Wende 1989 : Ein Blick hinter die Kulissen des Mauerfalls

Walter Momper (l.) und Peter Brinkmann konnten beide mit Anekdoten zum Mauerfall aufwarten.
Walter Momper (l.) und Peter Brinkmann konnten beide mit Anekdoten zum Mauerfall aufwarten.

Journalist Peter Brinkmann plaudert im KMG-Club mit Walter Momper, 1989 Stadtoberhaupt in West-Berlin

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05. November 2014, 09:45 Uhr

Tränen an sich öffnenden Schlagbäumen, Küsschen für Grenzsoldaten, Umarmungen zwischen wildfremden Menschen: Die Bilder des Mauerfalls sind nach 25 Jahren in den Medien präsent wie nie. Der KMG-Club am Dienstagabend bot hingegen einen Blick hinter die Kulissen: Peter Brinkmann, seinerzeit Korrespondent der Bildzeitung in der DDR, plauderte mit Walter Momper, 1989 bis 1991 regierender Bürgermeister von Berlin. Zwei Zeitzeugen, die aus ihrem ganz persönlichen Erlebnisschatz berichten, sich gegenseitig Bälle zuspielen konnten. Kein Frage-Antwort-Spiel wie sonst im KMG-Club üblich.

Momper, der sich in der heißen Phase kurz vor dem Mauerfall mehrfach mit Mitgliedern des Politbüros der SED getroffen hatte, gab einen interessanten Einblick in die Hinterzimmergespräche, die die Entwicklung entscheidend beeinflussen sollten. „Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Günter Schabowski, in dem er sehr selbstkritisch über die Lage in der DDR reflektierte. Am Ende erwähnte er fast beiläufig, dass man die Reisefreiheit einführen wolle. ,Ein moderner Staat ohne Reisefreiheit ist nicht machbar‘, sagte er. Über die praktische Umsetzung hatte man da aber noch gar nicht nachgedacht.“ Damit sich Westberlin auf den zu erwartenden Ansturm vorbereiten konnte, habe Schabowski zugesichert, West-Berlin 14 Tage vor Inkrafttreten der Regelung zu informieren.

Mit 500 000 Menschen rechneten Momper und seine Mitarbeiter. „Für uns galt es, uns darauf vorzubereiten. Die BVG sicherte uns zu, dass sie dank Smogfahrplänen, die noch aus der Zeit starker Luftverschmutzung Anfang der 80er in der Schublade lagen, alle transportieren könne. Weiterhin hieß es, Stadtpläne zu drucken, da Westberlin auf DDR-Karten ja nur ein weißer Fleck war. 250 000 Stück ad hoc herstellen, das konnte nur Springer.“

Auch an die Auszahlung des Begrüßungsgeldes wurde gedacht. Alle Banken, Postfilialen und Behörden bis hin zum Amt für Mess- und Eichwesen seien gebeten worden, Zahlstellen einzurichten, um die 100 Mark auszugeben. Schließlich machte sich der Senat sogar um die Gesundheit Gedanken. „Auch die Menge der benötigten Kondome wurde diskutiert“, sagte Momper. Gelächter im Saal.

Brinkmann erlebte die stürmischen Tage aus der Sicht des Journalisten, stets nahe dran an den politischen Entscheidungen in Ost-Berlin. „Für uns Presseleute aus dem Westen war allein die Frage interessant, ob das Reisegesetz behandelt wird oder nicht. Legendär ist natürlich die Pressekonferenz mit Schabowskis Versprecher. Nachdem er die ganze Zeit über die Neubesetzung von Parteiämtern geredet und damit die meisten Journalisten eingeschläfert hatte, kam durch Nachfrage noch das Reisegesetz zur Sprache, nur blieb offen, ab wann es gilt. Mehrere Kollegen, auch ich, fragten immer wieder dazwischen, ab wann. Dann kam der Satz mit ,...sofort, unverzüglich‘. Und alle waren wieder hellwach.“ Eigentlich sei geplant gewesen, die Information erst am nächsten Morgen um 6 Uhr über die Sender zu bringen, aber da das DDR-Radio und Fernsehen die Konferenz live übertrugen, nahmen die Dinge ihren Lauf.

Während Brinkmann sich anschließend zum Brandenburger Tor aufmacht und dort einigen Ostdeutschen sein ganzes Bargeld gibt – „so hatten sie wenigstens was fürs erste Bier im Westen“ – hält Momper eine Rede beim Sender freies Berlin.

Als er von den Entwicklungen an der Grenze erfährt, macht er sich auf zum Übergang Invalidenstraße, lässt sich ein Megafon geben, klettert auf den Tisch in der DDR-Abfertigungshalle und begrüßt die Ostberliner. Die Grenzer vor Ort wissen nicht, ob sie ihn verhaften sollen. Ein Anruf beim Vorgesetzten Oberst Ziegenhorn bringt Klarheit: „Bloß nicht!“ „Da hatte der Mann einen lichten Moment“, kommentiert Momper mit einem Grinsen.


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