Ein Schatz aus längst vergangener Zeit

Die barocken Prunksärge bedürfen zumindest einer Konservierung, sollen sie der Nachwelt erhalten bleiben.
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Die barocken Prunksärge bedürfen zumindest einer Konservierung, sollen sie der Nachwelt erhalten bleiben.

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26. November 2012, 05:04 Uhr

Bad Wilsnack | "Sie haben einen großen Schatz an Geschichte und Kunstgeschichte, der nicht verloren gehen darf." Dieser Satz von Daniela Sigl, gerichtet an die Kirchengemeinde Bad Wilsnack, gilt den vier barocken Prunksärgen der Familie von Saldern auf der Empore über der Wunderblutkapelle, aber auch den Gruften in der St. Nikolai-Kirche.

Daniela Sigl, studierte Archäologin aus Augsburg, ergänzt derzeit ihren Magister-Abschluss mit einem Master-Zusatzstudium Denkmalpflege an der Technischen Universität Berlin (TU). Im Rahmen eines Praktikums beim Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege befasst sie sich mit dem Thema "Geschichte und Erhalt der Gruftanlagen der Familie von Saldern - Ideen zu einem möglichen musealen Ausstellungskonzept". In einem Vortag in der gut besuchten Wunderblutkapelle informierte die 28-Jährige über den Zwischenstand ihrer Forschungsarbeit.

"Das Thema ist sehr spannend und interessant, die Quellenlage dagegen sehr schlecht", stellte die Archäologin ihrem Vortrag voran. "Bad Wilsnack verfügt über einen einzigartigen Bestand an außergewöhnlichen Bestattungen, nutzte doch die Familie von Saldern 400 Jahre die Kirche als Grablege. Eine solch lange Kontinuität auf dem Landes ist sehr selten", so Sigl. Bekanntlich hatte Matthias von Saldern (1508-1575), Oberstkämmerer des brandenburgischen Kurfürsten Joachim II., die Herrschaft Plattenburg-Wilsnack 1552 zunächst pfandweise und 1560 schließlich als erblichen Lehensbesitz erhalten. Zugleich fiel das Kirchenpatronat an die Familie von Saldern. Verbunden waren damit Pflichten für die Kirchenbaulast und die Besoldung der Pfarrer, aber ebenso Ehrenrechte wie das Patronatsgestühl/die Patronatsloge und das Recht auf Begräbnis in der Kirche.

Bekannt und nachgewiesen sind in der St. Nikolai-Kirche drei Gruftanlagen. Für eine überirdische Bestattung wurde von zirka 1560 bis 1957 die Wunderblutkapelle genutzt. "In der Barockzeit war es bei den vermögenden Schichten sehr populär, sich mumifizieren zu lassen. So wurden die Fenster zugemauert, offen blieben Belüftungsschlitze, durch die immer Durchzug möglich war, was die Mumifizierung begünstigte", erzählte Sigl.

Eine 1923 vom letzten Kirchenpatron Achaz von Saldern angefertigte Bestandszeichnung zeigt 16 Erwachsenen- und sieben Kindersärge. 1957 wurde die Kapelle beräumt, da sie wieder als Gemeinderaum genutzt werden sollte. Die Außensärge - der größte war 2,40 Meter lang, 1,30 Meter breit und 1,50 Meter hoch - wurden zum größten Teil beseitigt, die Innensärge in die unterirdische Gruft gebracht.

Eine zweite Gruft befindet sich hinter der Sakristei, sie wurde 1957 teilweise beräumt, fünf Särge wurden in einem verkleinerten Raum eingemauert. Der ursprüngliche Zugang existiert noch. "Die Gruft wurde seit zirka 1800 ausschließlich von der Plattenburger Saldernschen Linie genutzt. Eine Tafel ordnet einen Sarg der 1814 verstorbenen Henriette Veronika Elisabeth von Münchow (1740-1814) zu. Vermutlich kamen mit der Beräumung der Wunderblutkapelle auch einige Tote der Wilsnacker Linie in diese Gruft. Aufgrund der trockenen Bedingungen sind die Särge sehr gut erhalten, wenngleich in der Gruft etwas Chaos herrscht und wieder eine pietätvolle Totenruhe hergestellt werden müsste", meint Sigl.

Die größte Gruft ist die unterirdische Grablage im Bereich des Chorraums. "Sie war bis auf den letzten Platz belegt. Genutzt haben sie seit 1560 sowohl die Wilsnacker als auch Plattenburger Linie. Der Zugang erfolgte über eine Treppenanlage, die seit 1990 verschlossen und somit nicht mehr zugänglich ist", so die Archäologin. Nicht eindeutig geklärt sei, ob die Gewölbe von den Saldern oder Teile davon bereits zuvor als Krypta errichtet wurden.

Ein wahrer Schatz, der auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte, so die Archäologin, seien die vier Prunksärge aus dem frühen 18. Jahrhundert aus Holz, die auf der Empore oberhalb der Wunderblutkapelle stehen. "Sie sind sehr kostbar, mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet und nur deshalb noch erhalten, weil sie aus massivem Holz bestehen. Um weitere Schäden zu vermeiden, sollten sie zumindest unbedingt konserviert werden", betont die Archäologin.

Eine Zuordnung der Särge zu Verstorbenen der Saldernschen Familie sei nur schwer möglich, da die Namenstafeln fehlen, ebenso zum großen Teil die Wappen. "Das lässt sich nur ikonografisch aufarbeiten", erklärt die Sigl. Sie habe bereits Kontakt mit dem Archäologen Andreas Ströbl aufgenommen, einem Fachmann für Gruftanlagen, und werde auch ein Kostenangebot einholen. So dürfte die Konservierung eines Sarges mindestens 2000 Euro kosten.

"Die Frage, die sich stellt, ist - wie könnte die Kirchengemeinde, unterstützt vom Förderverein der Wunderblutkirche, mit den Gruftanlagen umgehen und was sollte man mit den Prunksärgen machen. Ich lege Ihnen nahe, etwas daraus zu machen - schon, um die kostbaren Holzarbeiten zu erhalten. Es liegt in Ihrer Hand, diesen wertvollen Schatz an Geschichte für die Nachwelt zu erhalten", wandte sich Sigl an die Bad Wilsnacker. Grundvoraussetzung für ein museales Konzept sei ein klimatisch kontrollierbarer und für die Besucher erlebbarer Ausstellungsraum. Die Meinungen zum Thema gingen auseinander. So gab Pfarrer Daniel Feldmann zu bedenken, dass es dringendere Vorhaben in der Kirche gebe. Christian Richter sprach sich dafür aus, die Totenruhe zu belassen und die Särge nicht zur Schau zu stellen, jedoch den Zustand in der Gruft zu verbessern. Gruftanlagen seien ein Stück erhaltenswerter Kultur, daher sollte man auch über die Konservierung der Prunksärge nachdenken, argumentierte Bärbel Mann. Einig waren sich alle darin, keine Toten zur Schau zu stellen, wie es zum Teil in anderen Gruftanlagen gemacht wird.

Am 13. Dezember will Daniela Sigl ihre Masterarbeit an der TU Berlin vorlegen und sie auch der Kirchengemeinde zukommen lassen. "Ich bin gern bereit, zu nochmals zu den abschließenden Ergebnissen zu sprechen", so die Archäologin. Das Landesamt und die untere Denkmalbehörde hätten Unterstützung bei der Beantragung von Fördermitteln bekundet. Zustimmung findet das Konzept auch bei Familie von Saldern, die bereits mehrere denkmalpflegerische Arbeiten in der Kirche unterstützte, wie die Restaurierung zweier Epitaphe.

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