Unbekannte Jobs : Die kleinen Räder im Krankenhaus

Das Labor muss täglich rund um die Uhr besetzt sein. Heiligabend hat Heidrun Sohmer Dienst. Fotos: Hanno taufenbach (29
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Das Labor muss täglich rund um die Uhr besetzt sein. Heiligabend hat Heidrun Sohmer Dienst. Fotos: Hanno taufenbach (29

Kaum jemand ahnt, wie viele Mitarbeiter im Hintergrund für einen reibungslosen Klinikalltag sorgen – wir haben sie besucht

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27. Dezember 2016, 03:45 Uhr

193 Patienten sind Heiligabend zu versorgen, knapp 100 Mitarbeiter halten den Betrieb des Kreiskrankenhauses aufrecht. Viele von ihnen bekommen weder Patient noch Besucher zu sehen und doch sind sie im Räderwerk einer modernen Klinik unverzichtbar. Einige von ihnen haben wir getroffen.

„Kreiskrankenhaus Perleberg, Gerloff, guten Morgen.“ Nein, der Patient sei nicht mehr in der Klinik. Claudia Gerloff legt den Hörer auf. Wer durch die Drehtür das Haus betritt, kommt an ihr nicht vorbei. Seit 1994 arbeitet sie an der Rezeption. Alle ein- und ausgehenden Anrufe landen bei ihr. „Langweilig wird es nie.“

Heute sei es relativ ruhig. Eine junge Frau eilt mit einem Blumenstrauß in der Hand vorbei, ein Patient in Jogginghose geht rauchen. „Heiligabend zu arbeiten, ist nicht so tragisch. Jeder ist mal dran und meine Kinder sind erwachsen“, sagt sie. Außerdem ist 14 Uhr Feierabend. Am zweiten Feiertag beginnt für sie um 22 Uhr die Nachtschicht.

Auch die sei keineswegs eintönig. Kollegen der Spätschicht gehen nach Hause, Post wird sortiert. Es gibt Patienten, die nicht schlafen können oder Anmeldungen für die Notaufnahme. „Dann kommen der Obst- und Gemüselieferant, das Bäckerauto oder es werden Medikamente angeliefert. 3.45 beginnt die Küche zu arbeiten“, fasst Claudia Gerloff den Ablauf einer Nacht zusammen.

Mario Bolsmann ist um 3 Uhr aufgestanden, 4.30 Uhr begann seine Schicht in der Küche. Wagen vom Abendessen auspacken, Mittag kochen. Für heute hat der Diätkoch einen Schmandeintopf vorbereitet: Hühnerfleisch, Gemüse, Kartoffeln. Für Vegetarier gibt es Gemüseauflauf. „Morgen kochen wir Enten- und Hühnerkeulen.“

Weihnachten sei für die Küche eine Herausforderung und schwer planbar. Erst am 23. stehe fest, wie viele Patienten wirklich im Haus sein werden. „Wir bestellen die Ware auf den letzten Drücker.“

Sein Lieblingsessen ist Rindersteak, englisch. Daheim kocht er gerne selbst, „aber heute machen das meine Eltern“. Dann könne er sich am Ende seiner Schicht an einen gedeckten Tisch setzen.

Frank Herrmann hat heute bald häufiger das Telefon am Ohr als Claudia Gerloff. Er ist für den Hausdienst zuständig und wer an einen Hausmeister denkt, irrt sich. „Gleich morgens bringe ich das sterilisierte Besteck in den OP-Bereich, dann warten auch schon die Essenwagen und müssen auf den Stationen verteilt werden.“

Er sammelt Wäschesäcke, bringt sie in den Keller, füllt die Getränkevorräte der Stationen auf. „Dann müssen die Essenwagen auch schon wieder abgeholt werden“, sagt er und greift zum Telefon: „Ja, 12 Uhr können wir uns treffen.“ Angehörige möchten sich von ihrem Verstorbenen verabschieden. Frank Herrmann wird ihn im Abschiedsraum aufbahren, die Familie begleiten.

