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Artensterben in der Prignitz : „Die Feldlerche ist fast verschwunden“

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Verlust von Brachflächen bedroht die Artenvielfalt auch in der Prignitz, sagt Biologe Thomas Heinicke aus dem Biosphärenreservat

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erstellt am 20.Aug.2017 | 08:00 Uhr

Die Landwirtschaft muss immer bessere Ertragsquoten liefern. Das hat massive Auswirkungen auf die Natur. Mehr als jede vierte Pflanzenart in der Prignitz gilt als gefährdet. Redakteur Reik Anton sprach mit dem Biologen Thomas Heinicke über die aktuelle Lage und bat ihn um einen Ausblick.

Wie schlimm ist es in der Prignitz mit dem Artensterben?
Thomas Heinicke: Bei dem Artensterben muss man unterscheiden. Einerseits gibt es Arten, die schon entschwunden sind. Viele Arten sind noch da, aber in kleinen Beständen, die sich negativ entwickeln. Generell sind wenige Arten einigermaßen häufig und kommen mit dem Einfluss des Menschen klar. Und viele andere haben damit zunehmend mehr Schwierigkeiten.


Welche Arten haben mehr Schwierigkeiten?
Insbesondere die, die an spezielle Lebensräume gebunden sind. Einerseits Arten der Feuchtgebiete. Das Rambower Moor ist so ein Beispiel für Feuchtgebiete. Dort sind schon mehrere Pflanzenarten komplett verschwunden, zum Beispiel das Sumpf-Glanzkraut, eine sehr unscheinbare Orchideenart. Für die Prignitz sind es über 30 Pflanzenarten die vollständig entschwunden sind. Bei weiteren 85 stehen wir kurz davor. Wir wissen, dass wir etwas mehr als 1000 Pflanzenarten in der Prignitz haben und davon sind allein 370 gefährdet. Die haben Schwierigkeiten mit der zunehmend intensiveren Landwirtschaft. Das ist einer der Hauptfaktoren.
 

Die Feldlerche ist vom Aussterben bedroht...
Die Feldlerche ist vom Aussterben bedroht...
Wie setzt die moderne Landwirtschaft der Flora und Fauna zu?
Die Elbe ist sehr stark reguliert, die ganzen Nebengewässer ebenso. Wir haben ausgedehnte Grabensysteme sowohl im Feldbereich als auch im Wald, die Wasser aus der Landschaft ziehen und damit allen Arten, die an Feuchtgebiete gebunden sind, den Lebensraum entziehen. Wir haben andererseits eine intensive Nutzung von Feld- und Grünlandflächen, so dass Feldvögel kaum eine Chance haben, sich erfolgreich zu reproduzieren. Schon jetzt erfolgt der erste Grünlandschnitt. Das ist genau der Zeitraum, in dem viele Kleinvögel wie die Feldlerche und Schafstelze oder Kiebitze brüten und deren Junge dann ausgemäht werden. Wenn die Vögel längere Zeit keinen Bruterfolg haben, sterben sie zwangsläufig aus.


Sprechen Sie mit Landwirten über dieses Problem und wie reagieren sie?
Es läuft alles unter ordnungsgemäßer Landnutzung. Wir haben da relativ wenige Chancen. Es gibt Förderprogramme, die von den Landwirten teils auch angenommen werden, nach denen der Grünlandschnitt später erfolgt. Das gibt es für die Ackergebiete gar nicht. Dort ist der Schwund auch mit am dramatischsten. In den normalen Anbaugebieten für Raps, Wintergetreide oder Mais sind die dramatischsten Verluste zu erkennen. Wenn man in reine Äcker hineingeht, hat man so gut wie keine Vogelarten mehr. Selbst die Feldlerche als ursprünglich mit am häufigsten vorkommende Vogelart ist fast verschwunden. Der Raps sieht jetzt während der Blüte schön aus, ist aber eine ökologische Falle. Dort kann keine Vogelart mehr vernünftig reproduzieren. Auch für Störche oder Greifvögel bieten die Rapsfelder keine Grundlage mehr zur Nahrungssuche.


Wie sieht es denn mit dem früher üblichen Wildkräuter-Streifen am Waldrand aus? Gibt es den noch?
Diese Randstreifen oder auch die Brachflächen, die es nach der Wende noch gab, existieren nicht mehr in diesem Umfang. Dieser Verlust von Brachflächen bedeutet einen massiven Verlust für Vögel, Insekten, diverse Pflanzenarten. Da verschwindet ein ganzes Mikro-Ökosystem. Es gab jede Menge Acker-Wildkräuter, die durch intensive Düngung ihre Lebensgrundlage verloren haben. Das ist gekoppelt an das Vorkommen von Insekten, die wiederum Lebensgrundlage für Vögel sind. Man zerstört somit ganze Nahrungsketten.

...wie auch die Schafstelze.  Fotos: Thomas Könning
...wie auch die Schafstelze. Fotos: Thomas Könning

Was kann man gegen diese Negativentwicklung tun?
Die Landwirtschaft müsste vielgestaltiger werden, eine größere Variabilität an Anbaukulturen, häufigere Fruchtwechsel und viel mehr Kleinstrukturen inklusive Randstreifen, Brachflächen und Hecken aufweisen. Es dürften nicht nur drei, vier Nutzungskulturen angebaut werden. Dazu wesentlich weniger Düngung und Chemieeinsatz. Das Spritzen von Herbiziden, Pestiziden ist ein riesiges Problem für Ackerkräuter als auch für die Insektenwelt. Für die meisten Menschen ist das anhand der Bienen zu bemerken. Sie haben kaum vernünftige Nahrungskulturen und vergiften sich immer mehr. Das wirkt sich auch für die Landwirte perspektivisch negativ aus, weil sie niemanden mehr haben, der ihre Kulturen bestäubt.
Kann man sagen, dass der Anblick der Windschutzscheibe nach einer Autobahnfahrt ein Indikator für das Artensterben ist? Sie scheint heutzutage weniger verschmutzt mit Insektenresten als vor einigen Jahren.
Das ist tatsächlich so. Das ist ein objektiver Eindruck, dass die Insektenfauna abgenommen hat. Beim Spazierengehen kann außerdem jeder einmal darauf achten, welchen Vogel er überhaupt noch hört. Da habe ich zu tun, überhaupt noch eine Feldlerche zu hören. Der Kiebitz als Charakterart der Flussauen wäre ohne ein Schutzprojekt wohl schon ausgestorben. Wenn sich nicht grundlegend etwas ändert, werden in den nächsten Jahrzehnten viele Arten verschwinden.
 

Wie zuversichtlich sind Sie, dass sich in der Landwirtschaft etwas ändert?
Eigentlich bin ich sehr pessimistisch. Viel hängt an der EU-Förderung, die nicht ausreichend an Umweltauflagen gebunden ist. Der gesellschaftliche Mehrwert einer Landschaft mit großer Artenvielfalt und stabilen Lebensverhältnissen für die heimische Tier- und Pflanzenwelt müsste deutlicher honoriert werden.


Was kann jeder in seinem Garten oder auf dem Balkon tun, um den Tieren einen Lebensraum zu bieten?
Man kann eine Menge tun, indem man nicht alles in Ordnung hält und englischen Rasen hat, sondern eine Ecke auch mal in Ruhe lässt und eine Vielfalt an Blühpflanzen anbietet, damit Insekten überhaupt noch eine Nahrungsgrundlage haben. Zusätzlich kann man ein paar mehr Rasenarten säen, zugleich dem Rasen längere Ruhephasen lassen. Man kann auch extra Nistmöglichkeiten schaffen für Vögel und Insekten, zum Beispiel das Insektenhotel. Nicht alles an Unkraut muss entfernt, sondern kann auch mal toleriert werden.


