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Der Prignitzer

24. September 2017 | 07:07 Uhr

Die Ostfriesen von Breese

vom

svz.de von
erstellt am 07.Jun.2013 | 12:19 Uhr

Breese | Sie wohnen vor dem Deich, und wenn die Lage nicht so ernst wäre, könnte man das Ganze als "Ostfriesen-Witz" abtun. So gar nicht lustig finden jedoch diejenigen Bewohner von Breese ihre neue Wohnsituation, die seit gestern rückwärtig auf die sich zusehends mit Wasser füllende Stepenitzniederung schauen und vorn einen Kieswall vor der Nase haben - eine "Badewanne" sei entstanden, meinen einige Betroffene. Auf dem bereits 2002 im Zuge der Flut erhöhten Straßenkörper stehen jetzt weitere anderthalb Meter provisorischer Deich. "Wir werden geopfert. Das können Sie ruhig so schreiben", sagt Gerd Riek. An der Spitze einer Bürgerinitiative engagiert er sich seit Jahren für den Hochwasserschutz in Breese. In seiner Stimme schwingt Resignation mit. Mit Unterschriftenlisten brauche er eigentlich nicht mehr loszuziehen - das sei eine Farce, angesichts der Tatsache, dass sich seit 2002 eh nichts Sichtbares getan habe. Vollmundige Versprechungen von Verantwortlichen unterschiedlicher Ebenen und Schulterklopfer habe es viele gegeben. "Ich betrachte das als Lüge", fasst der Breeser das Geschehen der vergangenen elf Jahre in einem Satz zusammen.

Vor seinem Grundstück steht ein hoch aufgebockter Container, herantransportiert von seinem Sohn, der Fernfahrer ist und dessen Arbeitgeber diese familiäre Hilfsaktion ermöglichte. Möbel und Hausrat, alles, was beweglich ist, haben Hannelore und Gerd Riek darin verstaut.

Das Nervenkostüm ist auch bei den Nachbarn, wie z. B. Kathrin May, dünn. Und bei Familie Mierke, die bis 2011 die Gaststätte "Stepenitzgrund" betrieb. Jetzt vermieten die Mierkes Ferienwohnungen und bieten Essen auf Rädern an, bauen auf ihrem Grundstück gerade ein Wohnhaus aus, das vermietet werden soll. Die Arbeiten sind weit fortgeschritten. "Wir sind die Ostfriesen von Breese. Wir wohnen vor dem Deich", stellte gestern Lothar Mierke fest. Anders als auf einigen Nachbargrundstücken türmen sich bei den Mierkes keine Sandsäcke. 2002 hätten er, seine Frau und weitere Helfer noch Tausende geschichtet. "Ich habe keine Kraft mehr", sagt Mierke. Die Garagen sind leergeräumt, das Auto in Sicherheit gebracht. "Wir hoffen, dass wir mit einem blauen Auge davon kommen", so Mierke.

Dieses Glück hatte Ursula Lewerenz auf der anderen Seite der Straße, also hinter dem provisorischen Deich, schon mehrfach in ihrem Leben. Sie ist in dem repräsentativen Ziegelhaus mit den weiß eingefassten Fenstern geboren und aufgewachsen. Das Grundstück blieb bislang stets von den Fluten verschont. Hochwasser, sagt sie und sagte auch schon der Vater der älteren Dame, werde es immer wieder geben. Dass es bis an die Straßenkante stehe, das habe sie bereits als Kind erlebt. Was sich jedoch seit 2002 ereigne, gebe ihr schon zu denken, lasse darauf schließen, dass die Eingriffe des Menschen in die Natur den Flüssen zu viel Raum weggenommen haben.

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