2. Prozesstag zum Todesschützen in Hinzdorf : "Du Schwein hast mich beklaut!"

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Der Prozess um den 57-jährigen Peter L., der im Mai dieses Jahres auf seinen Bruder schoss und eine unbeteiligte Frau dabei tötete, ist am Dienstag fortgesetzt worden. Der Bruder, Lars L., beschrieb den Tathergang.

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17. November 2010, 07:57 Uhr

Hinzdorf | Der Fall: Der 57-jährige Peter L. muss sich seit dem 11. November wegen versuchten Mordes, fahrlässiger Tötung und Geiselnahme vor dem Landgericht Neuruppin verantworten:

"Er ist für mich nicht mehr mein Bruder, sondern nur noch der Täter." Das sagte gestern Lars L. vor dem Neuruppiner Landgericht.

Dort sitzt sein Bruder Peter auf der Anklagebank. Der 57-Jährige hatte auf der Jugendweihe seiner Nichte am 15. Mai dieses Jahres auf einem Zeltplatz in Hinzdorf mit einer Pistole seinen 42-jährigen Bruder Lars schwer verletzt. Das Projektil durchschoss seinen Hals. Anschließend traf es die 67-jährige Karin T., die noch am Tatort starb.

Nach eigener Aussage am ersten Verhandlungstag war der Angeklagte uneingeladen bei der Familienfeier aufgetaucht. Er hoffte, dort seine Schwester zu treffen, die ihn nach 17-jähriger inzestuöser Partnerschaft 2007 verlassen hatte - ohne eine Adresse zu hinterlassen. Seine Suche nach ihr verlief erfolglos. Auf der Jugendfeier erwartete er, zumindest ihren Aufenthaltsort erfahren zu können. Er habe über den Kopf seines Bruders geschossen, "um Druck auszuüben". Treffen wollte er nicht, hatte er ausgesagt. Ursprünglich plante er, sich im Beisein seiner Schwester selbst zu erschießen. Da sie nicht da war, schoss er stattdessen auf seinen Bruder. Da dieser auswich, traf er die unbeteiligte Karin T., die noch am Tatort verblutete.

Lars L. saß im Zelt am Kaffeetisch, als sein Bruder mit einer auf ihn gerichteten Pistole hereinkam. "Ich guckte genau in die Mündung", sagte Lars L. gestern. Er habe gedacht, wenn Peter ihm ins Gesicht schießen würde, sei er tot. Daran, dass der Bruder schießen würde, hatte er keinen Zweifel. Er schoss mit den Worten "Du Schwein, du hast mich beklaut." Er habe dann einen Riesenschlag gespürt, so als bekäme er einen Baseballschläger vor den Kopf. Dann sei er mit dem Stuhl umgekippt.

Anschaulich und nachvollziehbar schilderte Lars L., wie er die Tat und ihre Folgen erlebt hatte. Er ging davon aus, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Im Krankenhaus sagte ihm ein Arzt, dass er Riesenglück gehabt habe. Es sei ein glatter Halsdurchschuss, den er überleben werde. "Das war ein unvorstellbares Glücksgefühl", sagte Lars L. Er ist noch heute krank geschrieben. Er wisse bis heute nicht, wo seine Schwester wohne, so Lars L.

Sebastian L., ein Neffe des Angeklagten, stand an der Straße, um auf die Rettungskräfte zu warten, als sein Onkel Peter neben ihm hielt. "Er zwang mich, das Fluchtauto zu fahren, ansonsten würde er mich abschießen. So viel Angst hatte ich noch nie", sagte der 26-Jährige gestern. Irgendwann blieb das Auto stecken - und die Flucht hatte ein Ende.

Mit allen, die aus seiner Sicht zu der flüchtigen Schwester hielten und von denen er sich verraten fühlte, hatte er noch eine Rechnung offen. Dazu zählte auch eine seiner Schwägerinnen, Rosemarie L. Ihr Mann hatte am Vormittag des Tattages einen Anruf eines Kumpels erhalten, er solle auf seine Familie aufpassen.

In Hinzdorf passiere etwas Schlimmes. "An eine Schießerei habe ich dabei nicht gedacht", sagte die 46-Jährige vor Gericht. Ihr gegenüber hatte Peter L. in der Vergangenheit öfter sein Herz ausgeschüttet und gedroht, die Schwester, wenn er sie finde, zu erschießen oder zum Krüppel zu schlagen. "Ich habe damit gerechnet, dass mal irgend etwas passiert", sagte Rosemarie L.

Morgen wird weiter verhandelt.

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