Hausmusik : Die Musik liegt in ihren Genen

Ein Weihnachtsbesuch bei Familie Schunn offenbart Leidenschaften, ehrgeizige Ziele und zur Überraschung der Kinder den Abstecher des Vaters in die Rockmusik.

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27. Dezember 2013, 08:00 Uhr

„Feliz Navidad“, ruft jemand. „Nein, niemals“, sagt Johanna. Dann halt „Last Christmas“ oder „Oh du fröhliche“. „Bitte nicht“, kommt eine Stimme aus dem Flur. Schnell wird klar: Familie Schunn hat kein Lieblingsweihnachtslied. Jedes der sechs Kinder schlägt ein anderes vor, die Eltern wiederum haben ihre eigenen Wünsche und Opa Hans Hellriegel ist schließlich auch noch da. „O Tannenbaum“ lautet der Kompromiss, bei dem die Kritik verstummt.
Philip greift zu seiner Tuba, Johanna zur Querflöte, Jakob zur Trompete. Gideon und Simon nehmen wie ihr Opa die Posaune an den Mund, während Mutti Christine mit der Gitarre die ersten Töne anstimmt und Vater Christian sich das Akkordeon um die Schulter legt. Tabita würde jetzt eigentlich am Klavier sitzen, aber fürs Foto verzichtet sie heute auf ihr Lieblingsinstrument und singt mit ihrer hellen, klaren Stimme „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“.
Hausmusik bei Familie Schunn hat Tradition. Am Heiligabend sowieso, auch wenn dieser Tag für die Großfamilie jedes Jahr aufs Neue eine kleine Katastrophe sei. Sie begleiten mehrere Gottesdienste in Wittenberge und Umgebung, der letzte beginnt um 22.30 Uhr. Irgendwann dazwischen gibt es ein kleines Zeitfenster, in dem sie sich in ihrer Wohnung im Gemeindehaus treffen. Bescherung, musizieren, Abendessen und schon geht es wieder los. „Richtig gemütlich wird es erst an den zwei Feiertagen“, sagt Johanna. Darauf freuen sie sich alle und das noch viel mehr als vor einigen Jahren: „Wir sind mittlerweile in alle Winde verstreut und sehen uns gemeinsam nur zu Weihnachten. Das ist mir sehr wichtig, darauf freue ich mich“, erzählt Jacob.
Dass sie dann gemeinsam Musik machen, sei kein Pflichtprogramm. Es macht ihnen Spaß, sie sind damit aufgewachsen, kennen es gar nicht anders. „Ich wollte meinen Kindern gerne Musik mit dem auf dem Weg geben. Sie zu Berufsmusikern zu machen, war aber nicht das Ziel“, sagt Christine, die neben Gitarre auch Klavier und Orgel spielt.
So kam es, dass alle Kinder die Kreismusikschule besuchten. Der 21-jährige Philip studiert seit einem Jahr Tuba. Bis dahin war es ein langer Weg, der über Trompete, Klarinette und Fagott führte. Aber Tuba sei einfach sein Instrument, obwohl der Fagottlehrer sehr traurig darüber gewesen sei, verrät Johanna. Simon ist 23 Jahre alt und studiert Posaune. Seine Geschwister bezeichnen ihn als den wahren „Vollblutmusiker“, der auch virtuos auf dem Klavier spielen könne.
Johanna holt ihre Querflöte nur noch selten hervor, studiert Sozialarbeit. Die Musikschule und ihre damaligen Erfolge bezeichnet die 22-Jährige als eine „schöne Zeit“, aber es sei für sie die richtige Entscheidung gewesen, Musik nicht zum Hauptberuf zu machen. Ihr ältester Bruder Jakob hat das zu spät erkannt. Drei Jahre lang studierte er Trompete. „Letzten Sommer habe ich gewechselt und möchte Bauingenieur werden“, sagt der 25-Jährige.

Für die 19-jährige Tabita steht schon fest, dass Gesang und Musik für sie immer Freizeit bleiben werden. „Ich kann dabei entspannen und spiele auch nur Klavier“, sagt sie mit einer Betonung auf dem „nur“. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Gideon hätte die Familientradition fast gebrochen, liebäugelte mit Fußball, doch statt Tore zu schießen, bläst er heute ebenfalls Posaune.
Vater Christian schmunzelt, während seine Kinder über ihre Musik erzählen. Er selbst sieht sich nicht als Musiker, habe als Kind in seiner rumänischen Heimat Musik in dem Sinne nicht gelernt. Aber etwas Gitarre und Akkordeon könne er schon spielen und plötzlich sagt er: „Ich habe mal in einer Rockband gespielt.“ Verwundert drehen sich die Kinder zu ihm um. „Echt?“, fragt Johanna verblüfft.
Egal, ob die Kinder Musik studieren oder sie nur als ihr Hobby ansehen. Sie alle sind begabt. „Die beiden Großen haben sogar im Musikcorps der Bundeswehr gespielt, waren beim Großen Zapfenstreich dabei, mit dem Bundespräsident Horst Köhler verabschiedet wurde“, erzählt ihr Vater stolz. Auftritte zu Geburtstagen, mit der Brassband des Marie-Curie-Gymnasiums in der Prignitz und natürlich mit dem von ihrem Opa gegründeten evangelischen Posaunenchor sind eher der Alltag.
Hans Hellriegel ist glücklich darüber, dass seine Enkel in seine Fußstapfen treten. „Ich bin dankbar, dass es so ist und sie der Musik treu bleiben, auch wenn sie diese nicht hauptberuflich machen“, sagt er. An der Wand über der Couch hängen Familienfotos, die die Kinder beim Musizieren zeigen. „Opa mit den blasenden Enkeln“, nennen sie ein Foto, das Hans Hellriegel zeigt. Dicht daneben hängt ein anderes, auf dem die vier Brüder zusammen mit zwei Freunden spielen. Die Formation nannte sich zu Ehren des Opas die „Hans-Brass-Bande“.
Je länger sie vor dem geschmückten Tannenbaum erzählen, desto mehr Geschichten und Anekdoten werden es. Gerne würden Schunns dem „O Tannenbaum“ auch ein weiteres Weihnachtslied folgen lassen, an neuen Vorschlägen mangelt es nicht. Doch ihr Opa Hans Hellriegel schaut auf die Uhr: „Keine Zeit, wir müssen zur Probe.“


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