Zurück ins eigene Haus : Die Zeit der Tränen ist vorbei

Tochter Ute Petrascheck tapetiert zu den Feiertagen die letzten Räume. Fotos: Hanno Taufenbach (2)
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Tochter Ute Petrascheck tapetiert zu den Feiertagen die letzten Räume. Fotos: Hanno Taufenbach (2)

Elfriede Kober kann bald nach Bälow in ihr vom Hochwasser zerstörtes Haus zurück kehren

svz.de von
27. Dezember 2013, 12:00 Uhr

Tochter Ute Petrascheck tapeziert den letzten Raum. Im Wohnzimmer liegt Auslegware und in der Küche kocht Wasser. Zeit für einen Kaffee bei Elfriede Kober. Zufrieden zeigt die 74-Jährige auf die neue Einbauküche und schaltet die Beleuchtung ihres kleinen Tannenbaums ein – Weihnachtsstimmung wo im Juni Tränen kullerten und die Rentnerin vor dem Nichts stand.

Die Elbeflut kroch erst langsam an ihr Haus in Bälow heran. Zentimeter für Zentimeter rückte das Wasser näher und schließlich siegte die Natur über den Menschen. 40 Zentimeter stand die Brühe in ihrem kleinen Haus. Elfriede Kober stockt der Atem, wenn sie von diesem Moment erzählt. Sie wendet den Kopf zur Seite, wischt sich eine Träne aus dem vom Leben gezeichneten Gesicht.

Seit fast sieben Jahrzehnten wohnt sie in diesem Haus, hat die Elbe oft bedrohlich steigen und dann wieder fallen sehen, bis 2002 das erste Mal Wasser in ihrem Haus stand. Alles war damals verloren, das Heim musste komplett saniert, neue Möbel gekauft werden. Um so größer war ihr Schreck, als sie jetzt erneut vor einer Wasserruine stand. „Ich konnte den Anblick nicht ertragen, zog zu meiner Tochter nach Nebelin“, sagt sie mit leiser Stimme.

Ihr Schwiegersohn Ulrich Petrascheck, die Töchter und Enkel räumten das Haus leer, entsorgten die zerstörte Einrichtung. „Ich weiß bis heute nicht, was sie von meinen persönlichen Sachen retten konnten. Die Kisten stehen in Nebelin verpackt auf dem Boden.“

Sie wusste nicht, was soll kommen, wie soll es weiter gehen. Sie wusste nur eins: „Finanziell schaffe ich keinen zweiten Neuanfang.“ Bei 380 Euro Grundsicherung im Monat war das unvorstellbar. Wovon sie damals nicht wusste, war die große Spendenbereitschaft der Leser unserer Zeitung. Gemeinsam mit unserem Mutterhaus, der Schweriner Volkszeitung, bat „Der Prignitzer“ um Hilfe für die Hochwasseropfer. Fast 90 000 Euro gingen auf dem Spendenkonto ein, 35 000 Euro davon erhielt Elfriede Kober.

„Ohne eure Hilfe, eure Spende und ohne eure Berichterstattung hätte ich es nicht geschafft“, sagt sie und dankt noch einmal allen Spendern, Freunden und Nachbarn, die sie in dieser schweren Zeit unterstützten.

Ihr persönliches Ziel, Weihnachten in Bälow zu feiern, hat Elfriede Kober nicht ganz geschafft. Nur noch wenige Tage trennen sie von der Rückkehr. Bis Silvester wird das Bad gefliest, werden die Möbel bestellt sein. Die Fußbodenheizung wärmt bereits, eine Spezialdämmung schützt die Heizung vor einem erneuten Hochwasser. Die Leitungen sind verlegt, das Grundstück größtenteils erheblich aufgeschüttet.

Auf Anraten von Bürgermeister Jürgen Herper wurde ein Teil des Außenbereichs zügig gepflastert. „Sollte wieder ein Hochwasser kommen, lassen sich Sandsäcke leichter und höher stapeln, könnten das Haus besser schützen“, sagt Elfriede Kober.

So viele fleißige Hände hätten geholfen. „Ich selbst habe ja gar nichts gemacht“, erzählt sie und verschweigt, dass sie für die Helfer kochte und frischen Kuchen servierte. Ihr Enkel Sebastian opferte seine Semesterferien, Ute und Ulrich Petrascheck waren wöchentlich in Bälow, machten fast alles in Eigenleistung.

Sie sei froh, bald wieder hier leben zu dürfen. „Alt und jung passen einfach nicht zusammen und die sind doch auch froh, wenn die Alte wieder weg ist“, sagt sie und schaut lachend zur Tochter herüber. Im Garten stehen neue Rosenstöcke, sind Stauden gepflanzt, stecken Tulpenzwiebeln in der Erde. Keine Frage, im Frühjahr wird Elfriede Kobers Garten wieder eine blühende Oase sein. In ihrer ersten Nacht werde sie wohl nicht viel schlafen und eigentlich müsste die Zimmerdecke höher hängen, damit sie vor Freude kein Loch hineinspringen kann, beschreibt sie ihre Erwartungen.

Beim Abschied blickt Elfriede Kober zur Elbe hinüber. Man muss genau schauen hinschauen, um den Fluss zu erkennen. Träge fließt er am Horizont durch sein Bett. Das Leben am Fluss wird jetzt ein anderes sein, als in den 70 Jahren zuvor.


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