Wittenberge : Die Visitenkarte der Sprayer

Dieses Motiv hat der Graffitikünstler Mathias Reimer am Bismarckplatz gesprüht. Fotos: Lysann Herms
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Dieses Motiv hat der Graffitikünstler Mathias Reimer am Bismarckplatz gesprüht. Fotos: Lysann Herms

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10. Mai 2013, 09:42 Uhr

Wittenberge | Lieber grau und dunkel oder bunt und aufgepeppt? In Wittenberge gibt es an vielen Fassaden Graffiti zu sehen. Ob es Kunst ist oder Schmierereien, wird unterschiedlich betrachtet. "Frustration und Langeweile sind die Gründe für die illegalen und unschönen Zeichnungen", erklärt der 27-jährige Graffitikünstler Mathias Reimer. Hier in der Stadt gebe es nur wenige Möglichkeiten, legal zu sprühen und seine Kunst an die Wand zu bringen.

Illegale Spuren hingegen sind häufiger zu entdecken. Kommentare über die Stadt, über Freunde oder auch mal eine Liebeserklärung. "Die meisten der 13- bis 18-jährigen männlichen Sprayer wollen mit ihren Pseudonymen ausdrücken: ,Ich war hier", erklärt Reimer. Gerade Flächen, an denen viele Menschen vorbeigehen, werden dazu genutzt. Sie seien für Sprayer sozusagen das Gästebuch einer Stadt. Die legalen Kunstwerke von Reimer kann man an mehreren Stellen in der Prignitz bewundern. Unteranderem hat er die Garage der WGE und den Bus vom Jugendclub Glöwen besprüht. Sein jüngstes Projekt war die Bushaltestelle im Gewerbegebiet Nord vor dem Seniorenheim.

Schon in seiner Kindheit hat der Wittenberger angefangen zu malen und sich für Graffiti zu interessieren. "Graffiti sprühen zu lernen ist wie Schreiben lernen, kreatives Schreiben." So beschreibt er den Werdegang eines guten Sprayers. Von Zeit zu Zeit und mit viel Übung wird man besser. "Für mich ist es eine Leidenschaft und ich bin süchtig danach zu sprühen. Es ist wie eine Zwangsneurose" , beschreibt Matthias Reimer seine Gefühle und bezeichnet sich selbst als Allrounder.

In Wittenberge findet man unter den illegalen Graffiti am häufigsten sogenannte "Tags" Das sind die Pseudonyme der Sprayer. "Bombings", einzelne Buchstaben, die zweifarbig gesprüht werden, entdeckt man ebenfalls. Alle illegalen Schmierereien sind strafbar, werden polizeilich verfolgt. Laut Statistik gab es 2012 achtzehn Anzeigen in Wittenberge wegen Graffiti. Im ersten Quartal dieses Jahres kam es zu fünf Anzeigen. Konsequent verfolgt werden Fälle, in denen es sich um rassistische Äußerungen, rechte Parolen oder Beleidigungen handelt. Ob sich dahinter jeweils die Gesinnung des Sprayers verbirgt, glaubt Matthias Reiner eher nicht. Viele seien wirklich kaum älter als 15 Jahre. "Sie wissen es oft nicht besser und haben selten das Ziel, politisch etwas damit erreichen zu wollen."

Graffiti werde oft negativ gesehen oder als Schmiererei. "Aber warum Jugendliche sprühen, darüber wird nicht nachgedacht", kritisiert Reiner.

Warum jedoch entstehen keine hübschen Bilder? Die Antwort ist einfach. Da es sich um eine Straftat handelt, bleibt nicht viel Zeit, für ein schönes Bild. "Je länger man braucht, desto größer ist die Gefahr, erwischt zu werden", weiß Reimer. Also sind es meist nur zwei Farben, drei Buchstaben , und das war’s. Das künstlerische Können viele Sprayer wird gar nicht sichtbar.

"Graffiti ist eine Kunstform. Wir wollen die jugendlichen Sprayer unterstützen und bieten deshalb Projekte an, bei denen sie ihr Talent beweisen können", sagt Marina Hebes, Stadtjugendpflegerin von Wittenberge. Ganz nebenbei wird dadurch manche kahle Wand in der Stadt verschönert. Auch das Jugendzentrum Würfel bietet Workshops an, bei denen die Jugendlichen Grundlagen des Sprühens lernen können. Während der Projekte werden die Skizzen umgesetzt. Der Veritas-Boxclub bietet ebenfalls eine Wand, auf der junge Leute legal üben können.

"Es gibt unter Sprayern einen Ehrencodex, der besagt, dass das Werk von anderen nicht übersprüht werden darf", erklärt Hebes. Die Stadt habe auch noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ihre eigenen Projekte wurden bisher nicht zerstört.

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