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Reportage: HIV und Aids : Die subtile Angst vor dem Wort „positiv“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Selbstversuch: „Prignitzer“-Redakteur Lars Reinhold besucht die HIV-Testberatung des kreislichen Gesundheitsamtes, lässt sich über Infektionswege und Therapiemöglichkeiten aufklären und seinen HIV-Status überprüfen

von
erstellt am 06.Jan.2015 | 11:30 Uhr

Prignitz Donnerstag, 18. Dezember,  8 Uhr morgens. Noch anderthalb Stunden, und ich weiß Bescheid. Komisches Gefühl. Die Nacht habe ich einigermaßen schlecht geschlafen, von der anfänglichen Souveränität ist nichts mehr übrig. HIV. Das Schreckgespenst der „mach’s-mit“-Kampagne, die in meiner Jugend mit Plakaten, Flyern und Werbespots omnipräsent war – und bei mir offensichtlich durchschlagenden Erfolg hatte. Kein Sex ohne Kondom. Im Rausch der Hormone nie die Kontrolle verlieren. Dieser Linie bin ich treu geblieben. Allerdings gab es da doch mal eine Panne. Im März 2014. Wahrscheinlich hatte das Präservativ bereits beim öffnen der Verpackung Schaden genommen und war dann im Eifer des Gefechts konsequenter Weise gerissen. Ungeschützter Sex. Risikokontakt. Beste Chancen für das Virus. Dennoch hatte ich damals keinen Test gemacht. Warum? Weil mein Gegenüber alles andere als krank aussah? Weil sie mir versicherte, gesund zu sein? Vielleicht auch, weil ich es gar nicht wissen wollte, Angst vor dem Ergebnis hatte? Bestimmt eine Mischung aus allem. Zudem hatte ich keine Ahnung, dass man sich beim Gesundheitsamt kostenfrei und anonym testen lassen kann.

Rückblick: Anlässlich der europäischen HIV-Testwoche vom 24. bis 28. November 2014 hatte das Gesundheitsamt des Landkreises verstärkt für seine kostenfreien Test- und Beratungsangebote geworben. Auch für den „Prignitzer“ schien das einen Bericht wert. In einem Telefonat mit der zuständigen Mitarbeiterin Sylvia Martwich wollte ich wissen, wie die Resonanz ausgefallen war. Zwar sei man mit der Beteiligung zufrieden, berichtete sie, allerdings hätten die  zahlreichen persönlichen Gespräche wieder gezeigt, wie  hoch die Hemmschwelle bei den Menschen noch immer ist. „Es verlangt viel Fingerspitzengefühl, wenn man mit Fremden über deren Sexualität redet. Aber ohne diese intimen Fragen geht es einfach nicht.“ Intime Fragen? Dass die in Zeiten von frühzeitiger Aufklärung, allgegenwärtiger  Nacktheit in den Medien und der Pornoschwemme im Internet überhaupt noch jemanden peinlich berühren, überraschte mich dann doch. Gleichzeitig machte es mich neugierig, wie eine solche Beratung abläuft.

Zwei Wochen später habe ich meinen Termin für die HIV-Testberatung. Bereits vorab am Telefon stellt Sylvia Martwich die Frage nach meinem letzten Risikokontakt. „Risikokontakt? Hatte ich noch nie!“, sage ich selbstbewusst. Erst auf der Fahrt zur Beratung flackert die Erinnerung an die Nacht im März wieder auf. In Perleberg angekommen, fällt die Begrüßung herzlich, aber mit dem nötigen Maß an Distanz aus. Das Aufklärungsgespräch kann beginnen.

 „Es gibt Menschen, die direkt nach einem potenziellen Risikokontakt einen HIV-Test machen und wissen wollen, ob sie sich angesteckt haben. Das kann man aber sicher erst nach etwa zwölf Wochen ermitteln, wenn sich im Blut Antikörper gebildet haben“, erklärt Sylvia Martwich, warum sie detailliert nach dem letzten, ungeschützten Geschlechtsverkehr fragen musste. Auf einem Anamnesebogen mache ich Angaben zu möglichen Risikokontakten. Auch einige sexuelle Praktiken, bereits behandelte Geschlechtskrankheiten und die Anzahl der Sexpartner in den letzten zwölf Monaten werden hier abgefragt. Als ich die Antwortmöglichkeit „mehr als 50“  lese muss ich  plötzlich  lachen.   „Diese Angaben sind freiwillig und dienen statistischen Zwecken“, sagt Martwich. Weiterhin wird aus Name, Vorname und Geburtsjahr eine Buchstaben-Zahlen-Kombination gebildet, unter der ein positives Testergebnis beim Robert-Koch-Institut registriert wird. „Eine HIV-Infektion ist nicht namentlich meldepflichtig, wird aber statistisch erfasst“, erklärt sie und fügt hinzu, dass sie jedem Klienten, der sich einem HIV-Test unterzieht, für seinen Mut dankt. Warum das so ist, wird mir einige Sekunden später klar.

„Wir gehen davon aus, dass jeder fünfte HIV-Infizierte in Deutschland nichts von seiner Erkrankung weiß. Man ist jedoch bereits  am ersten Tag nach der Infektion selbst ansteckend, bis man aber durch AIDS-Symptome merkt, dass man das Virus in sich trägt, vergehen unbehandelt zirka  fünf bis zehn Jahre. In dieser Zeit kann jeder ungeschützte Geschlechtsverkehr  für den Partner ansteckend sein.“ Weiterhin sei eine frühe Erkennung beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie, sagt Sylvia Martwich. „HIV ist heute gut behandelbar. Es ist nicht heilbar, das muss immer wieder betont werden, und  man muss seine Medikamente bis zum Lebensende einnehmen. Die Diagnose HIV ist aber kein Todesurteil mehr wie in den 80ern und Anfang der 90er Jahre.“ Ebenso wichtig sei, dass man bei einer gut anschlagenden antiretroviralen Therapie nach etwa sechs Monaten nahezu nicht mehr ansteckend für seine Sexpartner ist.

Insbesondere Menschen aus Risikogruppen – dazu gehören beispielsweise schwule Männer,  Personen, die häufig wechselnde Sexualpartner haben oder Drogenabhängige – sollten sich bei Verdacht auf einen Risikokontakt testen lassen. „Es kommen auch Paare zu mir – egal welcher sexuellen Orientierung – die beim Sex auf das Kondom verzichten, aber auf Nummer sicher gehen wollen. Doch auch ein gemeinsamer Test bringt nur  dann wirklich Sicherheit,  wenn sich beide sexuell  treu sind.“

 Was die Übertragungswege angeht, gebe es noch immer viele Unsicherheiten, weiß Sylvia Martwich nach vielen Jahren Testberatung. Deswegen  muss sie auch in dieser Sache Aufklärungsarbeit leisten. „Besonders hoch ist das Risiko beim Analverkehr. Grund ist, dass dabei immer Schleimhautzellen im After zerstört werden, wodurch viele mögliche Ein- und Austrittstellen für HI-Viren entstehen. An der Penisspitze und unter der Vorhaut ist das Virusaufkommen sehr hoch, genauso wie im Sperma“, erklärt sie so sachlich, dass dabei keinerlei peinliche Gefühle aufkommen. Auch  Scheidenflüssigkeit stelle eine Gefahr dar, sodass ungeschützter Vaginalverkehr ebenso ein Risiko berge. Lediglich bei ungeschütztem Oralverkehr sei eine Ansteckung weniger wahrscheinlich, weil der Speichel für Verdünnung sorgt und die Mundschleimhaut widerstandsfähiger ist. „Dennoch empfehle ich auch hier einen Test, wenn der HIV-Status des Sexpartners unklar ist.“ Schließlich hätten Personen mit anderen Geschlechtskrankheiten wie Tripper oder Syphilis ein erhöhtes Infektionsrisiko, weil durch diese Krankheiten zumeist kleine Wunden entstehen, durch die das HI-Virus leichter eindringen kann.

Aber auch ohne Sex besteht die Gefahr einer HIV-Infektion. „Wenn Blut eines Infizierten auf offene Wunden kommt, ist das Risiko gegeben, auf unverletzter Haut passiert nichts. Auch Muttermilch ist infektiös.“ Weiterhin stellen die gemeinsam Nutzung von Fixbesteck in der Drogenszene sowie mangelnde Hygiene beim Stechen von Tätowierungen und Piercings eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar.  „Speichel, Tränenflüssigkeit, Urin oder Kot von infizierten Personen hingegen sind  ungefährlich, genauso wie das Anhusten oder Anatmen und das Trinken aus dem gleichen Gefäß“, sagt die Expertin. Gleiches gelte für Bluttransfusionen. Hier sei statistisch mit einer Infektion pro fünf Millionen Transfusionen zu rechnen.

Die Infektionswege führen Sylvia Martwich zum nächsten Punkt ihrer Beratung. „Wissen Sie was ein Kondometer ist?“ fragt sie und scheint bereits mit einem verdutzten Blick gerechnet zu haben. „Vermutlich das Messgerät was da auf ihrem Tisch liegt“, gebe ich zurück. „Richtig“, sagt Martwich und kramt vier  Holzpenisse unterschiedlicher Größe aus einer Schublade. „Diese Längen und Umfänge sind bei deutschen Männern normal – wobei viele Männer nicht wissen, welche Größe ein Kondom haben muss, damit es ihnen richtig passt. Das Kondometer, eine Art Maßband, schafft hier Abhilfe.“ Sylvia Martwich macht mir Mut, es am Holz auszuprobieren.  „Das Teil kann durchaus ans Ego des Mannes gehen“, sage ich während ich einen Messversuch starte. Anlegen, Umfang ablesen und das Ergebnis mit der Tabelle abgleichen. Ganz einfach eigentlich. „Meine Botschaft ist: Kenne deine Größe“, sagt die Expertin. „Leider ist Deutschland über die Jahre kondommüde geworden. Deswegen sind sexuell übertragbare Krankheiten wieder auf dem Vormarsch.“ Auch Alternativen wie das Femidom, das wie ein großes Kondom aussieht und in die Scheide eingesetzt wird, spricht Sylvia Martwich an.

„Haben Sie schon einmal was von der Pille danach gehört?“ fragt sie weiter, und ich denke natürlich sofort an  das Notfallpräparat, dass Schwangerschaften bei Verhütungspannen oder nach Vergewaltigungen verhindern soll. „Ja“, gebe ich zurück, „aber was hat das mit dem Schutz vor HIV zu tun?“ Martwich erklärt, dass es seit einigen Jahren  die sogenannte Postexpositionsprophylaxe, kurz PEP, gibt, eine Art Pille danach für Risikokontakte. „Stellen sie sich vor, sie hatten ungeschützten Sex, beispielsweise  auf einer  Erotikparty, und am nächsten Tag erfahren sie, dass einer der Anwesenden dort HIV hatte. Für  solche Notfälle gibt es Medikamente, die die Übertragung des HI-Virus verhindern können, allerdings nur in einem sehr kleinen Zeitfenster von etwa 48 Stunden nach dem Kontakt.“ Diese Notfallbehandlung werde auch im Kreiskrankenhaus in Perleberg angeboten und könne eine Infektion mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindern. Als Kondomersatz tauge sie aber keinesfalls: „Man muss diese Medikamente vier bis sechs Wochen lang einnehmen“, mahnt Martwich.

Zum Abschluss der Beratung erklärt die HIV-Expertin noch einmal das medizinische Procedere. Ein Probe Venenblut wird ins Labor nach Schwerin geschickt und dort auf HIV-Antigene und Antikörper untersucht. „Wenn dabei eine Infektion mit HI-Viren registriert wird, macht das Labor aus der gleichen Probe einen Bestätigungstest. Zusätzlich erfolgt  eine zweite Blutabnahme und auch diese wird untersucht. Dieser Aufwand ist notwendig, da HIV eine Diagnose ist, die häufig starke  psychische Folgen für den Klienten hat. Deswegen muss das Ergebnis hundertprozentig sicher sein.“ Anscheinend haben Martwichs letzte Worte meine Souveränität noch einmal angeschlagen, so dass sie wie zur Beruhigung hinzufügt, dass man mich mit einem positiven Ergebnis nicht allein lassen werde. „Wir vermitteln dann Termine bei HIV-Schwerpunktambulanzen wie in Schwerin oder Potsdam. Die Betreuung in der ersten Zeit nach der Diagnose ist ebenso meine Aufgabe.“

Die Blutabnahme selbst ist in Minutenschnelle erledigt. Sylvia Martwich ist gelernte Arzthelferin und übernimmt das selbst. Ein paar Milliliter Blut und ein Überweisungsschein gehen ins Labor. „Erbitten HIV-Serologie“ steht im Auftragsfeld. Nach dem Stich in die Vene bleibe  ich noch ein paar Sekunden liegen, dann geht es nach Hause. Mit einem sehr seltsamen Gefühl im Magen. Noch gut 23 Stunden und ich weiß Bescheid. Immer wieder spiele ich im Kopf durch, was ein positives Ergebnis mit mir machen  würde. Wie würde ich damit umgehen? Ich weiß es einfach nicht.

Am nächsten Morgen sitze ich wieder im Beratungszimmer von Sylvia Martwich. Ihr Lächeln lässt meine Anspannung abfallen.  „Negativ“ steht in Großbuchstaben auf dem Befund. Mir fallen mehrere Steine vom Herzen. „Aber denken Sie daran,  dass das Ergebnis kein Persilschein für den Rest des Lebens ist. Wir wissen jetzt, dass Sie vor drei Monaten  HIV-negativ waren. Es ist eine Momentaufnahme. Also nutzen sie unser Angebot und machen Sie bei Risikokontakten wieder einen Test. So sind Sie immer auf der sicheren Seite.“

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