Erinnerungen an ’89 : „Die Leute begannen zu reden“

Das Podium am Donnerstagabend (v. l.): Dr. Andreas Draeger, Heinz Neumann, Martina Hennies, Anne Schaar, Dietmar Vollert und Jasmin Röpenack.
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Das Podium am Donnerstagabend (v. l.): Dr. Andreas Draeger, Heinz Neumann, Martina Hennies, Anne Schaar, Dietmar Vollert und Jasmin Röpenack.

Podiumsdiskussion widmete sich den Geschehnissen im Herbst 1989 und war eingebettet in die Veranstaltungen des Kulturlandjahres

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22. November 2014, 12:00 Uhr

Bürgersinn, Mauerfall, Freiheit – und nicht zuletzt Nachbarschaften lauteten die Stichworte für das öffentliche Bürgerforum, das Donnerstagabend im Rathaus stattfand. Anlass war die 25 Jahre zurückliegende Grenzöffnung. Eingebettet hatte das Kulturamt die Runde ins diesjährige Thema des Kulturlandes Brandenburg „Nachbarschaften im Wandel“. Die Rolandstadt ist zum wiederholten Mal mit eigenen Veranstaltungen am märkischen Kulturlandjahr beteiligt.

Die Podiumsgäste schafften es in kurzer Zeit, den weit gefassten Bogen mit spannend geschilderten eigenen Erinnerungen zu füllen. Im Vordergrund stand dabei natürlich die Zeit unmittelbar vor und kurz nach dem 9. November 1989 in Perleberg. Auch anwesende Publikumsgäste konnten sich dabei insbesondere an den 26. Oktober 1989 entsinnen, als sich unzählige Menschen in und an der St. Jacobi-Kirche versammelten. Bereits zuvor, am Montag, dem 23. Oktober, seien die Menschen durch die Stadt gezogen. Allerdings, so Dr. Andreas Draeger – damals wie heute in der Kirchengemeinde aktiv – habe es auch vorher schon Zusammenkünfte gegeben, in denen Unmut geäußert worden sei. „Das Neue war dann aber, dass die Leute sich trauten, Dinge laut auszusprechen, sie begannen zu reden“, so Draeger. Ab zirka Anfang November bis etwa März 1990 fanden dann auch in Perleberg regelmäßig Montagsgebete statt.

Eine Zeit, die Jasmin Röpenack, Jahrgang 1989, nicht aus eigener Anschauung kennt. Wohl aber ihre Eltern. „Im Vorfeld des heutigen Abends haben wir uns darüber unterhalten, haben sich meine Eltern zurückerinnert“, sagt die junge Erzieherin. Flucht sei für die Eltern kein Thema gewesen – schließlich waren sie und ihre Zwillingsschwester quasi gerade auf dem Weg in diese neue Welt. Und auch Jasmin selbst hatte nie ernsthafte Ambitionen, in den anderen Teil Deutschlands zu ziehen, als es die Mauer schon lange nicht mehr gab. Sie fühlt sich hier am wohlsten, sagt sie.

Den Weg gen Osten schlugen die Wahl-Perleberger Anne Schaar und Dietmar Vollert kurz nach dem Mauerfall ein. Für die junge Pfarrersfrau aus West-Berlin, die seinerzeit mit ihrem Mann hierher kam, weil dieser sich auf die Pfarrstelle beworben hatte, und für den Finanzbeamten, der sich ganz bewusst für diesen Teil Ostdeutschlands entschied, weil einst in der Nähe die Großeltern lebten, war es in jedem Fall eine spannende Zeit. Eine, die sie prägte und letztlich dazu bewog, hier zu bleiben. Dietmar Vollert aus dem Sauerland, der in seiner Kindheit und Jugend häufig die Ferien bei Oma und Opa an der Müritz verbrachte, hatte nicht ernsthaft daran geglaubt, dass es einmal eine Wiedervereinigung geben wird, wie wir sie nach 1989 erlebten. „Wir hätten uns schon über Einreiseerleichterungen gefreut“, sagte er. Am 9. November 1989 lag er mit einer Grippe flach, machte sich aber alsbald auf den Weg an den Ort seiner Jugendzeit, baute später das Finanzamt Perleberg mit auf. Heute lebt der Steuerberater mit seiner Frau in der Stadt.

Dass es im Herbst ’89 auf der anderen Seite der Berliner Mauer brodelte, bekam Anne Schaar, damals allein erziehende Mutter und in einer ev. Gemeinde aktiv, natürlich mit. Nach dem Mauerfall war es endlich auch für West-Berliner möglich, ohne Restriktionen und Kontrollen in den Osten der Stadt zu fahren. Anne Schaar stellte schnell fest, dass sie sich hier eher auf einer Wellenlänge mit den Leuten befindet als auf der anderen Seite – der Schritt nach Perleberg 1994 eine logische Konsequenz.

Der gemeinsame Wunsch am Donnerstagabend unter dem Strich: Die Menschen mögen gesprächsbereit und mutig sein, so wie sie es im Herbst 1989 waren.

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