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Betreuung in der Prignitz : Ein Leben mit einem Autisten

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Quitzowerin Ingeborg Rieckhoff fand für ihren Enkel Maik bei der Tagesgruppe des Brügger Hofes „genau die richtige Betreuung“

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erstellt am 08.Jan.2015 | 12:00 Uhr

Heute ist Ingeborg Rieckhoff einfach nur froh und dankbar. „Ich kannte den Brügger Hof nicht und hatte große Skepsis. Als ich das erste Mal da war, habe ich gesagt, da kommt er nicht hin“, so die Quitzowerin. Heute ist sie überzeugt: „Die Tagesgruppe des Brügger Hofs in Dallmin war von den Begebenheiten genau das Richtige für Maik.“

Im Alter von acht Monaten kam Maik zu seinen Großeltern Ingeborg und Gerd-Michael Rieckhoff, die seitdem die Erziehungsberechtigten sind. „Dass irgendetwas mit Maik nicht hinhaut, haben wir schon im Kindergarten gemerkt“, erinnert sich Ingeborg Rieckhoff. Eine erste Diagnose 2010 attestierte das Asperger Syndrom – eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. „Er kommt mit Änderungen in seinem Umfeld nicht klar. Viele Leute in einem Raum kann er nicht ertragen, setzt sich untern Tisch. Der Geräuschpegel stört ihn“, erklärt seine Großmutter. Maik wurde noch in die Flex-Gruppe der Geschwister-Scholl-Schule in Perleberg eingeschult. Auch dort hat er oft unterm Tisch gesessen. „Er konnte den Schulalltag nicht bewältigen.“ Es musste irgendetwas passieren.

Der kleine Junge kam erst einmal von Oktober 2010 bis Januar 2011 in die Kinderpsychologie der Helios Klinik Ludwigslust. Zuhause ließ seine rührige Oma nichts unversucht, um für ihn die passende Einrichtung zufinden. Der Leiter der Geschwister-Scholl-Grundschule Peter Awe unterstützte Ingeborg Rieckhoff dabei nach besten Kräften. Und so kam Maik am 28. Februar 2011 in die Tagesgruppe Brügger Hof. Behördengänge über Behördengänge waren zuvor vonnöten. Jedes halbes Jahr muss ein neuer Antrag auf Befreiung von der Schulpflicht beim Schulamt gestellt werden.

2012 später folgte die zweite medizinische Diagnose: Atypischer Autismus. „Er kann keine Gefahren, Risiken erkennen, ist nicht gruppenfähig, ist orientierungslos, er muss ständig unter Kontrolle sein. Autisten brauchen Regelmäßigkeit“, sagt Reiner Rosenzweig, der den Jungen die ganze Zeit über in der Tagesgruppe Brügger Hof lerntherapeutisch begleitet hat. „Wir hatten damals noch keine Erfahrung mit Autisten, und haben uns sehr intensiv mit dem Krankheitsbild befasst. Im Fall von Maik ging es darum, überhaupt das Lernen zu lernen.“ Und das hat er seinem Krankheitsbild entsprechend geschafft. „Er kann schreiben, sehr gut lesen, singt sehr gut, spielt Theater“, ist seine Großmutter über jeden Fortschritt nicht nur froh, sondern auch ein wenig stolz. Sie entbehrt viel, um für ihren Enkel die bestmögliche auch heimische Betreuung zu geben. Den Sommerurlaub verbringen sie in Boltenhagen. „Er ist ein Ostseefan. Und er kennt dort alles, was für ihn wichtig ist“, weiß seine Oma. „Aber ohne die Unterstützung meiner Familie wäre die ganze Betreuung so nicht möglich. Mein Mann, meine Geschwister, meine Mutter helfen, wo sie nur können. Mit einem Autisten umzugehen, ist nicht einfach.“

