Erinnerungen an ein dunkles Kapitel : Die Lügen der Vergangenheit

Beate Niemann berichtet emotional über die Vergangenheit ihres Vaters Bruno Sattler.
Foto:
Beate Niemann berichtet emotional über die Vergangenheit ihres Vaters Bruno Sattler.

Erst in den 1990er Jahren erfuhr Beate Niemann von den Verbrechen ihres Vaters in der Zeit des Nationalsozialismus

svz.de von
06. April 2017, 15:00 Uhr

„Es wird viel gelogen“, sagt Beate Niemann im Rückblick auf ihre Recherchen. Die Tochter des Berliner Kriminaldirektors, SS-Sturmbannführers und späteren Gestapo-Chefs von Belgrad hat sich deshalb in ihren Veröffentlichungen auf Nacherzählungen und Rekonstruktionen gestützt. Lange galt der Vater auch für sie als Opfer eines verbrecherischen Regimes, saß er doch seit 1947 in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR in Haft.

Beate Niemann erzählt mehr, als dass sie aus dem Buch „Mein guter Vater – mein Leben mit seiner Vergangenheit“ liest. Dadurch wird auch deutlich, wie ungeheuerlich diese Biografie ist und wie sie heute noch emotional berührt: 1898 geboren, meldete sich Bruno Sattler als Freiwilliger im Erster Weltkrieg, machte danach das Notabitur.

Sein Eintritt in das Freikorps Brigade Ehrhardt sowie in die Burschenschaft Germania prägten seine Entwicklung.

Noch 1924 arbeitete er als Uhrenverkäufer im jüdischen Kaufhaus Wertheim, bevor ihn ein Freund aus der Freikorpszeit zur Polizei holte. Schon früh entschied er sich, bei der politischen Polizei zu arbeiten, beobachtete und verfolgte Mitglieder von SPD und KPD.

1931 trat er in die NSDAP ein und nach der Machtergreifung Hitlers machte Sattler Karriere in der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Er gab den Befehl für den Mord an John Schehr und Genossen. Im Januar 1942 setzte er die ersten mobilen Gaswagen in Minsk ein und wurde in Belgrad zum Spezialisten für Morde in Gaswagen. Für Beate Niemann noch heute unfassbar: Als ihre Mutter mit ihr schwanger war, hat ihr Vater im Frühjahr 1942 etwa 8500 jüdische Frauen und Kinder ermordet.

Diese ganze schreckliche Wahrheit über ihren Vater erfährt Beate Niemann erst nach der Wiedervereinigung: „Ich wollte, dass mein Vater im wiedervereinigten Deutschland für das Unrecht, das er in DDR-Haft erfahren hat, rehabilitiert wird. Hieß es doch immer: Dein armer Vater! Dein unschuldiger Vater! Auch war das Urteil in Westberlin aufgehoben worden.“

Doch es kam eine Ablehnung vom Gericht in Schwerin. Weil sie aus den Erzählungen der Familie erfahren hatte, dass er zur Gestapo versetzt wurde, also nicht freiwillig dort war, stellte sie einen zweiten Antrag, der 1999 abgelehnt wurde. „Heute, wo ich die Geschichte kenne, wo ich die Akten gelesen habe, schäme ich mich, diesen Antrag je gestellt zu haben“, sagt Beate Niemann. Und sie stelle sich die Frage: „Was weiß ich überhaupt über meinen Vater?“

„Man wird irre, wenn man die Akten liest“, gibt sie unumwunden zu. „Und es wird immer schlimmer.“

Eine Geschichte bringt in der Gegenwart die Nachkommen von Täter und Opfer zusammen: So erzählt Beate Niemann, dass sie in einem arisierten Haus in Berlin-Tempelhof geboren wurde. Dieses gehörte einer jüdischen Familie. Bruno Sattler setzte die Witwe Gertrud Leon unter Druck. Trotz seines Versprechens wurde sie deportiert und kam in Auschwitz ums Leben. Beate Niemann schrieb an deren Enkel Peter einen Brief. Er verstand sie, nahm ihr aber übel, dass sie nicht „I’m sorry “ geschrieben hat. Sie schrieb ihm noch einmal. Inzwischen sind alle Missverständnisse ausgeräumt und Beate Niemann und Peter Leon befreundet.

Unter den Gästen der Lesung war auch der Perleberger Peter Krips, ein Vertreter der Opfer. Er, im jüdischen Ghetto geboren, seine Angehörigen in Auschwitz ermordet, bedankte sich beim Veranstalter, aber auch bei Beate Niemann. Und er fragte sie, wie man mit diesen beiden Geschichten umgeht, wie man vor der Jugend auftritt. Da gab es von Beate Niemann eine klare Antwort: „Sie und ich zusammen!“ In Berlin mache sie dies schon mit einer jüdischen Freundin. Und auch ihre Kinder und Enkel müssen sich dieser Familiengeschichte stellen. Daher heißt es passend in ihrem jüngsten Buch: „Ich lasse das Vergessen nicht zu.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen