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Dorfakademie Höhenland : Die Uni für Kinder auf dem Dorf

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Mit einer Lupe in der Hand begutachten zwei Jungen ein kleines Wiesenstück in Wölsickendorf im Landkreis Märkisch-Oderland. Sie inspizieren Grashalme und Blätter und werden fündig.

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erstellt am 19.Dez.2011 | 11:20 Uhr

Wölsickendorf | Mit einer Lupe in der Hand begutachten zwei Jungen ein kleines Wiesenstück in Wölsickendorf im Landkreis Märkisch-Oderland. Sie inspizieren Grashalme und Blätter und werden fündig. "Das könnte es sein, ja, das ist Spitzwegerich", sagt einer der beiden strahlend und pflückt mehrere Stängel. In der Dorfakademie Höhenland üben an diesem Tag 25 Kinder der Käthe-Kollwitz-Schule aus Bad Freienwalde, Kräuter zu unterscheiden. Die Einrichtung will nach eigenen Angaben das Bildungsangebot im Berliner Umland verbessern.

Seit 2009 bietet die Dorfakademie Kurse an, jährlich sind es rund 60. "Es gab zwar in der Region Bildungsangebote, aber sie waren zu schmalspurig angelegt", sagt die Vorsitzende des örtlichen Vereins Landblüte, Ingrid Seiffarth. Der Verein koordiniert das Kursprogramm, das von Bewerbungstrainings über Zeichenkurse bis zu Tischtennisturnieren reicht. In Kooperation mit Schulen und Stiftungen werden die Veranstaltungen, die sich vorrangig an Kinder richten, organisiert.

Auf der Wiese wird Kursleiterin Theda Lang von den Schülern, die alle mit Lupen ausgerüstet sind, mit Fragen gelöchert. "Ist das auch ein Kraut, kann man das essen", fragt ein Schüler und hält ihr eine vertrocknete Blüte vor die Nase. Lang, die vegetarisch kocht, erläutert mit ruhiger Stimme die verschiedenen Kräuter. Neben ihr arbeiten Dutzende ehrenamtlich als Dozenten für das Projekt. Ein breites Bildungsangebot im ländlichen Raum zu schaffen, sei schwierig, sagt die Bürgermeisterin der Gemeinde Höhenland, Helga Kowatzky. "Die Wege zu den Einrichtungen werden wegen eines sinkenden Angebots immer weiter, und Kinder sind auf ihre Eltern als Fahrer angewiesen, weil öffentliche Verkehrsmittel oftmals dort gar nicht oder nur schlecht hinführen."

Einrichtungen wie die Dorfakademie wirkten gegen diesen Trend, betont Kowatzky. "Außerdem schafft es ein Stück Integration: Viele Städter sind auf die Dörfer gezogen und lernen sich über solche Angebote erst richtig kennen."

Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) lobte jüngst die Akademie als Beispiel dafür, "wie auch im ländlichen Raum durch Aktivierung der eigenen Ressourcen attraktive und für alle erreichbare Bildungsmöglichkeiten angeboten werden können."

Angebote wie die Dorfakademie folgten dem Prinzip der Kinder-Uni, sagt der Referent des Bereichs demografischer Wandel der brandenburgischen Staatskanzlei, Torsten Maciuga. Normalerweise gebe es solche Einrichtungen dort, wo sich Universitätsstandorte befinden. "Auf dem Land müssen wir die Bildungsangebote aber dorthin bringen, wo Kinder sind. Die Lebensqualität vor Ort soll so gestaltet werden, dass Menschen sie akzeptieren und weniger Gründe haben, aus dem Raum in die Städte oder ganz aus Brandenburg herauszuziehen."

Kürzlich wurde die Dorfakademie Höhenland mit dem Deutschen Bürgerpreis in der Kategorie Alltagshelden ausgezeichnet. Der Preis würdigt ehrenamtliche Tätigkeiten und wird vom einem Bündnis aus Bundestagsabgeordneten, Städten, Landkreisen und Gemeinden sowie Sparkassen vergeben. "Es ist ein Vorzeigeprojekt dafür, wie Bürger im ländlichen Raum auf das Wegbrechen von Infrastruktur und Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens aktiv reagieren können", heißt es in der Begründung der Jury.

Auf dem Küchentisch im Gemeinde- und Kulturzentrum liegt ein Berg von gesammelten Kräutern. Die Ausbeute auf der Wiese war gut. Die Schüler bereiten Kräuterquark und Pesto zu. "Eigentlich schmecken mir Kräuter gar nicht so", gibt eine Schülerin, die mit Hacken von Petersilie beschäftigt ist, leise zu. Ihr Nachbar schwärmt dagegen: "Doch, Pfefferminzblätter im Tee." Ein Junge bringt es wohl auf einen Nenner: "Besser als Schule ist es auf jeden Fall".

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