Die Tagesgruppe Brügger Hof ist autark und hat nichts mit der stationären Einrichtung zu tun, die im ehemaligen Dallminer Schloss beheimatet ist. Die Tagesgruppe hat ihr Domizil am Molkereiplatz 2. Der Brügger Hof übernahm das Heim 1996. Die Tagesgruppe entstand Mitte 1999, da man viele ambulante Kinder zur Betreuung hatte und so wurde beides getrennt und die Tagesgruppe entwickelte sich weiter. Die Betreuer sind überwiegend langjährige Mitarbeiter des Brügger Hofes. Derzeit kümmern sich acht Betreuer und die Leiterin Beate Haas-Neukirch um 24 Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren fünf Tage die Woche von 8 bis 17 Uhr. Die Mädchen und Jungen werden alle morgens abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Da mittlerweile jedoch in Schulen das Projekt der Inklusion läuft, sind die Zahlen der zu betreuenden Kinder in der Tagesgruppe rückläufig. Sie könnte 32 Jungen und Mädchen betreuen.

Mit der Morgenrunde fängt der Tag an, da werden der Nachmittag und Abend des Vortages reflektiert, danach folgt Frühstück und die Therapie. Nach der Auswertung des Vormittags und dem Mittagessen können sich die Kinder ein bisschen austoben. Danach folgt eine einstündige Lerntherapie, in der sie wieder kleine Aufgaben zu erfüllen haben (lernpraktische Unterweisung), bevor sie sich in verschiedenen Aktivitäten wie Reiten, Töpfern, Tanzen, Singen, Gartenarbeit, Sport etc. ausprobieren können. Um 16 Uhr gibt’s noch eine Zwischenmahlzeit und der Tag wird ausgewertet. Und zu den kleinen Aufgaben gehören ganz einfache Dinge des Alltags wie das selbstständig An- und Ausziehen, den Mülleimer mal rausbringen.

Die Betreuer verwenden auch viel Zeit mit der Elternarbeit. Heike Bergmann war Maiks Bezugsbetreuerin, führte mit ihm die Einzelgespräche. Und sie stand ständig mit Ingeborg Rieckhoff in Kontakt. „Ich habe sofort Informationen bekommen, wenn Maik mal einen Tag nicht gut drauf war, damit ich wusste, wie ich abends zu Hause auf ihn reagieren muss“, ist die Quitzowerin für die Unterstützung mehr als dankbar. „Ich kann nur allen Eltern raten, die eine derartige Betreuung für ihr Kind benötigen, sich das in Dallmin anzusehen. Maik hat sich da wohlgefühlt.“

Durch diese intensive Betreuung und umfangreiche lerntherapeutische Begleitung in der Tagesgruppe entwickelte sich Maik Mechow weiter, so dass er seit dem neuen Schuljahr in Potsdam im Oberlin-Haus untergekommen ist. „Es war von vornherein klar, dass unsere Einrichtung nur eine Lösung auf Zeit für Maik sein wird“, so Reiner Rosenzweig. „Ich hatte die Aufgabe für Maik eine Schule zu finden“, so seine Großmutter, die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes Wittenberge ist.

Eine Helferkonferenz, bei der alle Beteiligten an einem Tisch saßen und über das weitere Wohl und Wehe von Maik berieten, gaben Ingeborg Rieckhoff die Kraft, mit Unterstützung der Mitarbeiter der Tagesgruppe und den beiden Mitarbeiterinnen Ellen Winterfeld und Silke Basner von der Sonderpädagogischen Förder- und Beratungsstelle in Perleberg eine entsprechende Einrichtung zu finden. Eigentlich sollte Maik nochmals von amtswegen in eine Klinik eingeliefert werden, da die Diagnose Autismus angezweifelt wurde.

Seit dem neuen Schuljahr ist der Zehnjährige in Potsdam, wird im Oberlin-Haus betreut, das auf Autismus spezialisiert und die einzige Einrichtung dieser Art in Brandenburg ist. Die Schule ist nicht weit entfernt. „Natürlich hat Maik Heimweh, er will oftmals seine Sachen packen. Aber er hat in Potsdam einen guten Einstieg gehabt. Ich hoffe, dass er schulisch weiterkommt und irgendwann ein eigenständiges Leben führen kann“, sieht Ingeborg Rieckhoff positiv in die Zukunft ihres Enkels.

 

 

 

 

 

 

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