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Der Prignitzer

24. November 2017 | 21:36 Uhr

Ein Kalender aus der Bronzezeit

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erstellt am 29.Apr.2013 | 07:00 Uhr

Seddin/Brandenburg | Es ist eine archäologische Sensation, die Experten mit der Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra vergleichen: Zwei Prignitzer Amphoren aus dem Königsgrab Seddin und aus einer Fundstätte in Herzberg (OPR) stammen vermutlich aus der gleichen Werkstatt und vielleicht sogar von gleicher Meisterhand. Sie hatten eine Kalenderfunktion. Über diese Entdeckung informierten gestern Wissenschaftler im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel.

Die zwei großen Bronzeamphoren kamen 1899 und 1991 in Seddin und Herzberg, keine 70 Kilometer voneinander entfernt, zum Vorschein. Altersmäßig stammen sie aus der Bronzezeit (ca. 950-800 v. Chr.). Beide Gefäße tragen ein charakteristisches Buckeldekor. "In ganz Europa gibt es nur elf vergleichbare Exemplare", sagt Dr. Christof Krauskopf, Pressesprecher am Landesmuseum. Um so erstaunlicher, dass es in der Prignitz gleich zwei sind.

Unter Experten werden sie auch als Kalendergefäße bezeichnet. Grund dafür sind ihre Dekore. Der einfache Buckel wird als Zeichen für einen 24-Stunden-Tag gedeutet. Die Summen der Buckel aus den Reihen und Abschnitten ergeben natürliche Zeitabschnitte wie etwa ein Mondjahr zu 354 Tagen oder ein Sonnenjahr mit 365 Tagen. All das lesen die Forscher aus dem Seddiner Dekor heraus. "Die Ringbuckel bilden als übergeordnete Einheiten größere Zeitabschnitte ab. Sie dienen als Bedienanleitung sowie der schnellen Lesbarkeit des kalendarischen Systems", erklärt Dr. Krauskopf. Die Dekore lassen demnach nur den Schluss zu: Sie zeigen Materialisierung, Visualisierung und Beherrschung von Zeit. "Dies stellte eine außerordentliche kulturelle Leistung dar", so Krauskopf.

Erst die jetzt abgeschlossene Laserscan-Untersuchung der Herzberger Amphore im Sächsischen Landesamt für Archäologie ließ diese Erkenntnisse zu. Das Herzberger Gefäß ist im Unterschied zum Seddiner schwer beschädigt. Der Versuch der Rekonstruktion mit den Berechnungen und Vergleichen zum Buckeldekor verhalfen zu diesem Durchbruch, zur Entdeckung der Kalender.

Die Laser- und Streifenlichtscans erzeugen hochgenaue, dreidimensionale Bilder, die in jede Richtung gedreht und übereinander gelegt werden können. Dadurch wurde ein genauer Vergleich der zwei Gefäße möglich. Das Ergebnis ist ein "extrem hoher Grad der Übereinstimmungen zwischen Seddin und Herzberg". Beide Gefäße sind in den Höhen absolut identisch, das heißt Ober-,Unterteile und Fußstücke sind exakt gleich hoch, was die Archäologen so nicht erwartet hatten. Auch die Position der Reihen mit den Buckeln auf den Ober- und Unterteilen ist auf beiden Amphoren exakt gleich und die Prägetechnik sowie die Abstände der Buckel zueinander sind ebenfalls auf beiden Gefäßen identisch. Sie variieren lediglich hinsichtlich ihrer Breiten.

"Beide Amphoren konnten in ihren höhentechnischen Übereinstimmungen nur hergestellt werden, wenn der Schmied ein Modell, eine Vorlage oder das Gegenstück selbst besaß oder zumindest genau kannte", sagt Dr. Christof Krauskopf. Daher schlussfolgern die Wissenschaftler, dass wahrscheinlich beide Gefäße aus einer Werkstatt stammen, möglicherweise vom gleichen Meister hergestellt wurden. Aller Wahrscheinlichkeit nach habe sich diese Werkstatt in der Prignitz befunden.

Offen bleiben aus Sicht der Archäologen drei Fragen: Wurden weitere vergleichbare Gefäße auch in der Prignitz hergestellt? Lassen sich einzelne Schmiedemeister anhand besonderer Handschriften identifizieren? Sind der Schmied und der Gestalter des Dekors identisch?

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