Lehrlingstreffen : „Die Lehrzeit war die schönste Zeit“

Von den rund 60 ehemaligen Azubis sind heute viele nicht mehr in der Landwirtschaft tätig. Einige hingegen sind im Beruf geblieben.
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Von den rund 60 ehemaligen Azubis sind heute viele nicht mehr in der Landwirtschaft tätig. Einige hingegen sind im Beruf geblieben.

Erstes Gesamt-Azubitreffen der Milchviehanlage Karstädt nach 37 Jahren / Lehrlinge und Ausbilder erinnern sich

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25. November 2014, 12:00 Uhr

Großes Hallo am Freitagabend im Versammlungsraum der Agrargenossenschaft Karstädt: Erstmals war zu einem Treffen aller 228 ehemaligen Lehrlinge eingeladen worden, die von 1977 bis kurz nach der Wende eine Ausbildung zum Zootechniker bzw. Mechanisator absolvierten. Etwa 60 einstige Azubis waren gekommen.

Sigrid Schulze, die den Anstoß für das Treffen gab, gehörte 1977 zu den ersten Lehrlingen, die die neu erbaute Milchviehanlage der LPG (T) Karstädt ausbildete. Jährlich wurden 15 bis 20 junge Leute aufgenommen. Sigrid Schulze arbeitete nach Lehrabschluss bis 1982 in der Anlage und blieb auch, wenngleich etwas modifiziert, dem „grünen“ Beruf treu. In Wolfshagen war sie im Betrieb ihres Mannes als landwirtschaftliche Gärtnerin tätig und machte noch eine Umschulung für den Bereich Garten- und Landschaftsbau.

Gabi Giese, 1982 ausgelernt, arbeitete vier weitere Jahre in der Milchviehanlage. „Es war eine schöne Zeit – die Lehre und die Arbeit, und ich war traurig, als ich aufhören musste, denn das war für mich der Traumberuf. Doch mit einem Kind war es schwierig, in Schicht zu arbeiten“, erzählt die Wittenbergerin, die heute in einem Callcenter arbeitet. Viola Schneehage ging nach der Lehre nach Oranienburg und schloss 1991 ein Studium als Agraringenieurin ab. „Ich wollte Lehrausbilderin werden“, so die Uenzerin, doch die Wende verschlug sie in den Westen, wo sie mit ihrem Mann 20 Jahre in einem 500 Hektar-West-Ost-Familienbetrieb tätig war. Seit Januar 2014 ist sie wieder in der alten Heimat und kann hier doch noch ihrem früheren Berufswunsch nachgehen: beim Lohnunternehmen Osters & Voß Groß Gottschow bildet sie Fachkräfte für Agrarservice aus.


LPG Karstädt als Start ins Berufsleben


Lehrausbilderin seit 1999 ist auch Sabine Ziebart. Die Karstädterin hatte von 1979-1981 in der MVA gelernt und anschließend an der Agraringenieurschule Güstrow studiert. Mit der Wiederaufnahme des Lehrbetriebes in der Agrargenossenschaft Karstädt – er ruhte von 1993 bis 1999 – werden die Berufsrichtungen Land- und Tierwirt sowie seit einigen Jahren Fachkraft für Agrarservice ausgebildet. Sabine Ziebart, Leiterin Tierproduktion, wird als Verantwortliche für die Lehrausbildung von Jan Milatz unterstützt. Der 35-jährige Premsliner, der nach dem Abi an der Uni Rostock Landwirtschaft studierte, absolvierte in Karstädt und Berge Praktika und ist seit 2013 Leiter Pflanzenproduktion der AG Karstädt.

Ausgebildet wurden in Karstädt seit 1999 20 Azubis, sieben davon übernahm der Betrieb. Einer machte seinen Meister, einer befindet sich in der Meisterausbildung und einer ging zum Studium. Für ihre hervorragende Nachwuchssicherung wurde die AG Karstädt am 20. November in Berlin mit dem Nachhaltigkeitspreis „Agricola“ der VR-Banken Brandenburgs geehrt.

Der Landwirtschaft treu blieben außer Viola Schneehage und Sabine Ziebart weitere zehn der 60 einstigen Azubis, die zum Treffen kamen. Holger Stein zum Beispiel blieb in seinem Lehrbetrieb und ist hier inzwischen 34 Jahre tätig. „Ich habe hier Familie, Haus und die Arbeit in der Futterbrigade macht mir Spaß“, erklärt der Postliner, heute 50 Jahre alt.

Fest mit der Landwirtschaft „verheiratet“ ist auch Anke Reschke. Sie lernte von 1988 bis 1990 in der Milchviehanlage, übernahm 1996 den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb und schloss 1999 einen Lehrgang als Meister der Landwirtschaft ab. Reschke nennt 60 Milchkühe mit Nachzucht und zwölf Mutterkühe ihr eigen und bewirtschaftet 90 Hektar mit Futter für den Eigenbedarf. „Es ist manchmal schwer“, räumt Sie mit Blick auf 365 Tage Arbeit im Jahr ein. „Doch ich bin für diesen Beruf geboren.“

Bäuerliche Familientraditionen setzen auch Jörg und Torsten Jaeger fort. Nach Lehrabschluss 1990 bzw. 1991 stiegen sie in den elterlichen Betrieb Helmut Jaeger&Söhne GbR ein und sind seit 2011 alleinige Gesellschafter. „Eigentlich hatte ich für 1990 einen Studienplatz in Güstrow, doch sind mit der Wende viele Bewerber abgesprungen, so dass der Studienjahrgang nicht voll wurde. Ich habe dann meinen Lehrabschluss nach Weststandard nochmal gemacht und die Meisterschule rangehängt“, erzählt Jörg Jaeger. Mit zwei Festangestellten und Elternhilfe bewirtschaften die beiden Brüder 480 Hektar Acker- und Grünland und halten 180 Milchkühe sowie 200 Stück Jungvieh. „Im Laufe der Jahre bildeten wir zehn Lehrlinge aus. Derzeit liegen keine Bewerbungen vor. Das ist bedauerlich, denn Fachkräfte sind heute rar“, so Jörg Jaeger.


Klarer Wunsch: Erneutes Treffen


Vater Helmut Jaeger, der es sich nehmen ließ, ebenfalls zum Azubi-Treffen zu kommen, kann auf große Erfahrungen in der Ausbildung verweisen. Er kennt alle Karstädter Zootechniker-Lehrlinge von einst, war er doch von 1977 bis 1980 Leiter der B-Schicht und danach bis 1990 Leiter des Außenbereichs Stavenow, wo die Hochleistungskühe gehalten wurden. „Hier erlernten die jungen Leute das Hand-Kuhmelken, die Arbeit mit der Rohrmelkanlage und die Weidewirtschaft. Auch bin ich mit den Besten oft zu Leistungsvergleichen gefahren – bis hin zur Agra nach Markkleeberg.

„Klasse Sache, ein Dank an alle, die das Lehrlingstreffen organisiert haben“, sprach Ronald Grünwald vielen aus dem Herzen. Der Wüsten Buchholzer ist zwar nicht mehr hauptberuflich in der Landwirtschaft tätig, doch begeisterter Hobby-Landwirt. Gemeinsam mit den anderen Gästen bestaunte er die Investitionen der Agrargenossenschaft, zum Beispiel in neue Stallungen und ein 60er Außenmelkkarussell. Laut wurde der Wunsch nach einem Wiedersehen in drei oder fünf Jahren – dann im Sommer, um das gesamte Betriebsgelände bei Tageslicht besser wahrnehmen zu können.

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