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Der Prignitzer

19. November 2017 | 08:12 Uhr

Der Umgang mit rechter Gewalt

vom

svz.de von
erstellt am 13.Aug.2012 | 10:42 Uhr

Eberswalde | Am Tatort rauscht der Straßenverkehr unaufhörlich. Lastwagen rumpeln auf eine Kreuzung zu, Autofahrer steuern die Parkplätze mehrerer Discounter an. Wer an der Eberswalder Straße innehalten möchte, hat keine Chance auf Stille. Hier jedoch ist die Stätte der Tötung, manche sagen des Mordes. Und auch eine Stelle des Gedenkens: Vor dem Eingang eines Gewerbebetriebes an der Eberswalder Straße hängt die Tafel, mit der an Amadeu Antonio erinnert wird. Man kann sie leicht übersehen.

Der Angolaner ist eines der ersten Opfer rechter Gewalt in Ostdeutschland nach der Wende. Er starb am 6. Dezember 1990 nach einer Gewaltorgie in Eberswalde (Barnim) nordöstlich von Berlin. Antonio erlag seinen schweren Verletzungen nach dem Überfall in der Nacht zum 25. November. Gestern hätte er seinen 50. Geburtstag gefeiert - er wurde nur 28 Jahre alt.

"Es war ein Pogrom gegen die Schwarzen", sagt Kai Jahns von der Kampagne "Light me Amadeu". Er steht vor dem Gedenkstein und erzählt davon, wie Rechte Antonio mit Tritten und Schlägen quälten. Die Jagd galt auch anderen Angolanern, die sich ein paar Schritte vom Tatort entfernt häufig in einer Gaststätte trafen. Jahns wirft Polizisten, die damals anwesend waren, vor, nicht früh genug eingeschritten zu sein.

Jedes Jahr im Herbst erinnern Initiativen und Vertreter der Stadt an dem Gedenkstein an Amadeu Antonio. Auch gestern fanden Veranstaltungen statt - überschattet von einer monatelangen Debatte über ein würdiges Gedenken an den früheren Vertragsarbeiter. Jahns und seine Mitstreiter wollen, dass die Eberswalder Straße in Amadeu-Antonio-Straße umbenannt wird. Die Stadtverordneten haben allerdings noch keinen Beschluss gefasst, es gibt Widerstand in der Bevölkerung.

Die Stadt sei mehrheitlich noch nicht in der Lage zu trauern, meint die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin, Anetta Kahane. Und Jahns will nicht, dass eine kleine, unauffällige Straße nahe dem Tatort nach dem Opfer benannt wird. Dieser Vorschlag kam in der Diskussion als Alternative zur Umbenennung der großen Eberswalder Straße auf. Dabei sei es doch nur ein ein Kilometer langer Abschnitt der Verkehrsader, der künftig Amadeu-Antonio-Straße heißen solle, sagt Jahns.

Beginnen soll die Amadeu-Antonio-Straße an einer ganz speziellen Kreuzung: Einer Kreuzung, an der im Zweiten Weltkrieg Baracken eines KZ-Außenlagers standen. Jahns sagt, dass auf der anderen Seite vor 20 Jahren ein Heim für Asylbewerber in Flammen stand. Von der Kreuzung ist es nicht weit zum Gedenkstein für den Angolaner.

Die Stadt möchte mit den Einwohnern in den nächsten Monaten ein Konzept für ein würdiges Gedenken an das Opfer entwickeln. Ob am Ende eine Umbenennung einer Straße oder eines Gebäudes steht, ist völlig offen. Außerdem soll ein Anti-Rassismus-Konzept entstehen - aber nicht in diesem Jahr, wie der Stadtsprecher ankündigt. "Die Straße kommt", ist Jahns zuversichtlich. "Die Verzögerung ist gar nicht schlecht" - so werde immerhin über Rassismus diskutiert.

Wegen rechter Gewalt starben nach Angaben des Innenministeriums in Brandenburg seit der Wiedervereinigung offiziell neun Menschen. Der Verein Opferperspektive beziffert die Zahl der Todesopfer rechter Schläger seit 1990 allerdings auf 27. Bundesweit waren es nach Recherchen der Amadeu Antonio Stiftung 182 seit der Wiedervereinigung.

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