Bahnhof Wittenberge : Die Bahn und das Mobilitätsproblem

Keine Chance ohne funktionierende Aufzüge: Ulrich Ahrendt muss sich auf die Technik und Aussagen des Bahnpersonals verlassen können, wenn er mit dem Zug unterwegs ist. Fotos: Lars Reinhold
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Keine Chance ohne funktionierende Aufzüge: Ulrich Ahrendt muss sich auf die Technik und Aussagen des Bahnpersonals verlassen können, wenn er mit dem Zug unterwegs ist. Fotos: Lars Reinhold

Rollstuhlfahrer muss zurück nach Bad Wilsnack fahren, weil der Aufzug im elbstädtischen Bahnhof nicht funktioniert

svz.de von
12. Dezember 2013, 08:00 Uhr

Wittenberge Die Bahn macht mobil, heißt es in der Werbung. Ein Slogan, über den Familie Ahrendt inzwischen nur noch müde lächeln kann – haben sie doch mehrfach gegenteilige Erfahrungen machen müssen.

Rückblick: Ulrich Ahrendt ist am Samstag von Mannheim nach Wittenberge unterwegs. Der 22-Jährige hat in Baden-Württemberg Informatik studiert, will nach Hause, seine Familie besuchen und am Dienstag zu einem Vorstellungsgespräch nach Berlin fahren. Über die Bahnhotline hat er sich erkundigt, ob in Wittenberge die Aufzüge funktionieren. Denn Ulrich Ahrendt ist aufgrund einer Muskelerkrankung auf den Rollstuhl angewiesen.

Bis zum Bahnhof Wittenberge läuft alles glatt. Die Reise endet aber nicht bei Ahrendts zuhause in Wentdorf, sondern vorerst vor dem Aufzug auf dem Bahnsteig. „Der funktionierte ganz einfach nicht“, berichtet Konrad Ahrendt, der seinen Bruder abholen will. Was dann folgt, ist ein Posse, wie sie so mancher Reisender mit Handicap schon erlebt haben dürfte. „Die Zugbegleiterin der ODEG, die die Strecke von Berlin bis nach Wittenberge bedient, bemühte sich über die Hotline der Bahn nach einer Lösung“, erzählt Konrad. Die Bahn habe daraufhin angeboten, einen Techniker zu schicken – konnte aber keinerlei Angaben machen, wann der vor Ort eintreffen werde. „Es war 19.50 Uhr und kalt, also keine Option für uns“, macht Konrad Ahrendt klar.

Der zweite Vorschlag, den das Callcenter zur Lösung des Problems anbietet, taugt – wäre nicht gerade Vorweihnachtszeit – fast als Aprilscherz. „Es hieß, wir sollten die Feuerwehr anrufen, damit die meinen Bruder samt Rollstuhl die Treppe hinunter und wieder hoch trägt. Totaler Irrsinn, wenn man bedenkt, dass der Rolli mitsamt Ulrich mehr als 200 Kilogramm wiegt,  keine ordentlichen Griffe hat und zudem die Gefahr besteht, dass er bei der Aktion rausfällt.“ Schließlich bietet die ODEG-Schaffnerin an, Ulrich Ahrendt kostenfrei wieder bis nach Bad Wilsnack mitzunehmen, wo er den Bahnsteig über eine Rampe verlassen kann. „Ich bin dann mit dem Auto nach Bad Wilsnack gefahren und habe ihn abgeholt“, sagt Konrad Ahrendt.

Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass die Ahrendts in Wittenberge vor derartigen Problemen stehen. „Vor ziemlich genau einem Jahr war es  dasselbe. Wir kamen zwar vom Bahnsteig runter, mussten dann aber bei Eiseskälte rund anderthalb Stunden in der Unterführung warten, weil der vordere Aufzug defekt war“, erinnert sich Ulrichs Mutter Christiane und bemängelt, dass die Bahn nicht in der Lage sei, für derartige Fälle Alternativlösungen bereitzuhalten. „Wir konnten uns gemeinsam jedes Mal irgendwie behelfen, aber was macht ein Reisender, der wirklich allein unterwegs und darauf angewiesen ist, dass alles funktioniert?“ Es sei klar, dass technische Probleme nie ausgeschlossen werden könnten. Deshalb müssten Notvarianten existieren und auch ordentlich kommuniziert werden, findet die Familie. Überhaupt sei die Kommunikation ein echtes Problem, denn dass sich manche Stellen nicht zuständig fühlen oder intakte Aufzüge bestätigen, die in Wahrheit außer Betrieb sind, sei keinem Reisenden, schon gar nicht jenen mit Handicap, zuzumuten.

Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, haben die Ahrendts für Ulrichs Fahrt zum Vorstellungsgespräch am Dienstag darauf bestanden, dass sich ein Bahnmitarbeiter kurz vor der Abfahrt bereithält, um bei technischen Problemen direkt Abhilfe zu schaffen. „Das hat wiederum geklappt, der Mann war pünktlich da und sehr freundlich, aber dieses Mal fuhren die Aufzüge“, so Christiane Ahrendt.

 Erlebnisse, wie sie Ulrich Ahrendt passiert sind, seien  statistisch gesehen bedauerliche Einzelfälle, sagt Dieter Dröge, Vorsitzender des Fahrgastverbandes ProBahn Berlin-Brandenburg.  Allerdings räumt er ein, dass diese Probleme in der Geschäftspraxis der Bahn bedingt sind. „Die prinzipiell hohe Sicherheit des Systems Eisenbahn liegt darin begründet, dass alle Rädchen stets präzise ineinander greifen. Seit dem Versuch der Privatisierung hat man die dafür vorhandenen Reserven abgebaut. Früher hat ein Fahrdienstleiter auf dem Bahnhof zur Not auch mal Fahrkarten verkauft oder einen defekten Waggon abgekoppelt. Jeder war für jeden da, und das gemeinschaftliche Handeln war bei diesem komplexen System  erst die Garantie für  Funktionalität und Pünktlichkeit.“

Für Behinderte, so Dröge, scheine das Glück auf größeren Bahnhöfen auf Grund einer höheren Zahl von hilfsfähigen Personen und teilweise mehrfach vorhandenen technischen Hilfsmitteln größer. Dennoch: Die Beförderungspflicht stehe jederzeit und überall in Frage,  und  das bundeseigene Unternehmen Bahn viel zu oft als Versager da.

Die Bahn bestätigt auf Nachfrage insgesamt elf Störungen der Wittenberger Aufzüge in diesem Jahr. Erst am 19. November saßen drei Angestellte des Unternehmens hier rund 40 Minuten fest. Der Ausfall am Samstag sei erst um 19.50 Uhr bekannt geworden, so habe der Mobilitätsservice den Reisenden nicht warnen können, heißt es weiter. Seien derartige Probleme bekannt, würden den Bahnkunden bereits bei der Reiseplanung Alternativen vorgeschlagen. Kommt es kurzfristig zu Störungen, werde für Betroffene über das Notfallmanagement eine Lösung angeboten, beispielsweise begleitetes Überqueren der Gleise oder die Nutzung eines benachbarten Bahnhofes – so  wie es am Samstag auch praktiziert worden sei. Dass der Feuerwehr-Vorschlag völlig unpraktikabel war, kommentiert die Bahn nicht.

Eine mögliche Schadenersatzpflicht des Unternehmens in Bezug auf die Mehraufwendungen des Reisenden werde auf dessen Antrag  geprüft. Lars Reinhold

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