Perleberg-Festival : Die Wehmut schwingt mit

Die Band „Mi Solar“ heizte mit rockigem bis jazzigem Samba auf dem Hof des Gymnasiums in der Puschkinstraße ein.
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Die Band „Mi Solar“ heizte mit rockigem bis jazzigem Samba auf dem Hof des Gymnasiums in der Puschkinstraße ein.

Hunderte Besucher genossen beim Perleberg-Festival Musik an schönen Spielstätten / Jubiläumsauflage ist wohl die letzte

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11. Juni 2017, 21:00 Uhr

Auch in seinem 20. Jahr bot das Perleberg-Festival eine hochkarätig besetzte musikalische Weltreise. Und wie bei jeder noch so weiten Reise machte auch das Festival den ersten Schritt vor der eigene Haustür. Die Musiker von Blecheinander aus Glövzin machten den Auftakt auf dem Großen Markt. Spätestens mit ihrer schmissigen Interpretation von „No no never“ von der Band Texas Lightning waren die bis zu 60 Passanten vollends von den Qualitäten der jungen Musiker begeistert.

So auch Renate Meinert: „Ich schaffe es zwar nicht immer, aber ich habe mich in etlichen Jahren schon über das besondere Ambiente gefreut“, sagt die Dergenthinerin. Nach der Anfangszeit, in der über zwei Tage allerorts gespielt wurde, schätze sie die wenigen intimen Spielstätten mehr. Ihr persönlicher Tipp sei der Museumshof.

Aber erstmal ging es in den Judenhof. Dort tauchte die Band B3 das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle, etwa indem sie auf den hypnotisch stampfenden Song „Tired caravan“ (übers.: Müde Karawane) gleich eine schnelle Funkrocknummer namens „Get up“ (Steh auf!) anschloss. Christine Röhr aus Perleberg meint: „Es wäre sehr schade, wenn es dieses Festival im nächsten Jahr nicht mehr geben würde, weil es die Stadt doch schon sehr bereichert, was anderes hineinbringt, spannende Musik, die man kennen lernen darf“, sagt sie.

Margrit und Hans Stief aus Perleberg genossen die Urlaubsatmosphäre im Museumshof bei südländischen Rhythmen auf Gitarre und Kachon, einem kastenförmigen Schlaginstrument. Ihr Höhepunkt in 20 Jahren? „Die Klezmermusik im Parchimer Hof“, heißt es blitzschnell von den langjährigen Festivalbesuchern. In die überall zu spürende Begeisterung für die handgemachte Musik abseits des Mainstreams mischt sich aber auch immer wieder Wehmut, denn das Perleberg-Festival steht vor dem Aus.

Vorerst kein Geld für weitere Auflage


„Es ist richtig, wir hatten den Stadtverordneten nicht erneut vorgeschlagen, das Festival in die Planungen für das nächste Jahr aufzunehmen, weil die Besucherzahlen doch wirklich sehr zurückgegangen sind“, so Bürgermeisterin Annett Jura. Allerdings wolle man auch flexibel sein, mit etwas Glück ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. „Wir müssen uns die Zahlen im Nachgang genau ansehen, wenn diesmal wirklich die Hölle los war, kann man über alles reden.“

Jedoch, auch das sei kein Geheimnis, ohne Sponsoren gehe es auch zukünftig nicht, denn nach dem Abgleich aller Ausgaben stehen bei Besucherzahlen wie im Vorjahr hinter jedem Ticket 120 Euro Kosten. Die brandenburgische Staatskanzlei hatte in diesem Jahr nochmal einen größeren vierstelligen Betrag beigesteuert. In seiner kurzen Bilanz zog Uwe Steuer, Vorsitzender des Festivalfreundeskreises, den Vergleich zu anderen Open-Airs mit ähnlich langer Laufzeit. Manches Fest habe das Alter nur dank Großsponsoren erreichen können. Da diese in Perleberg außer in den Anfangsjahren fehlten, sei es umso erstaunlicher, was mit kleinerem Budget und viel ehrenamtlichem Engagement geschafft worden sei.

Für den beschwingten Auftakt von „Blecheinander“ auf dem Großen Markt gab es von den Passanten viel Beifall.
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Für den beschwingten Auftakt von „Blecheinander“ auf dem Großen Markt gab es von den Passanten viel Beifall.
 

Mitorganisatorin Ulrike Ziebell, Sachbereichsleiterin Kultur und Tourismus, sagt, man habe viel getan, Besucher anzulocken, etwa indem man Überschneidungen mit Veranstaltungen vermeidet. „Wir sprechen uns mit Karstädt und Wittenberge ab, damit es nicht zu Doppelungen kommt.“ Das sei aber kein Garant für gute Besucherzahlen. Im vergangenen Jahr waren es nur rund 400. Konzerte bot das Wochenende reichlich, von Boberow über Schilde bis nach Grube. „Wenn wir auch noch mit privaten Anbietern konkurrieren, fehlen uns potentielle Besucher“ so Ziebell.

Eine dauerhafte Lösung zugunsten des Festivals wünscht sich Christa Bracklow. „Es wäre ein herber Verlust für die Stadt. In einer ohnehin strukturschwachen Region sollte man Kultur unbedingt erhalten,“ sagt sie.

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