Die Großstadt-Flüchtlinge

Christian Filter in seiner Brennerei: Die 'dicke Berta' steht im Mittelpunkt. Johann Müller
Christian Filter in seiner Brennerei: Die "dicke Berta" steht im Mittelpunkt. Johann Müller

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25. Mai 2012, 12:03 Uhr

Altreetz | Die "Dicke Berta" ist das Wichtigste. Fast liebevoll tätschelt Christian Filter das glänzende Monstrum aus Kupfer und Edelstahl. Noch steht die von ihm mit einem liebevollen Kosenamen bedachte Brennblase versteckt hinter einer Plane. Das Herzstück für die Herstellung von Obstbränden ist gerade umgezogen von Filters Vierseitenhof im benachbarten Oderbruch-Dorf Neurüdnitz ins Landwarenhaus von Altreetz. Dort soll sie künftig auch optisch die Attraktion für Besucher werden, die immer schon mal wissen wollten, wie aus vergorenen Äpfeln, Birnen oder Pflaumen leckerer Hochprozentiger entsteht.

Filter hat den ehemaligen, leer stehenden Dorfkonsum in Altreetz vor gut zwei Jahren gekauft. Abgesehen hatte er es dabei zunächst auf die weiträumigen Lagerräume und Keller. "Auf unserem Hof in Neurüdnitz stieß ich da allmählich an Kapazitätsgrenzen", erinnert sich der 39-Jährige. Erst später reifte bei ihm die Idee, den Konsum als Landwarenhaus wieder zu beleben.

Dass Ideen bei Filter erst reifen müssen, hat er bereits vor elf Jahren erlebt. Da war der Berliner Architekt seiner Frau Friederike, einer Ärztin, aufs Land gefolgt. "Sie wollte keine Praxis in der anonymen Großstadt, sondern Kontakt zu Menschen in ihrem sozialen Umfeld", erklärt Filter, der sichtbar stolz darauf ist, dass seine Frau als Altreetzer Allgemeinmedizinerin im früheren Landambulatorium inzwischen mehr Leute aus der Region kennt als er selbst.

Dabei kann er sich über mangelnden Kontakt selbst nicht beklagen. Ist seine Hofmanufaktur in Neurüdnitz inzwischen doch zu einem Besuchermagneten geworden. Das liegt wohl vor allem an dem ausgeklügelten Gesamtkonzept von Filters Hofwirtschaft - dem Erhalt alter Obstorten und der Rekultivierung sowie Pflege regionaler Streuobstwiesen als traditionelles Landschaftselement im Oderbruch.

Bis die Hofmanufaktur jedoch stand, vergingen Jahre, betont Filter, der zunächst gedacht hatte, auch auf dem Lande als Architekt weiterarbeiten zu können. Diese Illusion zerschlug sich schnell. Stattdessen rückte die mit dem Bauerngehöft in Neurüdnitz erworbene Streuobstwiese immer mehr in sein Blickfeld. Die Obstbäume - Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen und Quitten - bekamen einen fachgerechten frischen Schnitt, Schafe wurden angeschafft, um die Wiesen kurz zu halten. Zwei Nebengebäude baute die Familie für die Obstverarbeitung um. Bisher hat sie etwa 200 000 Euro ins neue Leben auf dem Lande investiert, hinzu kommen knapp 100 000 Euro Fördermittel vom Land Brandenburg und der EU. 2007 begann die Mosterei, zwei Jahre später stand die Brennerei mit der "Dicken Berta", hatte Filter einen Brennerkurs an der Uni Stuttgart absolviert und einem befreundeten Brenner aus Dresden unzählige Male über die Schulter geschaut. "Meine Frau und ich - wir haben jetzt beide unseren Versorgungsauftrag", erklärt der zweifache Vater lachend. Inzwischen hat er ein halbes Dutzend Arbeitsplätze geschaffen, Hunderte Obstbäume neu gepflanzt, bewirtschaftet mehr als 20 Hektar Streuobstwiesen im Oderbruch und in der Schorfheide, zumeist gepachtet.

60 Tonnen Früchte verarbeitet er jährlich. Der ehemalige Großstädter ist noch immer auf der Suche nach weiteren Flächen, denn die "Dicke Berta" schafft weitaus mehr. Demnächst will Filter sogar einen eigenen Brenner ausbilden, der die Maische brennt und destilliert. Damit wäre der Firmenchef entlastet.

Filter und seine Familie fühlen sich angekommen im Oderbruch, auch wenn dazu viel Geduld gehört. "Es war die richtige Entscheidung", sagt Filter und hat schon wieder neue Ideen . An der

Likörherstellung will er sich in diesem Jahr ausprobieren, plant vielleicht einen Oderbruch-Whisky...

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