Breese : Ein Minister baggert am Deich

Letzte Absprachen zum Baustart: Thorsten Thaddey (l.) und Daniel Dahlke vom Landesumweltamt studieren die Karte.  Fotos: Hanno Taufenbach (3)
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Letzte Absprachen zum Baustart: Thorsten Thaddey (l.) und Daniel Dahlke vom Landesumweltamt studieren die Karte. Fotos: Hanno Taufenbach (3)

Jörg Vogelsänger (SPD) markiert im Beisein von Anwohnern den Baubeginn in Breese.

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18. November 2014, 22:00 Uhr

Bestens gelaunt mit einem flotten Spruch auf den Lippen erklimmt Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) den Sitz des Baggerfahrers. Wer ihn so sieht, könnte glauben, der Minister erfüllt sich einen Kinderwunsch.

„Als Bauminister habe ich das nicht geschafft“, sagt er und bedient die Hebel. Vielleicht ein wenig zu kraftvoll, denn der Bagger stemmt sich mit seinen dicken Reifen in den Boden, schwankt ein wenig. Aber so etwas hält ein Minister schon mal aus. Die Baggerschaufel öffnet sich, braune Erde fällt heraus. Der Deichbau in Breese hat begonnen.

Anwohner quittieren dies mit einer tiefen Genugtuung. Gewiss hat Minister Vogelsänger recht, wenn er sagt, der Baubeginn sei in kurzer Zeit realisiert worden, nämlich nach dem jüngsten Hochwasser im Juni 2013. Aber zur Ehrlichkeit gehört auch, dass der jetzige Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) den Breesern nach dem Hochwasser 2006 einen neuen Deich versprochen hatte. Als damaliger Umweltminister erhoffte er sich einen Baubeginn 2009/10. Und die Breeser selbst hatten seit 2002 für diesen Deich gekämpft.

Aber an einem Tag wie gestern ruht die Vergangenheit. Was zählt, ist die Zukunft. „Das ist ein guter Tag für die Ortslage, für die Region, für den Hochwasserschutz“, sagt Landrat Torsten Uhe (parteilos). Am 13. August des letzten Jahren seien die entscheidenden Weichen für diesen Tag gestellt worden. Im Rücken damals spürten die Verantwortlichen 25 Millionen Euro Schäden in der Prignitz durch die Juniflut, davon 4,5 Millionen allein in Breese. Die betroffenen Grundstücke beziffern ihren Schaden mit 300 000 Euro, erinnert Uhe an die persönlichen Schicksale.

„Wir möchten das nicht noch einmal erleben“, sagen Bärbel und Werner Neumann. Ihr Haus stand unter Wasser, das erste Mal. In den Jahren zuvor war nur ihr Hof betroffen. „Immerhin hat alles mit der Entschädigung gut geklappt“, so Bärbel Neumann. Ihr Mann blickt noch etwas skeptisch auf den Bagger und die Menschentraube aus Politikern und Journalisten: „Hoffentlich kommen die zügig voran.“

Diesem Wunsch schließt sich Bad Wilsnacks neuer Amtsdirektor Torsten Jacob an: „Heute ist ein lang ersehnter Tag, und ich denke, dass wir in einem überschaubaren Zeitraum den Deich bekommen.“

Spätestens 2018 sollen alle drei Baulose fertig gestellt sein, sagt Thorsten Thaddey, im Landesumweltamt zuständig für Wasserbau und Hochwasserschutz. Im nächsten Jahr könne mit dem kombinierten Abschnitt Deich und Straße begonnen werden, im Jahr darauf mit dem letzten Baulos, der Landesstraße 11.

Insgesamt investiert das Land hier zwölf Millionen Euro. Jörg Vogelsänger habe sich vorgenommen, jährlich 50 Millionen Euro für wasserbauliche Maßnahmen auszugeben, und er verspricht, den jeweiligen Planungsvorlauf rechtzeitig fertig zu haben. Für Breese erwartet er keine Verzögerung.

Wie schnell ein Deich in der Tat fertig werden kann, schaut er sich wenige hundert Meter entfernt in Wittenberge an. Während in Breese die Bagger mit ihrer Arbeit beginnen, haben sie den Rehwischdeich verlassen. Landrat, Minister und Bürgermeister Dr. Oliver Hermann zerschneiden das Band und jeder steckt sich einen Zipfel davon ein. Dieser Moment ist historisch.

Das spüren diejenigen, die 2013 erlebten, wie knapp Wittenberge einer Katastrophe entgangen ist. Nicht an der Elbe, sondern am Rehwischdeich hat sich das Schicksal der Stadt entschieden. „Hier hat die Luft gebrannt, der Deich war löchrig wie ein Käse“, sagt Oliver Hermann. Als die Elbe ihren Rekordstand bei 7,85 Meter erreicht hatte, habe ein Experte des Landesumweltamtes sorgenvoll gemeint, hoffentlich falle das Wasser bald wieder.

Mit hohem Aufwand an Einsatzkräften und einer Materialschlacht, in der mehrere zehntausend Tonnen verbaut wurden, haben die Helfer den Kampf gewinnen können. Im Nachgang sorgte die Politik unbürokratisch für einen vorgezogen Baubeginn. Niemand wollte, dass sich diese Situation wiederholt.

Im März war Baubeginn für den 900 Meter langen Deich. Die Kosten betragen 1,2 Millionen Euro. Außergewöhnliches Ereignis war der Fund einer 250 Kilogramm schweren Fliegerbombe, die im Sommer entschärft wurde. „Die Munitionssuche hat sechs Wochen gedauert“, sagt Bauleiter Wassili Simou. 4000 Bohrungen bis zu einer Tiefe von fünf Metern waren notwendig.
 

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