zur Navigation springen
Der Prignitzer

18. Dezember 2017 | 14:03 Uhr

Die Königskinder des Handwerks

vom

svz.de von
erstellt am 09.Sep.2013 | 06:48 Uhr

Prignitz | Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten beisammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief - so heißt es in einer Volksballade. Ähnliche Gedanken könnten einem in den Sinn kommen, wenn man die derzeitige Lehrstellensituation im Handwerk betrachtet. Etwa 560 Lehrstellen sind im Kammerbezirk, der das westliche Brandenburg von der Prignitz bis zum Kreis Dahme-Spreewald abdeckt, unbesetzt - etwa gleich hoch die Zahl der in diesem Bereich Ausbildungsplatzsuchenden. Ähnlich ist das Verhältnis in der Prignitz. Hier sind es etwa 70 freie Plätze in den Handwerksbetrieben, allein 26, die über die Kreishandwerkerschaft Prignitz gemeldet sind, und 57 unversorgte Bewerber. Doch dass diese Bereiche noch in diesem Jahr zusammenfinden, ist eher unwahrscheinlich.

"Die Zahl der unbesetzten Stellen ist ähnlich schlecht wie im vergangenen Jahr", verdeutlicht die Geschäftsführerin der Prignitzer Kreishandwerkerschaft Kirsten Gmirek. Doch wie die Situation hinter den reinen Zahlen aussieht, davon kann Bauunternehmer Armin Gutsche berichten. Eigentlich wollte der Wittenberger zum am 1. August gestarteten Lehrjahr vier neue Auszubildende begrüßen, doch daraus wurde nichts. "Wir wollten zwei Lehrlinge hier in Wittenberge und zwei in unserer Zweigstelle in Oranienburg einstellen, wären aber auch variabel gewesen und hätten zum Beispiel auch drei Leute für Wittenberge genommen. Dennoch konnten wir gerade einmal eine Stelle besetzen", erzählt er. Was genau der Grund für diese Lage ist, darauf hat der Firmeninhaber mehrere Antworten parat und sicher ist für ihn auch eines: Es geht nicht nur dem Baugewerbe schlecht. "Davon ist jeder Handwerksbetrieb betroffen. Vor allem bei der derzeitigen Technisierung geht auch hier eine vier in Mathe und sonst nur Fünfen auf dem Zeugnis gar nicht. Früher haben diese Bewerber es durch Fleiß wettgemacht, aber der ist oft auch nicht mehr vorhanden", erzählt der Firmeninhaber, in dessen Betrieb derzeit vier Lehrlinge in allen Lehrjahren ausgebildet werden.

Doch sind die Schulnoten nach Armin Gutsche nicht das einzige Problem. "Auch die theoretische Ausbildung ist bei uns kritisch zu sehen, da die Lehrlinge dafür bis nach Oranienburg müssen. Die Kosten bekommt man zwar zurückerstattet, doch muss die Familie da voll mitziehen und das Elternhaus dahinter stehen", so Gutsche. Doch oftmals lassen es die Lehrlinge, gerade bei diesem Ausbildungsteil, eher ruhig angehen, ist aus vielen Gesprächen herauszuhören. Da werden dann Krankschreibungen - vergleichsweise oft bei Brückentagen - eingereicht, sodass schnell bis zu 40 Fehltage bei der Berufsschule anfallen. Da beginnt wieder ein Kreislauf. "Diese Tage müssen dann nachgeholt werden, der Lehrling fehlt daraufhin noch mehr im Betrieb usw.", verdeutlicht Gutsche.

Doch sind pauschale Aussagen fehl am Platze. Denn vor allem hat sich der Lehrlingsmarkt verändert. Landeten vor zehn Jahren noch durchschnittlich 13 Bewerbungen für die gesuchte Stelle auf dem Tisch des Firmeninhabers, musste man in den letzten vier Jahren mit insgesamt drei Bewerbern, teilweise noch über das Arbeitsamt vermittelt, vorlieb nehmen. "Meist haben sich die Lehrlinge schon in anderen Richtungen versucht und sind Mitte Zwanzig, wenn sie bei uns anfangen", so Gutsche.

Oftmals sei zudem noch das geringe Vorwissen über die einzelnen Branchen ausschlaggebend. "Wir haben zwei Leute empfohlen bekommen, die anschließend hier ein Praktikum gemacht haben. Der eine hat zwei Wochen durchgehalten, war aber nicht geeignet, der zweite Kandidat hat einen Tag mitgemacht und wurde dann nicht mehr gesehen", erzählt der Bauunternehmer.

Ähnlich lassen sich auch die Aussagen von Harald Fernow deuten. Der Leiter des Lehrbauhofs Oranienburg - die einzige überbetriebliche Ausbildungsstätte für Tiefbau im nördlichen Brandenburg - spricht sogar von einer katastrophalen Lage mit extrem wenig Bewerbern in diesem Jahr. "Seit 2009 gehen wir mit einem Berufsorientierungspraktikum in die 8. Klassen. Von diesen Hundert des ersten Jahres hatten wir jetzt einen Bewerber", so Fernow. Wo die Ursache liegt, dass kann sich auch der Bauhofleiter nicht erklären. Dabei bietet, so Fernow, die Baubranche gute Entwicklungsmöglichkeiten und auch der Verdienst ist tariflich und vergleichsweise gut. "Also kann es nur am schlechten Ruf der Branche liegen", mutmaßt Fernow.

Auch Ute Maciejok von der Potsdamer Handwerkskammer sieht die Chancen, noch in diesem Jahr viele Lehrstellen zu besetzten eher gering ein. "Die Situation ist nicht viel anders als im letzten Jahr und wir befürchten, dass wir auch bis zum Jahresende noch unbesetzte Lehrstellen haben." Diese Befürchtungen haben sich bei Armin Gutsche schon verhärtet. "Ich habe mich damit abgefunden, nur eine von vier Stellen zu besetzen und ich sehe nicht, dass sich an der Qualität noch einmal etwas ändert."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen