Der steinige Weg zur Unabhängigkeit

Stolz hält Rolf Aurich sein Abschlusszeugnis in den Händen. Katarina Sass
Stolz hält Rolf Aurich sein Abschlusszeugnis in den Händen. Katarina Sass

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12. September 2012, 09:14 Uhr

WIttenberge | Rolf Aurich hat nur einen einzigen Traum in seinem Leben: Der 52-Jährige möchte endlich einen Beruf erlernen. Doch die Möglichkeiten dazu sind für ihn sehr begrenzt. Denn Rolf Aurich ist an einer Schizophrenie erkrankt und lebt in der Wohnstätte "Leuchtturm" der Awo Prignitz in Wittenberge. Hier lernen 16 psychisch kranke Bewohner im Alter von 20 bis 69 Jahren, ihren Alltag zu strukturieren. Die meisten von ihnen sind schizophren. Am kommenden Sonnabend, 15. September, begeht die Einrichtung ihr siebenjähriges Bestehen.

Vielleicht kann Rolf Aurich bald in eine WG umziehen. Doch ein vollkommen autarkes Leben wird schwierig, schätzt Einrichtungsleiterin Mandy Linow ein. Um seinem Traum näher zu kommen, geht Aurich seinen Weg Schritt für Schritt. Seit einigen Wochen hat Rolf Aurich, der zu DDR-Zeiten nach der 8. Klasse die Schule verließ, seinen 10. Klasse-Abschluss der Kreisvolkshochschule in der Tasche. Die Prüfung bestand er mit Bravour.

Schnell sprechen und lange Fragen sind tabu

Wer ist dieser Mann, der so ehrgeizig sein Ziel verfolgt und dem das gesellschaftliche System kaum die Möglichkeit zur Entfaltung gibt? Vor dem Interview in der Awo-Wohnstätte werde ich aufgeklärt, wie ich mich gegenüber Rolf Aurich zu verhalten habe, welche Worte und Formulierungen ich in seiner Gegenwart vermeiden sollte und wie ich das Gespräch zu führen habe. Langsam sprechen. Kurze Fragen stellen. Nicht unter Druck setzen. Und: Ihn erzählen lassen.

Als Rolf Aurich in das kleine Besprechungszimmer gebeten wird, wirkt er schüchtern. Das Haar schütter, der Pullover gestreift, der Blick gesenkt. Er gibt mir die Hand, wirkt freundlich. Den Eindruck, dass er krank ist, hat man nicht. Aber worin äußert sich seine Schizophrenie?

Fühlt sich Rolf Aurich ungerecht behandelt, bedroht, verfolgt oder kommt er durch Überforderung an seine Grenzen, fangen seine Gedanken unaufhörlich an zu kreisen, beschreibt Mandy Linow. Er habe dann Angst, fühle sich nicht wohl. Kontakte zu anderen Menschen bereiten ihm Angst, er bleibt lieber ein Einzelgänger. Im schlimmsten Fall, so beschreibt seine Betreuerin, werde er aggressiv, ist dann nicht er selbst, benötigt maximale Zuwendung und Struktur. "Herr Aurich legt großen Wert auf seine Grundrechte," sagt sie. Ein starker Drang nach Anerkennung und damit ein großes Ich-Bewusstsein zeichnen ihn aus.

Schnell wird klar: Rolf Aurich hat in seinem Leben schon viel erlebt. Das Besondere an ihm ist, dass er sich seiner Krankheit durchaus bewusst ist und sein Handicap anerkennt. Während der Mann spricht, zuerst zaghaft, dann immer offener, schaut er mir immer wieder auf die Finger. Schaut, was ich über ihn schreibe, fragt bei manchen Worten nach. Er hat lieber alles unter Kontrolle.

Ich frage ihn zunächst, wie es ihm geht, wie ihm das Leben im "Leuchtturm" gefällt. Ja, sagt er und blickt mich nur kurz an, heute gehe es ihm gut. Und ja, es gefalle ihm hier sehr gut. Zum ersten Mal huscht ein Lächeln über sein Gesicht, als ich ihn auf seine tolle Leistung an der Kreisvolkshochschule anspreche. Dort lernte Rolf Aurich zwei lange Jahre in Fächern wie Deutsch, Englisch, Mathematik, Geschichte, Musik. Zweimal pro Woche ab 20.30 Uhr. "Englisch war ganz schön schwer. Aber ich habe gebüffelt und es geschafft." Dreien und Zweien kann er jetzt vorzeigen. Das Fach Geschichte schloss er gar mit der Bestnote ab.

Aurichs Ziel: Er will die Fachhochschulreife schaffen

Rolf Aurich hat es soweit geschafft, jetzt will er noch mehr. Die 11. Klasse und dann die 12. "Die 13. Klasse wäre dann ein bisschen schwierig für dich, wir greifen erst einmal die 11. und 12. Klasse an", bremst ihn die Pädagogin. Doch sein Ehrgeiz ist ungebremst. Er will die Fachhochschulreife schaffen, um dann studieren zu können.

Was möchte er denn mal werden? Wieder Hilfe suchende Blicke. Muss er das sagen? "Was Journalistisches, beim Radio", antwortet er gedehnt. Einen Fernlehrgang Journalistik habe er in Hamburg bereits absolviert. Doch Bewerbungen bei Radiosendern fruchteten noch nicht, obwohl er schon einmal beim Hörfunk 104.6 RTL hinter die Kulissen schauen durfte.

Seit 2008 lebt er in Wittenberge. Wo er vorher war, darüber spricht er nicht gern, schaut zu seiner Betreuerin. "Ich schäme mich dafür", sagt er gequält. Mandy Linow versucht ihn aufzubauen. "Na, Rolf, wenn du möchtest, kannst du dich trauen, es gehört zu deinem Leben." Doch er bleibt bei einem Nein.

1981 unternahm er den ersten von zwei Fluchtversuchen

Rolf Aurich will endlich anerkannt werden, will nicht mehr vormittags bei den Werkstätten der Lebenshilfe arbeiten, sondern einen richtigen Beruf erlernen. Das hat ihm das Leben bislang verwehrt. Denn er blickt auf eine wechselhafte Vergangenheit. In Radebeul bei Dresden 1960 geboren, zog er nach der 8. Klasse zu seiner Mutter nach Neuruppin, lernte später Maurerhelfer, war erfolgreicher Torwart bei den Handballern der SC Dynamo Suhl Mitte. Schnell wurde der Staatssicherheitsdienst auf ihn aufmerksam, denn 1981 unternahm er den ersten Fluchtversuch von zweien. Er verbrachte viel Zeit in der Klinik in Neuruppin. Dort verpasste der freiheitsliebende Mann auch die Wendezeit. "Ja, leider", kommentiert er. Heute bekommt er Opferrente. Reisen durch ganz Deutschland und demnächst auch nach Polen gleichen seinen Drang nach Freiheit heute aus. Auch Briefkontakte in alle Welt pflegt der 52-Jährige.

Jetzt wird er nach Feierabend wieder bis 22 Uhr in der Kreisvolkshochschule sitzen und büffeln, um seinem Traum von einem autarken Leben ein Stückchen näher zu kommen.

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