13 Uhr endet seine erste Schicht, die zweite geht von 16.30 bis 19.30 Uhr. Die Bescherung unterm Baum wird sich gedulden müssen. „Neben den Standards weiß man nie, was einem noch erwartet“, sagt er. Mal ruft eine Station an und bittet um einen Bettentausch oder er muss in einem Zimmer die Gardinen abnehmen, weil dort ein infektiöser Patient lag.

Auf dem Weg in die IK2 treffen wir Irene Holz. An ihr und ihren Kollegen führt kein Weg vorbei: Sie sind der Reinigungstrupp. „Meine erste Teilschicht ist vorbei“, sagt sie. Kreißsaal, Wachstation, Toiletten, Mülleimer entleeren. Die vier Stunden vergehen wie im Fluge. Insgesamt sieben Kollegen sind im Einsatz. „Jetzt habe ich frei und dann muss ich 17 bis 19 Uhr wieder arbeiten.“ Darauf freue sie sich. Nicht nur weil ihr die Arbeit Spaß mache, sondern weil heute ihr Sohn aus Hamburg kommt und sie direkt von der Arbeit abholen wird. „Dann feiern wir Weihnachten.“

Manuela Rohde feiert heute nicht mehr. Sie versorgt auf der IK2 23 Patienten. „Normal sind es 35, aber es gibt viel zu tun.“ Medikamente zusammenstellen, Körperpflege, Essen austeilen, Anweisungen der Ärzte befolgen. „Wenn man sich für diesen Beruf entscheidet, weiß man vorher, dass an Feiertagen gearbeitet wird“, sagt die Krankenschwester. Sie wird auch an beiden Feiertagen im Dienst sein.

Weihnachten arbeite sie gerne. Die Bescherung mit ihren acht und neun Jahre alten Kindern wurde um einen Tag vorverlegt. Ab heute besuchen sie ihre Verwandten in der Prignitz. „Dann gibt es für sie jeden Tag Geschenke, das ist doch toll“, meint Manuela Rohde.

Wir verlassen die Station gemeinsam mit Evelyn Werner. Sie ist Physiotherapeutin, arbeitet seit den 70er Jahren in diesem Haus. „Patienten auf der Intensivstation, in der Neurologie oder Parkinsonkranke müssen täglich mindestens einmal behandelt werden“, sagt sie. In der Chirurgie macht sie bei Verletzungen der Lunge oder Rippen Atemübungen mit den Kranken. „Wir können sie doch nicht bis Dienstag einfach nur im Bett liegen lassen.“

Zwölf Mitarbeiter hat die Physiotherapie. Weihnachten und zu den anderen Feiertagen wechseln sie sich ab. „Wir schauen auch, wer kleine Kinder hat und nach meinem Schichtende bleibt immer noch genügend Zeit für das Weihnachtsfest.“

Heidrun Sohmer und Ines Montag naschen Plätzchen. „Wir sind fertig mit unserer Arbeit, aber in Bereitschaft.“ Sie arbeiten im Labor, sind Medizinisch-technische Assistenten. „Ohne unsere Werte haben die Ärzte keine Grundlage für ihre Diagnosen“, erklären sie. Deshalb müsse das Labor ständig besetzt sein. Bei Patienten der Intensivstation sind täglich Blutkontrollen notwendig, Neuaufnahmen und Notfälle nicht planbar. „Weihnachten muss mein Mann vorbereiten. Darin hat er Übung“, scherzt Heidrun Sohmer.

Auf einen ruhigen Dienst hofft Granit Thaqi. Doch schon kommt ein Notfall. Eine alte Frau ist gestürzt, er muss gleich nach ihr schauen. Thaqi kommt aus dem Kosovo und ist Muslim. „Klar haben wir einen Baum und meine zwei Kinder bekommen Geschenke, aber Weihnachten ist nicht so wichtig für mich“, sagt er. Er wird an allen drei Tagen arbeiten, seine deutschen Kollegen dürfen in Familie feiern. „Dafür habe ich zum Opfer- und Zuckerfest frei. Das sind für mich wichtige Feiertage.“ Aber ein wenig ist auch Granit Thaqi in Weihnachtsstimmung und mit Kollegen in der Klinik verabredet. „Wir haben eine kleine Weihnachtsfeier vorbereitet und hoffen, dass es keine Zwischenfälle geben wird.“

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