Die vergessene echte Jahrhundertflut

<strong>Heinrich Schulz zeigt an</strong> seinem Haus in Gaarz die Markierung, bis zu der 1888 das Hochwasser stand. An sechs Stellen war der Deich in der Wische gebrochen.<fotos>Hanno Taufenbach (3)</fotos>
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Heinrich Schulz zeigt an seinem Haus in Gaarz die Markierung, bis zu der 1888 das Hochwasser stand. An sechs Stellen war der Deich in der Wische gebrochen.Hanno Taufenbach (3)

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22. März 2013, 07:08 Uhr

Lenzerwische | 2002 gab es kein Jahrhunderthochwasser an der Elbe und schon gar nicht ein Jahrtausendhochwasser. Wenn man überhaupt diesen Begriff verwenden möchte, muss man 125 Jahre in der Geschichte zurück gehen, ins Jahr 1888. Am 22. März sorgte eine Elbflut für die größte Naturkatas trophe der Neuzeit in der Lenzerwische.

Heinrich Schulz zeigt auf einen kleinen, runden Metallknopf. Knapp unterhalb des Fensters markiert dieser an seinem Haus in Gaarz den Höchststand des Wasser. In der anderen Hand hält er ein Schwarz-Weiß-Foto, das in jenen Tagen entstand. Darauf sind Mitglieder der Familie Wienecke zu sehen, die Vorfahren seiner Ehefrau. Ihr Haus wurde 1795 erbaut. "Die Großeltern haben uns oft erzählt, wie das Wasser im Haus stand, das Erdgeschoss nicht genutzt werden konnte und sich das gesamte Leben im Obergeschoss abspielte", erzählt er.

An acht Stellen brach der Deich in der Wische: Klein Wootz, Kietz, Unbesandten, Baarz... Dr. Eckhart Peters nennt ein Dorf nach dem anderen, als ob es um die Beschreibung einer Radroute geht und nicht um das ganz große Leid; um Not, Elend, Hunger und Tod. Der ehemalige Leiter des Planungsamtes der Stadt Magdeburg lebt heute in Unbesandten und interessiert sich für die Geschichte der Hochwässer. Er war es auch, der Amtsdirektor Axel Wilser ansprach und vorschlug, gestern an diese Katastrophe zu erinnern. "Solche Daten sollten die Menschen im Kopf haben. Wer am Fluss lebt, muss Respekt vor ihm haben", sagt Peters, der in alten Chroniken und Dokumentationen Informationen zu dem Hochwasser entdeckt hat.

"18,36 Meter über dem Meeresspiegel verlief damals die Deichkrone, heute liegt sie bei 18,90 Meter über dem Meeresspiegel, gut 50 Zentimeter höher", erzählt er. Bis zu 80 Zentimeter hoch habe das Wasser in den Häusern gestanden. Das dürfte realistisch sein, wie die Hochwassermarkierung an dem Buswartehäuschen in Breetz belegt. Selbst wer in Stiefeln davor steht, würde nasse Füße bekommen.

Zwar liegt Breetz nicht mehr in Sichtweite von Gaarz, aber das Wasser stand in der gesamten Elbmarschniederung. Zwischen Dömitz, Wootz, Lenzen und der Wanderdüne bei Klein-Schmölen hieß es Land unter. Selbst bis zum Geestrand bei Polz reichte die Flut. "Das muss wie ein riesiges Meer ausgesehen haben", sagt Axel Wilser. Für die Bevölkerung von heute eine schier unvorstellbare Situation. "Es gab nichts zu essen, es kam kein THW, keine Bundeswehr und auch kein DRK zur Hilfe", so Wilser. Die Menschen waren auf sich allein gestellt.

"Häuser, Scheune, selbst dicke Eichenbäume wurden entwurzelt", heißt es in einer Chronik der Wische. Einen Augenzeugenbericht hat Pastor Noack in seiner Chronik festgehalten: "Die Flutwelle kam mit ein bis zwei Meter Höhe an und riss alles mit sich fort, was nicht niet- und nagelfest war. In ein bis zwei Stunden war alles geschehen." Bei Klein Wootz riss der Deich wenige Stunden später in einer Weite von rund 200 Metern auf.

Die tödliche Flut kam nicht ohne Vorwarnung, zumindest nicht, wenn man den Überlieferungen glauben darf. So wird erzählt, dass der legendäre Admiral Gijsels van Lier kurz vor dem Hochwasser als Geist zwei Betrunkenen erschienen sei. Er habe sie gemahnt, den Deich besser zu pflegen, erzählt Axel Wilser die Geschichte, so wie er sie vom Hörensagen her kennt. Während des Hochwassers trieb der Eichensarg mit dem einbalsamierten Leichnam van Liers auf dem Wasser. Die Flut hatte ihn aus der Mödlicher Gruft gespült. Später wurde der Admiral zusammen mit seiner Tochter an der Mödlicher Kirche beerdigt, wo Besucher heute noch sein Grab besichtigen können. Die Figurengruppe von Bernd Streiter an der Burg Lenzen erinnert an van Liers Wellenritt. Streiter hat ihn mit Paddel im offenen Sarg auf einer Welle fahrend dargestellt.

Heute blickt Heinrich Schulz entspannt von seinem Haus in Richtung Elbe. Angst? Nein, die habe er nicht. "Man kennt den Deich, man lebt mit den Hochwässern", sagt er. Dass eines Tages eine zweite Markierung an der Hauswand dazu kommt, hält er für nahezu ausgeschlossen. Auch Axel Wilser schüttelt den Kopf: "Die Deiche sind heute in einem Zustand, wie wir ihn noch nie zuvor hatten." Admiral Gijsels van Lier muss seine Totenruhe nicht unterbrechen.

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