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Homo-Ehe : Die Ungerechtigkeit in Formalien und Gesetzen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine eingetragene Lebenspartnerschaft ist Diskriminierung nach Gesetz, findet ein schwules Paar aus der Prignitz

von
erstellt am 28.Jul.2015 | 08:00 Uhr

„Ich persönlich fühle mich nicht zweitklassig, nur weil Deutschland für homosexuelle Paare ein eigenwilliges Konstrukt wie die eingetragene Lebenspartnerschaft erfunden hat“, sagt Harald. „Dennoch nervt mich die Ungerechtigkeit, die es auszuhalten gilt, weil man eine sexuelle Orientierung hat, die von der vermeintlichen Norm abweicht.“

Harald lebt im Norden des Landkreises Prignitz zusammen mit seinem Partner Chris, einem Südafrikaner, den es beruflich nach Deutschland verschlagen hat. 2011 haben sich die beiden über das Internet kennen und lieben gelernt. „Nach einiger Zeit war uns klar, dass wir unser Leben gemeinsam verbringen wollen. Seit dem 1. März 2013 tragen wir gemeinsam Ringe, wir wollten und wollen damit nach außen hin zeigen, dass wir zusammen gehören.“ Der Plan, die Lebenspartnerschaft auch vor dem Gesetz amtlich zu machen, steht, aber zunächst gilt es, die rechtliche Lage zu sondieren.

„Ich habe zuvor bereits mit einem anderen Mann in einer eingetragenen Partnerschaft gelebt“, erzählt Harald. 24 Jahre seien sie liiert gewesen, aber einen Grund, vor den Standesbeamten zu treten, habe es lange Zeit nicht gegeben. „Es gab damals keine nennenswerten Vorteile für uns.“ Erst als Haralds Partner schwer erkrankt, wird die Frage aktuell. „Es ging um meine Absicherung und um Entscheidungsbefugnisse.“ 2010 ist es so weit, und das Standesamt Meyenburg besiegelt die zweite Lebenspartnerschaft von Homosexuellen im Amt überhaupt. Wenige Monate später verstirbt Haralds Partner.

Im Vergleich zu 2010 hat sich tatsächlich etwas geändert. 2012 führen alle Bundesländer außer Sachsen und Bayern das Ehegattensplitting für eingetragene Partnerschaften ein, 2013 urteilt auch das Bundesverfassungsgericht so. Damit sind homosexuelle Paare heterosexuellen steuerrechtlich gleichgestellt.

Als problematisch erweist sich Chris’ südafrikanische Staatsbürgerschaft. „Das Standesamt verlangt ein Ehefähigkeitszeugnis, das bestätigt, dass man ledig und heiratsfähig ist“, sagt Chris. Südafrika stelle solche Zeugnisse aber nicht aus. So brauchte es erst eine Entscheidung vom Oberlandesgericht, damit der Weg für die Eintragung der Lebenspartnerschaft frei wurde. Bis November dauerte der Marathon durch die Bürokratie – dabei sollte die Feier zur Vermählung bereits am 11. Oktober des Vorjahres stattfinden.

„Damit war klar, dass der standesamtliche Teil, also die offizielle Eintragung der Lebenspartnerschaft, wegfallen würde. Wir mussten uns eine Alternative für unsere geplante Feier mit Freunden und Familien überlegen.“ Und die gerät zum Lehrstück, wie viel weiter als das Gesetz die Gesellschaft und sogar manche Kirchengemeinde ist. „Die Bürgermeisterin von Halenbeck schlug uns die Kirche und den Gemeinderaum vor“, sagt Harald. Erst sei das Paar skeptisch gewesen, aber ein Gespräch mit dem Pfarrer sei von solcher Offenheit geprägt gewesen, dass sich die Zweifel zerstreuten. „Der Pfarrer wollte sich zunächst mit dem Gemeindekirchenrat abstimmen, und als auch von dort grünes Licht kam, stand dem Plan nichts mehr im Wege. Zwei Stunden dauerte die Zeremonie in der vollen Kirche, es war ein wunderbarer Tag.“ Ein konfessionsloses schwules Paar verspricht sich in einer Prignitzer Kirche die Treue – ein ideeller Akt völlig unabhängig von diskriminierender Gesetzgebung.

Knapp zehn Monate nach der kirchlichen „Trauung“ verfolgen Harald und Chris die Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare mit Interesse. „In Südafrika ist das schon seit 2006 möglich, und sogar die katholisch geprägten Iren haben dafür votiert“, sagt Chris kopfschüttelnd, und Harald ergänzt: „Es ist einfach nicht nachvollziehbar, warum ein fortschrittliches Land wie Deutschland es nicht hinbekommt, den Artikel 3 des Grundgesetzes, nach dem alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, auch wirklich konsequent anzuwenden.“

Gleichberechtigung sei erst dann gegeben, wenn schwule und Lesben genauso heiraten dürften wie Mann und Frau, sind sich Harald und Chris einig. „Und wenn sie Kinder adoptieren dürfen, auch wenn wir das selbst nicht vorhaben“, sagt Harald. „Erst dann ist es mit der Diskriminierung von Rechts wegen vorbei.“

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