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Der Prignitzer

24. November 2017 | 10:39 Uhr

Die Wiederkehr von Turm Nr. 5

vom

svz.de von
erstellt am 23.Aug.2012 | 06:55 Uhr

Wittenberge | Seit gestern früh, 10 Uhr, kann Wittenberge seinen Beinamen "Stadt der Türme" wieder voller Stolz führen. Nahezu synchron mit dem Glockenschlag hievte ein Kran die rund 14 Tonnen schwere Spitze an ihren Platz auf dem Turm der katholischen Kirche in der Perleberg Straße und gab damit der Stadt ein Wahrzeichen zurück, das seit dem 10. April 1945 in der "Skyline" der Elbestadt fehlte. Damals wurde die Kirche bei einem Luftangriff auf Wittenberge getroffen und brannte aus, der Turm stürzte ein.

Jahrzehnte gingen ins Land, bis bei einem Gemeindefest 2006 die Idee geboren wurde, die Spitze mit Spendengeldern wieder aufzubauen. 150 000 Euro errechneten die Planer, ein Mammutprojekt für den eigens gegründeten Förderverein. Ende Mai dieses Jahres war es dann so weit: Die Zimmerei Gadow und Rose aus Perleberg schnitt die ersten Balken für das Gerüst der Spitze auf Passung, trieb erste Schrauben ins Gebälk. Innerhalb von zwei Monaten wuchs die Spitze auf die stattliche Höhe von 18 Metern, am 20. August wurden Kugel und Kreuz aufgesetzt.

Bei bestem Wetter konnten die Zimmerleute nun ihr Werk vollenden. Bereits um 9 Uhr strafft der Kranführer zum ersten Mal die Seile, ein Kippen der Spitze signalisiert aber, dass noch Feinarbeit zum Ausbalancieren nötig ist. Mit Spanngurten gelingt es schließlich, die Holzkonstruktion mit den schillernden Dachplatten aus Kupfer in eine stabile Schwebeposition zu bringen und mehr als 20 Meter in die Luft zu heben. Ein kurzer Schwenk des Kranauslegers, leichte Korrekturen, absetzen, erledigt. "Für mich absolute Routine", sagt der Kranführer nach getaner Arbeit mit einem entspannten Lächeln. Die vielen hundert Zuschauer, die das Spektakel vom Marktplatz aus beobachtet haben, klatschen Beifall.

Auch bei Zimmermannsmeister Sebastian Rose fällt die Anspannung ab. "Ich hab’ zuerst meine Frau angerufen und ihr erzählt, dass alles gutgegangen ist. Ich habe selbst drei Kinder, und so ein Projekt zu vollenden, das ist fast wie ein viertes", sagt Rose. Wie viele Stunden Arbeit er und seine Kollegen in den Turm gesteckt haben, kann er nicht beziffern.

Dass die fünf Türme Wittenberges wieder vollzählig sind, ist zum großen Teil das Verdienst von Günter Mikolasch, dem Vorsitzenden des Fördervereins. "Was wir gemeinsam seit Juni 2006, also in gut sechs Jahren, erreicht haben, ist toll. Bedenkt man, dass wir 2010 bei rund 46 000 Euro standen und damit schon weit mehr Spenden gesammelt hatten als erwartet, ist das, was sich in den letzten zwei Jahren getan hat, wirklich enorm. Vielen Dank an alle, die uns unterstützt haben."

Prominentestes Gesicht des Vereins ist sicher Udo Schenk. "Es ist ein wunderbares Gefühl, zu sehen, wie die Spitze sich nach oben bewegt und damit dieses Projekt seinen Abschluss nimmt", so der Schauspieler, der aus Wittenberge stammt und bei vielen öffentlichen Anlässen wie Stadt- und Hafenfesten am Stand des Vereins für seine Sache geworben hat. "Als ich von diesem Projekt das erste Mal gehört habe, war ich sofort begeistert und habe mich gern dafür engagiert. Und die kurze Zeit, in der die Finanzierung auf die Beine gestellt wurde, hat mich sehr beeindruckt. Das dauert bei mancher Filmproduktion deutlich länger."

Viele Spenden gingen auch von Privatleuten ein, darunter ein erheblicher Betrag von Inge und Hans-Joachim Gonschor aus Köln. "Ich bin ein Wittenberger Junge, stamme von hier", sagt der 76-Jährige. "Für mich und meine Frau, wir sind beide katholisch, war es eine Herzensangelegenheit, das zu unterstützen."

Wehmütig ist der Wittenbergerin Johanna Kucinski zumute, als die Kranseile gelöst werden und die Spitze sitzt. "Ich habe am 10. April 1945 gesehen, wie die Kirche ausgebrannt ist, meine Schwester hat sogar den Einsturz des Turmes beobachtet", sagt die 85-Jährige. "Die Glocke lag nahezu unversehrt in der Ruine, und nachdem innerhalb weniger Wochen der Schutt herausgeräumt war und wieder Gottesdienste gefeiert wurden, kletterten einige Jugendliche in den Turmrest und läuteten die wieder aufgehängte Glocke von Hand", erinnert sie sich.

Auch Pfarrer Boto Mey ist erleichtert, dass die Spitze ohne Blessuren auf dem Turm angekommen ist und weiß zu berichten, dass um den Wiederaufbau lange gerungen wurde. "1946 hat Pfarrer Bolwin vorhergesagt, dass der Turm irgendwann wieder stehen wird. In den 70er Jahren, als die Kirche ihr heutiges, modernes Interieur bekam, ging Bolwins Nachfolger Kuhn so weit, einen Abriss des Turmstumpfes zu beantragen, da das klassische Äußere nicht mehr zeitgemäß sei. Gott sei Dank hat er diese Genehmigung nicht bekommen", so Mey. Es sei schön zu sehen, dass Pfarrer Bolwin recht behalten sollte.

Von den insgesamt 170 000 Euro Baukosten - davon 20 000 für weitere Maßnahmen wie Dach- und Fassadenarbeiten - trägt der Förderverein zwei Drittel, das Land Brandenburg stellt 20 000 Euro und das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken 38 000 Euro bereit.

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