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Bienenfresser im Anflug : Die Vogelwelt im Visier

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Falk Schulz leitet den Kreisverband im Naturschutzbund und spricht über neue Artgenossen in der Prignitz

von
erstellt am 26.Sep.2016 | 21:00 Uhr

Sie kriechen durch dichtes Gebüsch, haben stets ein Fernglas parat und leisten Zuarbeiten für Behörden und Verlage – der Prignitzer Kreisverband im Naturschutzbund (NABU). Über Storch, Bartmeise und Fledermäuse sprach „Prignitzer“-Redakteur Hanno Taufenbach mit dem Kreisvorsitzenden Falk Schulz.

Herr Schulz, Sie und Ihre Vereinsmitglieder kennen gewiss so ziemlich jede Tierart in der Prignitz. Verraten Sie uns, was Sie selbst in der jüngeren Vergangenheit überrascht hat.

Falk Schulz: Der Wanderfalke ist zurück in der Prignitz. Erst seit fünf Jahren gibt es Brutnachweise. Davor datierten die letzten aus dem Jahr 1973.

Gibt es auch ein negatives Beispiel?

Uferschnepfe und Brachvogel werden nicht mehr gesichtet.

Woran liegt das?

Die Natur ist nicht statisch, die Vogelwelt wandelt sich. Arten, die früher verbreitet waren, sind heute nicht mehr hier, andere kommen neu zu uns. Klima kann eine Ursache sein, manchmal helfen unsere Mitglieder nach.

Wie muss ich das verstehen?

Hans Werner Ullrich hat zum Beispiel jahrelang künstliche Brutinseln auf dem Cumlosener See angelegt. Jetzt brüten dort Trauerseeschwalben. Für sie ist die Prignitz die westliche Verbreitungsgrenze.

Bisher haben Sie nur von Vögeln gesprochen. Spielen andere Tiere eine untergeordnete Rolle im NABU?

Unsere Wurzeln liegen beim Kulturbund der DDR, den Kreisverband gibt es seit Dezember 1990 und die Mehrheit unserer Mitglieder sind Ornithologen. Botaniker haben wir nicht mehr, uns fehlen auch Herpetologen, die Amphibien und Reptilien erfassen könnten. Nur noch zwei Aktive befassen sich mit Insekten, vorwiegend mit Schmetterlingen.

Was ist Ihre Hauptarbeit?

Nisthilfen bauen, Biotope anlegen und unsere größte Baustelle ist natürlich der Storch.

Was gibt es zu tun?

Seit 1970 führen wir einen lückenlosen Bestand über Störche in der Prignitz. Wir erfassen und beringen die Tiere, lesen die Ringe jährlich ab, bauen Horste. Laut der Beringungszentrale Hiddensee gilt die Prignitz als das am besten untersuchte Storchengebiet in Europa.

Können Sie den Aufwand messen?

Nein, das kann man nicht. Wir haben jährlich rund 250 Paare hier. Alleine diese zu sichten, ihre Ringe abzulesen, bedeutet unzählige Stunden Zeitaufwand und viele, viele Fahrkilometer.

Erfassen Sie die Tiere nur für sich selbst oder auch für Behörden?

Unsere Sichtungen und Statistiken werden durchaus ernst genommen, zum Beispiel vom Landesumweltamt. Sie finden Berücksichtigung bei der Planung von Bauvorhaben. Vogelschutzbehörden fragen Artenvorkommen ab.

Von 2005 bis 2009 haben unsere Mitglieder am deutschlandweiten Brutvogel-Atlas mitgearbeitet, der inzwischen erschienen ist.

Wie würden Sie Ihre eigene Spezies, die Vereinsmitglieder, beschreiben?

Wir sind alle Enthusiasten, die ganz viel Zeit und auch Geld investieren, ohne zu fragen, was wir dafür bekommen.

Und sind Sie vom Aussterben bedroht?

Ich denke nicht, aktuell zählt unser Verband 70 Mitglieder.

Was planen Sie in diesem Jahr?

Wir wollen uns die Kiesgruben in der Prignitz näher anschauen, hoffen auf Unterstützung der Eigentümer. Es geht um eine landesweite Erfassung von Brutvögeln in diesen doch recht speziellen Biotopen.

Was macht eine Kiesgrube so einzigartig?

Sie ist nicht frei zugänglich und damit recht abgeschieden. Kiesgruben haben eine ganz eigene Vegetation. Vielleicht entdecken wir den Steinschmätzer oder den Flussregenpfeifer. Es wird in jedem Fall spannend.

Sie sagten, die Natur verändert sich. Gibt es ein Tier, dessen Ankunft Sie bereits erwarten?

Genau vorhersagen kann man das nicht, aber dem Bienenfresser gebe ich gute Chancen. Er breitet sich aus, erste Nachweise gibt es aus der Uckermark und in Sachsen Anhalt soll es bereits mehrere hundert Paare geben.

Alles was Sie sagen klingt nach großer Vielfalt und intakter Umwelt. Umso unverständlicher sind für Laien Entscheidungen zu Bauvorhaben. Beispiel Zauneidechsen. Sie haben für einen Baustopp bei der Deponiesanierung in Wittenberge und beim Bau des Mischfutterwerks in der Stadt gesorgt. Ist das nicht übertrieben?

Wenn drei Zauneidechsen gesehen werden, gibt es auf der Fläche etwa den zehnfachen Bestand. Es sind also nicht nur vereinzelte Tiere. Außerdem fallen sie unter ein internationales Arten-Naturschutzabkommen und an dieses müssen wir uns halten.

Ist der strenge Schutz wirklich notwendig?

Ja. Vielleicht sehen wir das nicht so, weil wir verwöhnt sind, es bei uns viele Arten gibt. Wer woanders lebt, ist erstaunt darüber. Unsere Pflicht ist es, Arten zu erhalten, dafür ist ihr Schutz erforderlich.

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