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Der Prignitzer

22. November 2017 | 17:56 Uhr

Ein Gnadenhof für den Lebensabend

vom

svz.de von
erstellt am 26.Mär.2012 | 08:01 Uhr

Oranienburg | Drei kleine Hunde stoßen sachte mit ihrer Schnauze eine Tür auf und schnuppern neugierig an der frischen Luft. Ihre Körper ziehen Rollgestelle hinter sich her - denn ihre Hinterbeine sind gelähmt. Die Gestelle bleiben am Türrahmen hängen, weil Bob, Promyk und Dodi den Radius noch nicht genau einschätzen können. Auf dem Gnadenhof Lehnitz in Oranienburg nördlich von Berlin leben Haustiere, die behindert sind, einen Unfall hatten oder misshandelt wurden. Die Pflege ist intensiv, deshalb seien sie kaum mehr vermittelbar, sagt der leitende Angestellte des Hofs, Norbert Damm.

Anders als in Tierheimen leben Tiere auf Gnadenhöfen bis an ihr Lebensende. Wie viele solcher Einrichtungen es in Brandenburg gibt, ist unklar, sagt die Vorsitzende des Landestierschutzverbands, Renate Seidel. Sie seien nicht offiziell erfasst. Zudem erfüllten die Tierheime der 27 beim Verband gelisteten Tierschutzvereine in Brandenburg oftmals auch die Funktion eines Gnadenhofs, weil es Tiere gebe, die jahrelang nicht vermittelt würden.

Die Hunde, Vögel und Meerschweinchen auf dem Gnadenhof Lehnitz eint ein Schicksal - sie wurden ihren einstigen Besitzern irgendwann einmal zur Last. "Viele wissen nicht, was es bedeutet, ein Haustier zu halten", sagt Damm, der mit derzeit 300 Tieren auf dem Hof in einem Schrottplatz- und Schrebergartenidyll lebt. Nicht selten kämen auch Gewalt oder tragische Unfälle ins Spiel. Der französische Bulldoggen-Rüde Bob etwa ist querschnittsgelähmt, seitdem er seinem Besitzer aus der Hand gefallen sei, sagt der 25-Jährige und streichelt das agile acht Monate alte Tier. "Der Besitzer konnte sich die Operation nicht leisten, deshalb ist Bob jetzt hier."

Der Hund schnuppert an einer großen Kiste mit Kiwis. "Damit können wir die Vögel füttern", sagt Damm zu einer Schülerin, die gerade ein Praktikum in der Einrichtung absolviert. In dem kleinen Häuschen auf dem 1000 Quadratmeter großen Areal ist es laut. Vogelgezwitscher mischt sich mit Hundegebell.

Der 2009 gegründete Gnadenhof, der zugleich auch eine Auffangstation für Wildtiere und Haustiere ist, die weitervermittelt werden, finanziert sich vor allem aus Spenden, sagt Damm. Der Deutsche Tierschutzbund fordert deshalb mehr Unterstützung für Gnadenhöfe in Deutschland. Kommunen sollten den Einrichtungen mehr finanzielle Hilfe anbieten, damit die Unterbringung von ehemaligen Zirkustieren oder misshandelten Haustieren über Jahre hinweg gewährleistet werden könne, sagt Pressesprecher Marius Tünte. Gnadenhöfe seien ein wichtiger Bestandteil des Tierschutzes. Viele von ihnen seien aber vollständig auf Spendengelder angewiesen.

Bulldogge Bobs Spielgefährtin Dodi, ein Havanese-Bichon-Mix, läuft mit ihrem Rollgestell auf Damm zu, ihre Beine schleifen am Boden entlang. "Sie wissen nicht, dass der Rolly dran ist", sagt Damm. Gerade hat er Dodi gewickelt, sie trägt einen bunten Babystrampler. Drei Mal am Tag wickeln die Tierschützer die gelähmten Hunde.

Nicht nur die Zahl der Gnadenhöfe in Deutschland kann nur geschätzt werden, sondern auch die der Misshandlungen von Tieren. Ob diese in den vergangenen Jahren angestiegen sind, kann laut Deutschem Tierschutzbund nicht genau beziffert werden. "Gefühlt haben die Misshandlungen zugenommen", sagt Tünte. Das komme auch daher, dass Fälle im Internet bekannt würden.

Der Gnadenhof Lehnitz kann jedenfalls eines feststellen: Die Zahl der misshandelten Tiere, die ihren Lebensabend auf dem Hof verbringen, hat stetig zugenommen. "Das schöne an Hunden aber ist, dass sie nicht nachtragend sind - so können sie besser mit ihrem Schicksal umgehen", sagt Damm.

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