Die unvollendete Einheit

„Ein Land ist zu mir gekommen. Ich habe es mir nicht ausgesucht.“Helmuth Markov (Die Linke) Finanzminister Brandenburg
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„Ein Land ist zu mir gekommen. Ich habe es mir nicht ausgesucht.“Helmuth Markov (Die Linke) Finanzminister Brandenburg

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07. November 2010, 06:09 Uhr

Wittenberge | Deutschland einig Vaterland. Realität, Vision, Illusion? Von allem ein bisschen könnte das Fazit der Podiumsdiskussion am Freitagabend im Gymnasium Wittenberge lauten. Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung steht die Antwort darauf aus, prallen konträre Sichtweisen aufeinander, die jede für sich Antwort gibt, abhängig von der Biographie der dahinter stehenden Person.

Ist die Frage nach dem Zusammenwachsen legitim? Für Brandenburgs Finanzminister Dr. Helmuth Markov (Linke) hörten die DDR und die BRD auf zu existieren. "Ein neues Land ist entstanden. Es wäre legitim über die Werte dieses neuen Landes zu diskutieren", sagt er. Markov betont, er habe sich dieses Land nicht ausgesucht: "Ein fremdes Land ist zu mir gekommen." Mit ihm fremde Werte, fremde Gesetze. Brasilien sei ihm von der Mentalität her näher gewesen, als das vereinte Deutschland. Und Markov weiter: "Die DDR hatte hohe soziale Menschenrechte."

"Um Gottes Willen", raunt Dr. Saskia Ludwig bei diesen Worten, zügelt ihren Protest, bis Moderatorin Carola Aßmann der CDU-Fraktionschefin das Wort erteilt. Sie habe nicht wie Helmuth Markov Brasilien oder Indien gesehen. "Ich durfte nicht, viele durften nicht. Wir waren eingesperrt", sagt sie. Persönliche Freiheit hätte die DDR nicht zugelassen. "Andere haben die Entscheidung getroffen, was ich mir ansehen darf." Die DDR sei eine "Diktatur gewesen, die die Lebensleistung des Menschen nicht würdigte", so Ludwig. Eine Diktatur, in der es die Todesstrafe gab und 1987 letztmalig bei einem politisch Verurteilten angewendet worden sei.

Die junge FDP-Landtagsabgeordnete Linda Teuteberg stimmt ihr zu. Soziale Menschenrechte hätte es nur auf dem Papier geben. Berufsverbote drohten jenen, die öffentlich gegen die Parteilinie verstießen und für Betroffene "gab es nicht ansatzweise eine soziale Absicherung wie heute", sagt Teuteberg, die zum Mauerfall acht Jahre alt war.

Nach 20 Jahren Einheit sei die Lebenserwartung im Osten gestiegen, die Meinungsfreiheit tagtägliche Realität. Dr. Saskia Ludwig verweist auf die wirtschaftlichen Aspekte, auf die entstandene Infrastruktur im Osten. All das bedeute für dieses Land mehr zusammen, als getrennt. Pfarrer Reinhard Worch hebt den friedfertigen Charakter der Wende hervor und und der SPD-Fraktionschef Ralf Holzschuher sagt: "Ein gemeinsames, vielfältiges Land ist entstanden."

Und doch sein eine große Chance vertan worden, erinnert Markov. Die Vereinigung erfolgte nach Artikel 23 Grundgesetz als Beitritt. Alternativ gab es den Artikel 146. Dieser sah die Auflösung des eigentlich provisorischen Grundgesetzes und die Bildung einer neuen gemeinsamen Verfassung vor. Das wäre aus Markovs Sicht der bessere, der gerechtere Weg gewesen. Dass eine gemeinsame Verfassung eher zu einem Wir-Gefühl geführt hätte, sieht auch Ralf Holzschuher, "aber die Dynamik hätte das nicht zugelassen".

Die "pauschale Abwertung von Lebensleistungen" der Menschen im Osten sei ein Hauptgrund, warum die Einheit nicht erreicht sei, meint der Wittenberger Marcel Elverich. "Die Grenze in den Köpfen ist noch da", so Lehrerin Kathrin Lockenvitz. Und sie werde bleiben bei denjenigen, die beide Länder erlebt haben, "das ist ein Altersproblem". Sie verurteilt, dass sich Leute ein Urteil anmaßen, die selbst die DDR nicht erlebt haben. Das trage zum Erhalt der Grenzen bei.

Die Jugend bringt es auf den Punkt: "Ost und West ist mir egal, in meiner Generation spielt die Integration eine viel größere Rolle", sagt ein Schüler. "Die Einstellungen der Menschen sind festgefahren, egal wie lange wir hier diskutieren", meint ein anderer. Warum es 20 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht gleiches Geld für gleiche Arbeit im Osten gibt, will eine Schülerin wissen.

Die Einheit ist unvollendet. Vielleicht sollte die Frage nach dem Zusammenwachsen nicht ständig neu gestellt werden. Nach dem Zusammenwachsen der Friesen mit den Bayern fragt schließlich auch niemand. Übrigens: Helmut Markwort, langjähriger Chefredakteur beim Focus, sagte Freitagabend in der NDR-Talkrunde: "Nord- und Südhessen - da sind ja Welten dazwischen."

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