zur Navigation springen
Der Prignitzer

23. Oktober 2017 | 10:13 Uhr

Dörfer schrumpfen unaufhaltsam

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Prignitzer Landsenioren thematisieren Überalterung und wählen einen neuen Vorstand

Sie sind ein unternehmungslustiges Völkchen, reisefreudig und wissbegierig – die Prignitzer Landsenioren, die 2013 das 15-jährige Bestehen ihres eigenständigen Vereins feierten. Auf der Jahresmitgliederversammlung in Blüthen blickten sie auf Erreichtes zurück und wählten einen neuen Vorstand.

Mehrtagesfahrt in die Sächsische Schweiz, Besuch der Laga Prenzlau, des Friedrichstadtpalastes oder der Lehr- und Versuchsanstalt in Iden/Altmark waren einige Unternehmungen im vergangenen Jahr. Auch der Kalender 2014 ist mit 20 Vorhaben gut gefüllt, einige sind bereits abgearbeitet, wie der Besuch der Grünen Woche, des Düngemittelwerks Zielitz oder Gestüts Neustadt/Dosse. Besuche der Kreistierschau in Blüthen oder des landwirtschaftlichen Dienstleisters Osters & Voss in Groß Gottschow stehen noch aus.

„Für die Fahrt nach Hamburg, u.a. mit Besuch von Helgoland, des Aerbuswerks Hamburg-Finkenwerder oder Obstbaugebiets Altes Land am 18. August bzw. 15. September haben wir noch Plätze frei, auch für Nicht-Mitglieder“, informiert Paul Stets (Tel. Kreisbauernverband 03876/612461).


Senioren größte Bevölkerungsgruppe


Der Retziner führt seit sechs Jahren die Geschicke der Seniorenvereinigung und wurde in Blüthen als Vorsitzender wiedergewählt. Wiedergewählt für die nächsten drei Jahre sind auch Dorothea Jaap, Ilse Dreßler, Konrad Hobohm, Manfred Nöhring, Dr. Siegfried Jahn und Roland Draeger. Neu im achtköpfigen Vorstand ist Albert Ehrenberg. Verabschiedet nach vielen Jahren der Mitarbeit wurde Franz Rohne. „Bei der nächsten Wahl müssen Jüngere nachrücken“, betont Paul Stets mit Blick auf das Alter der Vorstandsmitglieder von unter 70 bis über 80 Jahre.

Der langjährige Chef der Agrargenossenschaft Retzin und des Kreisbauernverbands Prignitz verband seinen Bericht mit einer Betrachtung zur historischen und aktuellen Landwirtschaft. „Vor 50 Jahren waren viele Bewohner im ländlichen Raum in die Arbeit in ihren Dörfern einbezogen. Heute findet hier nur noch eine Handvoll Leute Beschäftigung, der überwiegende Teil pendelt aus. Diese erzwungene Mobilität hat vielfach auch die andernorts beschulten Kinder erfasst. Zurück bleiben tagsüber die Nichterwerbstätigen, und das sind wir, die Seniorinnen und Senioren, die heute die größte Bevölkerungsgruppe im ländlichen Raum bildet“, so Stets.

Seiner Ansicht nach ist der Schrumpfungsprozess der Dörfer nicht mehr aufzuhalten. „Das machen auch die Zuzügler aus den Großstädten oder Künstler, die sich auf dem Lande niederlassen, nicht wett“, meint Stets. Auch in der Infrastruktur sei viel weggebrochen. „Wer Dienstleistungen in Anspruch nehmen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben will, muss mobil sein. Ohne Auto geht heute nichts mehr auf den Dörfern“, konstatiert Stets.


Landwirtschaft stark gewandelt


Stark gewandelt habe sich ebenso das Gesicht der Landwirtschaft. „Vor 100 Jahren lag der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten bei 38 Prozent, vor 50 Jahren waren es 24 Prozent, heute sind es nur noch zwei Prozent“, erklärt Stets. „Um 1900 ernährte ein Landwirt vier, vor 50 Jahren zehn Personen, für 2013 nennt die Statistik bereits 129 Mitbürger.“ Möglich wurde dies durch eine enorme Entwicklung von Technik und Erträgen (Getreide von 18,5 dt auf 74,1 dt/Hektar).

„Der starke Rückgang der unmittelbar in der Landwirtschaft Beschäftigten führt allerdings auch dazu, dass einem Großteil der Bevölkerung die emotionale Bindung zur Landwirtschaft fehlt und die Menschen keine realistischen Kenntnisse mehr von der modernen Produktion haben. Landwirtschaft wird wahrgenommen über Großtechnik auf dem Acker, Stallanlagen und Biogasanlagen, über große Schläge von Raps und Mais. So kommt es zu Vorbehalten oder gar Angriffen gegenüber landwirtschaftlicher Produktion“, bedauert Stets. „Wir haben den tiefgreifenden Wandlungsprozess von der kräftezehrenden Schufterei auf den Feldern, Wiesen und in den Ställen hin zur Arbeit mit computergestützten Maschinen und Automaten miterlebt und in Teilen mitgestaltet. Wir sind mit der Region verwurzelt und stehen fest zu unseren wirtschaftenden Berufskollegen“, betont der Vereinsvorsitzende.


Verhalten optimistisch auf gute Ernte hoffen


Zum Thema Massentierhaltung, derzeit kontrovers diskutiert, meinte Vorstandsmitglied Dr. Siegfried Jahn, Tierarzt i.R.: „Es gibt keine Massentierhaltung, was es gibt, sind große und kleine Bestände. Entscheidend für das Tierwohl sind die Haltungsbedingungen, wie die Tiere betreut und gefüttert werden. Das müssen die Landwirte immer wieder deutlich machen und sich gegen unberechtigte Vorwürfe wehren, sonst werden sie von einem kleinen Teil der Bevölkerung untergepflügt.“

Dr. Sabine Kramer, Amtstierärztin, 2. Beigeordnete des Landrats und auch für den Bereich Landwirtschaft im Kreis zuständig, nahm als Ehrengast an der Mitgliederversammlung teil und zeigte sich beeindruckt von den Aktivitäten der Landsenioren als „Mischung von Kultur, Reisen und Landwirtschaftsthemen“. „Ich möchte später auch Landseniorin werden“, meinte sie unter dem Beifall der Anwesenden - „was unseren Altersdurchschnitt sehr verbessern würde“, kommentiert Stets. Die Amtstierärztin informierte über die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners, Einsatz von Antibiotika in Tierbeständen und die afrikanische Schweinepest. Aktuelle Informationen zur Landwirtschaft, u.a. zur neuen Agrarrichtlinie der EU und zu den Beständen auf den Feldern, brachte Lothar Pawlowski mit. „Wir hoffen verhalten optimistisch auf eine gute Ernte“, meint der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen