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Die entscheidende Schlacht aus Soldatensicht

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erstellt am 28.Mär.2012 | 07:47 Uhr

Brandenburg/Havel | Es war wohl einer der spektakulärsten Funde der vergangenen Jahre, den ahnungslose Brandenburger Arbeiter im Frühjahr 2007 südlich von Wittstock/Dosse machten. Als sie gerade dabei waren, in einer Grube Kies abzubauen, stießen die Baggerschaufeln plötzlich auf menschliche Skelette. Den herbeigerufenen Archäologen war schnell klar, dass es sich um die sterblichen Überreste von Soldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg handeln musste. Dieser "Schlacht von Wittstock" vor über 375 Jahren widmet sich ab Samstag eine Ausstellung im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg/Havel.

"Das ist das weltweit erste Massengrab, das wir von einem Schlachtfeld aus dem Dreißigjährigen Krieg gefunden haben", sagt der Brandenburger Landesarchäologe Franz Schopper. Eigentlich war der Krieg 1636 schon so gut wie entschieden, die Schweden waren nach Norddeutschland zurückgedrängt worden und befanden sich in der Defensive. Bei Wittstock sahen sie sich zu einer Entscheidungsschlacht gezwungen - und obwohl nur 16 000 Schweden 22 000 Mann der kaiserlich-sächsischen Armee gegenüberstanden, gingen sie als Sieger hervor. Infolge dessen sollte sich der Krieg noch weitere zwölf Jahre hinziehen.

Der Fund hat den Wissenschaftlern nicht nur wertvolle Erkenntnisse über den Ablauf der blutigen Schlacht geliefert, sondern vor allem einen Einblick in die Lebensumstände der Menschen damals erlaubt. Briefe oder andere Aufzeichnungen von einfachen Soldaten aus jener Zeit existierten praktisch keine, sagt Schopper.


Knochen verweisen auf Herkunft und Alter

Doch anhand der nun entdeckten Knochen konnten die Forscher zahlreiche Rückschlüsse ziehen, etwa auf die Herkunft der Soldaten. Der Zahnschmelz gebe zum Beispiel Hinweise da rauf, wo die Männer ihre früheste Kindheit verbrachten, erklärt die Anthropologin Bettina Jungklaus. Der jeweilige Boden und die Gesteinsverhältnisse wirkten sich auf die Nahrung aus. Welche Nahrung jemand als Kind zu sich genommen hat, sei wiederum an der Beschaffenheit des Zahnschmelzes zu erkennen. In Wittstock standen neben Mitteleuropäern und Schweden demnach auch Schotten und Männer aus dem Baltikum auf dem Schlachtfeld, die vermutlich als Söldner angeheuert wurden. Auch ihr Alter lässt sich laut Jungklaus anhand der Knochen eingrenzen: Die meisten von ihnen waren zwischen 25 und 35 Jahren alt. Einige der Knochen werden in der Ausstellung exemplarisch gezeigt, aber auch andere Fundstücke aus dem Massengrab wie Knöpfe oder kleine Haken von der Kleidung der Toten. Eingebettet sind die Wittstocker Funde in einen Rundgang aus anschaulichen Texttafeln, Hörstationen oder Leihgaben aus jener Zeit von anderen Museen.

Amputations-Säge wurde häufig gebraucht

Bevor der Besucher die eigentliche Schlacht nachempfinden kann, läuft er durch ein fiktives Soldatenlager. Historische Kanonenkugeln oder die schweren Piken, mit den die Soldaten kämpfen mussten, werden hier ebenso gezeigt wie die mörderischen Werkzeuge aus dem Feldlazarett. Ausstellungsleiterin Sabine Eickhoff deutet auf eine Amputations-Säge: "Die Verletzungen der Soldaten entzündeten sich häufig, so dass Wundbrand entstand". Nicht selten hätten Gliedmaßen dann amputiert werden müssen.

Der nächste Raum widmet sich den Geschehnissen auf dem Schlachtfeld am 4. Oktober 1636. Neben einer genauen Dokumentation über den Ablauf der Kämpfe werden dort auch originale Knochenteile gezeigt, denen die schweren Verletzungen deutlich anzusehen sind. Am häufigsten kamen die Männer durch eine Kugel zu Tode, aber auch Hieb- und Stichverletzungen lassen sich an den Knochen erkennen.

Bis zum 9. September ist die Ausstellung "1636 - ihre letzte Schlacht" in Brandenburg/Havel zu sehen, dann wird sie in München, Dresden und Schweden gezeigt. Die Schirmherrschaft hat neben Kulturministerin Sabine Kunst (parteilos) auch der schwedische Botschafter Staffan Carlsson übernommen.

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