen. Denn an einigen Ecken knirscht es noch immer. So wünscht sich Richard Liermann mehr Unterstützung der Sozialämter für die 104 Sehgeschädigten.

Richard Liermann wollte immer so selbstbestimmt wie möglich leben. Dabei half ihm über zehn Jahre auch sein Blindenführhund „Barry“. „Er hat mich überall hin begleitet. Das war eine schöne Zeit.“ Und für eine lustige Anekdote ist der 79-Jährige auch immer zu haben. „Eine Zeit lang bin ich im Dunkeln durchs Treppenhaus gegangen. Ich musste mir ja kein Licht anmachen. Dann haben sich einige Nachbarn erschreckt. Seitdem schalte ich das Licht an, doch einige sagten: ,Siehste, der sieht ja doch ’was’“.

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