Welche Tier- und Pflanzenarten sind in unserer Region gefährdet bzw. ausgestorben?
Das sind mehrere Orchideen- und Insektenarten. Bei den Vögeln ist der Brachpieper ausgestorben, die Haubenlerche ist im Biosphärenreservat entschwunden. Woanders in der Prignitz ist sie kurz davor. Den Sandregenpfeifer und die Uferschnepfe gibt es beispielsweise auch nicht mehr.


Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Es gibt immer mehr südliche Arten, die nach Norden vordringen. Zum anderen ist der Klimawandel bei uns auch mit der Änderung des Wasserhaushalts verbunden. Je trockener die Landschaft, desto eher sind die Arten gefährdet, die feuchtere Lebensräume bevorzugen. Das geht so weit, dass selbst große Ökosysteme wie die Eichenwälder unter den trockenen Jahren leiden und sie dadurch Schädigungen aufweisen, die sie anfälliger machen für Insektenfraß wie beim Eichenprozessionsspinner.


Also die EPS-Plage ist eine Folge des veränderten Wasserhaushalts?
Das kann man so sehen. Die Eichen sind vorgeschädigt und nicht mehr so vital, sich gegen den Insektenfraß zur Wehr zu setzen.


Was bedeutet das Artensterben für die Prignitz als Tourismusregion?

Im Extremfall deutet es darauf hin, dass ich irgendwann einen stummen Frühling habe. So etwas gibt es in der Nordprignitz schon heute. Die ältere Generation hat noch eine Elbtalaue erlebt, wo viel mehr Vogelarten da waren als heute.


Das heißt, die Prignitz verliert mittelfristig auch an touristischem Reiz?
Das kann man so sagen. Es gibt jede Menge Störche, die eine vernünftige Nahrungsgrundlage brauchen. Auf den intensiv genutzten Flächen habe ich weniger Insekten, weniger Amphibien. Die Störche haben somit weniger Futter für ihre Jungen. Im Elbtal ist der Storchenbestand noch einigermaßen stabil, aber in Mecklenburg-Vorpommern ist der Weißstorchbestand seit Mitte der 2000er Jahre um 40 Prozent zurückgegangen. Das ist ein Vorbote dessen, was uns auch erwartet, wenn wir nicht gegensteuern.


Glauben sie, dass der Ernst der Lage erkannt ist?
Nach meinem Eindruck versuchen Vertreter von Bauernverbänden, diese Entwicklung zu negieren und infrage zu stellen, ohne eigene Fakten entgegen zu stellen. 80 bis 90 Prozent des Rebhuhnbestands sind verschwunden. Wir haben in Brandenburg so gut wie keine Bestände mehr von diesem typischen Feldvogel. Viele Landwirte denken zu kurz und überlegen nicht, wie das mit ihren Flächen in den nächsten Jahrzehnten noch funktionieren soll. Sie sind auf Insekten und Bienen angewiesen, die die Kulturen bestäuben.


In China werden Bäume teilweise schon von Menschenhand bestäubt. Sehen Sie das auf die Prignitz zukommen?
Ich hoffe, dass vorher noch ein Umdenken einsetzt. Aber wir sind auf bestem Wege so viele Insekten zu verlieren, dass wir tatsächlich irgendwann ein Bestäubungsproblem haben.


Kann man regional etwas tun?
Die Schwierigkeit ist, dass die Agrar-Umweltprogramme nicht spezifisch genug sind. Außerdem gibt es weniger Mittel für Naturschutz. Ich habe über die normalen Fördermöglichkeiten kaum noch Spielraum, etwas zu steuern. Wenn ich nicht an der allgemeinen Förderpolitik etwas ändere und den Bauern sage: Ihr bekommt nur Geld für Leistungen, die zugleich eine hohe Artenvielfalt erhalten, unterstützen und verbessern, dann ändert sich nichts. Wir können sonst nur zuschauen und dokumentieren.
 

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