Landrats-Chauffeur geht : Der schweigsamste Angestellte

Hat 24 Jahre lang die Prignitzer Landräte gefahren: Frank Böhringer
Foto:
Hat 24 Jahre lang die Prignitzer Landräte gefahren: Frank Böhringer

Chauffeur Frank Böhringer diente allen drei Landräten und gibt nach 24 Jahren den Autoschlüssel ab. Ein exklusives Interview

von
25. Juni 2016, 12:00 Uhr

Die Bundeskanzlerin hat einen. Obama selbstverständlich auch und die Prignitzer Landräte ebenfalls: Einen Chauffeur. Seit 1992 fährt Frank Böhringer für den Landkreis. Erst Landrat Rainer Neumann, dann Hans Lange und aktuell Torsten Uhe. Am kommenden Montag wird er die Fahrzeugschlüssel in jüngere Hände legen. Zurückhaltend und verschwiegen wie es sich für einen Chauffeur gehört, lehnte er bislang alle Interviewanfragen ab. Jetzt stimmte er zu und traf sich exklusiv mit dem „Prignitzer“.

Frank Böhringer blickt auf die Uhr. Der Reporter verspätet sich. Zwar nur um eine Minute, aber Pünktlichkeit ist eine Tugend, die ein Chauffeur haben sollte. Böhringer hat sie. Eklatante Verspätungen? Der falsche aber namensgleiche Zielort im benachbarten Bundesland? Er schüttelt den Kopf. „Nein, das ist mir nie passiert.“ Mal erwischte er eine falsche Abfahrt auf der Autobahn, mal eine offiziell gesperrte Straße auf die ihn das Navi lenkte und die Polizei abkassierte. „Aber richtig verspätet haben wir uns nie.“

Beim Blick auf den Audi A 6 glauben wir das gerne. Eher beschleicht uns das Gefühl, mit diesem Wagen ist jede Fahrzeit zu unterbieten. 272 PS schlummern unter der Haube. Böhringer schmunzelt. Klar, da stecke Power drin, aber gerast werde nicht.

Hans Lange und Torsten Uhe hätten fast nie gedrängelt. „Rainer Neumann zeigte manchmal auf die Uhr. Ich sollte schneller fahren, aber ich hielt mich an die Tempolimits.“ Dass dies in 24 Jahren nicht immer gelang, versteht sich. Manch ein Strafzettel war die Folge. „Alle selbst bezahlt“, ahnt Böhringer die nächste Frage voraus. So großzügig sei der Landkreis wahrlich nicht.

Einmal hätte es ihn hart treffen können. „Wir hatten Hochwasser und Katastrophenalarm. Hans Lange musste ganz schnell an die Elbe.“ Er gab richtig Gas. Später sprach er dann im Krisenstab den damaligen Polizeichef an. Die Sache ging glimpflich aus.

A 7 oder A 9. A 46 und 57. Frank Böhringer kennt sie alle. Erst wenige Tage hatte er seinen alten Arbeitsplatz, die Nordfrucht GmbH in Perleberg, gegen den damaligen Audi A 100 getauscht, als ihn sein erster Auftrag nach Bonn führte. „Altkanzler Helmut Kohl feierte sein zehnjähriges Dienstjubiläum. Einen Schlips hatte ich mir umgebunden, einen schwarzen Anzug besaß ich aber nicht.“ Alle anderen Chauffeure trugen so einen. Böhringer verzog sich in eine Ecke des Hotels, verfolgte das Treiben aus der Distanz.

Er hatte sich für seinen neuen Job Abwechslung gewünscht. Er bekam sie. Berlin und Potsdam. Brüssel, Kaiserslautern, Worms, Mannheim. „Manchmal kam ich nur zum Schlafen nach Hause. Gerade in den ersten zehn Jahren überwog das Interessante.“

Jede Tour bereitete er akribisch vor, studierte Karten, machte sich Stichpunkte und legte diese auf den Beifahrersitz. Als er gestern das Auto ausräumte nahm er eine große Tasche voller Stadtplänen mit nach Hause. Benutzt hat er sie schon lange nicht mehr. Das deutsche Autobahnnetz und manch schnelle Verbindung abseits der großen Straßen sind in seinem Kopf gespeichert. Seit einigen Jahren gibt es das Navi. Er mag es nicht so gerne. „Man verlässt sich darauf, wird faul, prägt sich keine Strecken mehr ein.“

Die langen Wartezeiten auf den Terminen überbrückt Böhringer mit Spaziergängen oder Einkäufen. Er plaudert mit Kollegen und hat im A 6 sogar einen kleinen Fernseher. Das Warten sei nicht schlimm.

Die Landräte und auch die andere Fahrgäste seien angenehm. „Meistens haben sie große Aktenberge dabei und arbeiten.“ Es habe auch nie Champagner im Auto gegeben. Und wenn sie telefonieren oder mit Gästen im Wagen sprechen? „Ich habe einen Hörfehler. Was im Auto gesprochen wird, geht niemanden etwas an“, sagt Frank Böhringer und will all die kleinen und größeren Geheimnisse aus 24 Jahren auch künftig nicht verraten.

Stattdessen wird er mit seiner Frau verreisen, ihr mit dem Auto seine Lieblingsrouten zeigen. Und ein Urlaub in Dubai steht an. Dort trifft er sich mit seinem Bruder, der in Äthiopien lebt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen