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Flüchtlinge in Perleberg : Ein ,Guten Tag‘ reicht nicht

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Flüchtlinge: Willkommensfest in Perleberger Bäckerstraße soll Gerüchte entkräften und die Scheu nehmen / Sprache als größte Barriere

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erstellt am 18.Okt.2015 | 22:00 Uhr

„Neue Nachbarn“, „Heimat.Los!Prignitz.“ oder „Ankommen“ steht auf den Flyern, die auf der Kaffeetafel liegen. An ihr sitzen an diesem Nachmittag in Perleberg Flüchtlinge und Prignitzer. Die beiden Gruppen sitzen sich gegenüber, wollen miteinander ins Gespräch kommen, doch so ganz will das nicht gelingen – zu groß ist oft die Scheu und auch die Sprachbarriere. Dass dies nicht mehr lange so bleibt, dazu sollte das Willkommensfest in der Bäckerstraße etwas beitragen.

„Es soll ein entspanntes, freundliches Fest sein, dass sich die Flüchtlinge angenommen fühlen, aber bei dem auch Fragen beantwortet und Gerüchte aus dem Weg geräumt werden“, erklärt Christa Bracklow vom Prignitzer Frauenforum, das zusammen mit der Stadt die Veranstaltung ausrichtete. Und so bildete sich eine Menschentraube um Walid El Baghdady, der als Übersetzer fungierte. „Die Leute wollen sich vor allem bei den Prignitzern bedanken, wie sie aufgenommen wurden. Viele kommen aus Eisenhüttenstadt, dort gab es Demos gegen Asyl und sie dachten, hier geht es so weiter. Aber hier sind andere Menschen und eine andere Stimmung“, so der Awo-Mitarbeiter.

Einer von diesen offenen Menschen ist Peter Dörfel. Er leitet selbst einen Handwerksbetrieb als Lehmbauer und kann sich vorstellen den Syrern zu helfen: „Wir haben im Handwerk keinen Nachwuchs und vielleicht ist hier jemand bei, der Interesse hat.“ „Gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sollten diese Leute doch als Chance verstanden werden, den Landkreis voranzubringen“, ergänzt Henry Krüger, der gekommen war, um zu erfahren, ob es in dieser Hinsicht ein klares Konzept gibt.

Landkreis ist auf den Notfall vorbereitet

Als Ansprechpartner war der erste Beigeordnete des Landrates, Christian Müller, erschienen. „Der Landkreis wird 2015 insgesamt 904 Asylsuchende aufnehmen, etwa 600 sind derzeit bereits hier untergebracht“, so Müller. „Nein, Asylbewerber bekommen nicht mehr Geld als Langzeitarbeitslose“, „Die Unterbringung in Wohnung ist genau die richtige Form zur Integration, damit sind wir anderen Landkreisen voraus“, „Nein, leer stehende Gebäude wie das Armeegelände bräuchten Jahre um bewohnbar zu sein“ und „Nein, bisher benötigen wir keine kreiseigenen Finanzmittel, sondern kommen mit den Pauschalen aus“, waren dabei nur einige Aussagen Müllers.

Ein Gerücht, das sich hartnäckig in Perleberg hält, brachte eine Lehrerin zur Sprache: „Stimmt es, dass die Rolandhalle geschlossen und als Unterkunft genutzt wird?“ Und verneinen konnte es der erste Beigeordnete nicht, jedoch etwas entkräften. „Die Halle gehört zum Notfallkonzept. Es geht auf den Winter zu und teilweise leben die Menschen in Eisenhüttenstadt noch in Zelten. Wenn dort etwas passiert, sind wir vorbereitet, aber wir hoffen, dass der Notfall nicht eintritt“, so Müller.

Doch ging es den Leuten an diesem Tag vor allem darum, ihre Hilfsbereitschaft zu zeigen und zu erfahren, wie sie die Integration erleichtern können. „Ich habe die Zeit um 1945 mitgemacht und fühle mich teilweise zurückversetzt. Ich will wissen, was man gegen das Elend der Menschen machen kann und wie ich persönlich etwas bewege“, so die 80-jährige Helga Lüdeke. Darauf hatten die Organisatoren eine einstimmige Antwort: „Die Sprachbarrieren sind die größte Hürde. Die Leute sagen immer ,sprecht mit uns‘, nehmt euch drei Minuten Zeit, nur so lernen wir. Ein ,Guten Tag‘ reicht da nicht.“

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