zur Navigation springen
Der Prignitzer

19. Oktober 2017 | 07:21 Uhr

Ein künstliches Dach für den Wald

vom

svz.de von
erstellt am 06.Dez.2011 | 11:51 Uhr

Angermünde | Mit großen Schritten stapft Katja Felsmann durch den Wald im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Die Diplombiologin und Doktorandin am Leibnitz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg kennt den Weg genau, schließlich ist sie ihn schon unzählige Male gelaufen. Mitten im Braun-Rot des herbstlichen Buchenwaldes tauchen plötzlich mehrere Konstruktionen aus hellem Holz auf. Seit dem Sommer hat Felsmann sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftler aufgebaut. Die Holzkonstrukte sind Teil eines deutschlandweiten Projekts, das den Einfluss des Klimawandels auf den Wald messen will.

"Wir wollen wissen, wie der Boden und der Unterwuchs auf die zunehmende Trockenheit reagieren", sagt die zierliche junge Frau. Klimaforscher gingen davon aus, dass es in 60 Jahren etwa 20 bis 30 Prozent weniger Niederschläge geben werde. Genau dieses Szenario soll mit dem Experiment simuliert werden.

Dafür wollen die Wissenschaftler transparente Kunststoffplatten auf den Holzkonstruktionen anbringen und so künstlich den Regen reduzieren, der auf den Waldboden fällt. Damit eine Reduzierung von ungefähr 30 Prozent erreicht wird und jeder Quadratmeter Boden gleich viel oder wenig Wasser abbekommt, werden die Dachplatten je nach Niederschlagsmenge verschoben. "Per Zufalls-Generator wird entschieden, welche Platte wohin kommt", sagt ZALF-Mitarbeiter Johannes Bruckhoff.

Zehn mal zehn Meter groß und zwei bis drei Meter hoch ist die größte Konstruktion, vier kleinere stehen in unmittelbarer Nähe. Diese "Satelliten" sollen dazu beitragen, dass die Ergebnisse verlässlich und repräsentativ sind - schließlich kann ein Waldboden alle paar Meter anders beschaffen sein.

Den Standort mitten im Buchenwald bei Angermünde haben die Wissenschaftler ganz bewusst gewählt. "Die Stelle hier kommt dem Urwald-Charakter noch am nächsten - es gibt Totholz und die Bäume stehen nicht so eng", sagt Bruckhoff. Zum Vergleich wurden die gleichen Dächer auch in einem forstwirtschaftlich und einem kommerziell genutzten Wald aufgebaut. Und das nicht nur in Brandenburg, sondern auch in Thüringen und Baden-Württemberg. Denn neben dem ZALF beteiligen sich auch die Universität Freiburg und die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg an dem Projekt, wie ZALF-Professor Arthur Geßler erklärt. Sind die Dächer fertig aufgebaut, sollen Wissenschaftler aller drei Institute an den dann insgesamt neun Flächen ihre Untersuchungen durchführen können. Alle Forscher wollen eine Frage klären: Kann eine höhere Biodiversität - also biologische Vielfalt - dem Wald dabei helfen, mit der zunehmenden Trockenheit umzugehen? Er gehe davon aus, dass Pflanzen mit unterschiedlichen "Charaktereigenschaften" wie etwa tiefen und flachen Wurzeln die dann noch vorhandenen Ressourcen am besten nutzen könnten, sagt Geßler und gibt ein Beispiel: Eine Pflanze mit langen Wurzeln kann Wasser aus großer Tiefe nach oben bringen und einen Teil davon an die oberen Bodenschichten abgeben. Gleichzeitig könnte die obere Schicht von einer Pflanze mit weniger tiefen Wurzeln genutzt werden und bei Trockenheit von dem vom Tiefwurzler abgegebenen Wasser profitieren.

Welche Pflanzen das sind und wie schnell sie sich anpassen, soll nun eben mit den Walddächern herausgefunden werden. Daraus könne dann abgeleitet werden, wie Waldflächen am besten bewirtschaftet werden, sagt Felsmann. Der Buche, die vor allem im Norden Deutschlands vorherrscht, geben die Wissenschaftler zum Beispiel wenig Chance. Schon nach dem heißen Sommer 2003 habe man beobachtet, dass die Buchen sich schwer taten, genügend neue Blätter zu bilden, sagt Geßler.

Im Februar sollen die ersten Dachplatten gleichzeitig an allen neun Orten in Deutschland angebracht werden. Vermutlich einmal im Monat muss das Team dann raus in den Wald, um sie zu verschieben, sagt Felsmann. Außer wenn es schneit, dann müsse geschippt werden - die Kunststoffplatten würden sonst unter das Last des Schnees brechen. "Wenn dieser Winter so wie der letzte wird, haben wir einiges zu tun", sagt sie.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen