Lotte Buchholz ist... : Die Nussknackerin

Mit Leichtigkeit knackt Lotte Buchholz die harten Walnüsse.
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Mit Leichtigkeitknackt Lotte Buchholz die harten Walnüsse.

Seit 19 Jahren knackt die 84-jährige Rentnerin in der Bäckerei von Familie Schultz beinahe täglich Walnüsse.

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21. Dezember 2014, 22:00 Uhr

Knack. Vor Lotte Buchholz steht auf dem kleinen Esstisch ein silberfarbenes Backblech. Ein kleiner Berg an Walnüssen türmt sich darauf. Knack. Zwei weitere frische Walnussstückchen fallen aus der Hand der 84-Jährigen auf das Blech. Zwei Stunden lang macht Lotte Buchholz das in der Landbäckerei Schultz in Krampfer. Zwei Stunden, immer von Dienstag bis Freitag. Seit 19 Jahren. „Aber nur, wenn es Nüsse gibt. Bevor ich allein zu Hause die Zeit totschlage, gehe ich gegenüber in die Bäckerei“, sagt sie.

Dort ist sie bei Geschäftsführerin Sandra Schultz immer herzlich willkommen. „Ich kenne Frau Buchholz seitdem ich klein bin. Als die Bäckerei noch meiner Mutter gehörte, kam sie schon im Winter immer zum Nüsseknacken her“, erzählt die 42-Jährige. Heute sei Lotte Buchholz nicht mehr nur eine Besucherin, sondern gehöre längst zur Familie. „Für mich ist sie Oma Buchholz und für meine Kinder auch.“

Knack. Vom Besuch unserer Zeitung lässt sich Lotte Buchholz nicht stören und leert weiter fleißig ihren mit Walnüssen gefüllten Eimer. „Wenn der nicht leer ist, na dann müssen wir halt Überstunden machen“, scherzt sie. Mit Leichtigkeit bringt sie die Schalen zum Platzen. „Woher ich diese Kraft nehme? Ich weiß es nicht. Aber der Körper ist noch fit, genau wie der Kopf.“ Knack.

Seit 61 Jahren lebt Lotte Buchholz in Krampfer, wo sie ihre drei Kinder groß gezogen hat. Selbst als es die nach Berlin, Schwerin und Neustrelitz zog, blieb sie ihrem Dorf treu. Das Gefühl von Heimat und auch zahlreiche Erinnerungen halten sie dort. Erinnerungen auch an ihren vor fast 20 Jahren verstorbenen Mann.

Als sie beginnt von diesem zu erzählen, füllen sich die leuchtenden blauen Augen mit Tränen. „Ich habe mich von ihm im Krankenhaus verabschiedet und gefleht, er möge meine Angst, allein zu sein, mit sich nehmen. Als er ging, nahm er sie mit sich“, erzählt sie. Knack.

Immer wieder bricht die Stimme von Lotte Buchholz. Besonders, als sie vom 12. Dezember – ihrem Hochzeitstag – berichtet. „Bis mein Mann an Krebs verstarb, waren wir 41 Jahre verheiratet“, Nach seinem Tod verbrachte sie die Dezembertage bei einem ihrer Kinder und kümmerte sich dort um ihre Enkel. „Aber dieses Jahr bin ich hier geblieben. Zum ersten Mal habe ich meinem Mann drei rote Rosen zu unserem Hochzeitstag auf das Grab gelegt.“ Lotte Buchholz schluckt, doch Tränen verliert sie nicht. Dafür zeigt sie sich zu lebensfroh.

Knack. Weitere Walnüsse fallen auf den goldbraunen Berg vor ihr. „Wissen Sie, ich gehe wie eine Eins, da kommen manch zwanzig Jahre Jüngere nicht hinterher“, scherzt die Rentnerin im nächsten Moment. Außerdem halte sie täglich Kontakt zu ihrem Sohn Olaf in Berlin. „Wir telefonieren jeden Tag, manchmal sogar Stunden“, freut sie sich. „Wenn Frau Buchholz mal nicht ans eigene Haustelefon geht, glüht sofort unsere Leitung. Olaf weiß ja, dass seine Mutter dann gern hier ist“, sagt Sandra Schultz. Knack.

Auch wenn Lotte Buchholz ihre eigenen Kinder nicht dauerhaft sehen könne, die Besuche sind ihr immer eine große Freude. „Mein Sohn bringt mir immer einen ganzen Stapel einer Boulevard-Zeitung mit. Wenn er dann wieder fährt, durchwühle ich die erstmal ganz genau, Seite für Seite“, erzählt die fidele Nussknackerin.

Der Nussberg auf dem Aluminiumblech ist gewachsen. Behutsam verteilt die 84-Jährige die Walnussstückchen auf die gesamte Fläche. „Na, ein bisschen müssen wir noch“, meint sie und legt die nächste Schale in die Zange. Knack. Es ist ihr letzter Tag, bevor sich auch Lotte Buchholz in die Weihnachtsferien begibt. „Diesmal geht's über die Feiertage zur Tochter Roswitha nach Neustrelitz“, erzählt sie. Deshalb wolle sie noch möglichst viele der von Dorfbewohnern gespendeten Nüsse knacken. „Wir verwenden sie für Nussbrot oder andere Leckereien. Die eine oder andere Walnuss findet als Deko Verwendung“, zeigt sich Sandra Schultz für die Arbeit der Nussknackerin dankbar. Lotte Buchholz lacht. Bei Familie Schultz fühle sie sich wohl. Knack.

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