Bomben auf Wittenberge : „Die Erinnerungen sind wieder da“

bombardierung 22

Der vor einer Woche entschärfte Blindgänger hat Hans-Joachim Thalmann den 22. Februar 1945 noch einmal erleben lassen

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31. Juli 2014, 08:00 Uhr

„Die fürchterlichen Bilder, alle Erinnerungen waren mit einem Mal wieder da. Es war ein ganz schreckliches Erlebnis“, sagt der Wittenberger Hans-Joachim Thalmann. Der heute 83-Jährige spricht vom 22. Februar das Jahres 1945. In der vergangenen Woche entschärften drei Männer vom Kampfmittelbeseitigungdienst nahe dem „Delphin“-Bad am Rehwischdeich einen Blindgänger, der mit höchster Wahrscheinlichkeit bei jenem Februarangriff von vor fast 70 Jahren ’runter ging. „Ich war damals knapp 15 Jahre alt“, erzählt Thalmann. Die Berichte im „Prignitzer“ über die Evakuierung und die Entschärfung hat er interessiert verfolgt. Nun erzählt er von jenem Tag, „dessen Erlebnisse mich ein Leben lang verfolgen“. „Wir wohnten damals in der Juliusstraße. Ich stand beim Kirschbaum, als die Flugzeuge kamen. Ich dachte noch, was ist denn das? Da hörte man schon so ein Zischen. Dann war plötzlich wieder Ruhe. Dann hörte man das Rumpsen. Die Bomben explodierten. Es sah aus, als fallen die Bomben auf den Bahnhof. “

Thalmann gehörte damals – wie die meisten anderen auch – zum Jungvolk. „Wir hatten Befehl, wenn nach einem Bombenangriff die Entwarnung kam, in der Stadt zu helfen.“ Thalmann macht sich auf den Weg. „Dort, wo heute eine Pension ist, stand in einem Garten ein kleines Haus. Da wohnte wohl ein Ölmühl-Arbeiter mit seiner Frau.“ Der noch nicht einmal 15-Jährige fragte: „Kann man helfen.“ Ja, er konnte. Er solle zupacken, sagte der Mann. „Unter den Trümmern des Hauses habe ich einen Arm gefunden, ein Stück Rückgrat. „Die Ehefrau war bei dem Bombenangriff umgekommen. Ihren Kopf haben wir nicht entdeckt. Mir war furchtbar übel.“

Hans-Joachim Thalmann erinnert sich auch noch daran, dass das Stellwerk nördlich des Bahnhofs mehrere Treffer abbekommen haben muss. Auch direkt im „Delphin“-Bad seien mehrere Bomben ’runter gegangen. „Die Fläche bestand eigentlich nur noch aus Trichtern.“ Das Bad ist später wieder hergerichtet worden. „Aber es ist nicht mehr so wie früher. Man sagt ja auch, dass durch das Bombardieren die Quelle verschüttet worden ist.“

An die 150 Sprengkörper sollen die Amerikaner an jenem 22. Februar als Bombenteppich über Wittenberge abgeworfen haben. „Es gab gleich zahlreiche Blindgänger“, weiß Hans-Joachim Thalmann. In Erinnerung ist ihm aus den Tagen nach dem Bombenabwurf geblieben, „dass KZ-Häftlinge eingesetzt waren, um Bomben zu entschärfen. Die SS lag ein Stück weg und hat sie bewacht.“


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