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Der Prignitzer

24. November 2017 | 04:56 Uhr

Der Prignitz drohen acht Meter

vom

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erstellt am 04.Jun.2013 | 10:16 Uhr

Prignitz/Havelberg | 500 000 Sandsäcke sind für die Prignitz geordert. Heute, spätestens Morgen wird Landrat Hans Lange über das Ausrufen des Katastrophenalarms entscheiden. Welcher Elbpegel zu erwarten ist, konnten die Experten auch gestern nicht verlässlich voraussagen, aber in einem Punkt sind sie sich einig: "Auf uns wird eine sehr kritische Situation zukommen", sagt Hans Lange auf der Sitzung des Krisenstabes. Die Fachleute erwarten deutlich mehr Wasser als 2002 und über mehrere Tage anhaltend hohe Wasserstände.

Ab Freitag wird mit den ersten richtig hohen Wasserständen von sieben Metern und mehr am Pegel Wittenberge gerechnet. Die am Montag herausgegebene ungesicherte Prognose von 7.50 musste gestern auf 8,20 Meter für den Sonntag angehoben werden. Einige Rechenmodelle im Internet sagen ungesichert gar bis zu 8,60 Meter voraus. "Es sind sehr gewagte Prognosen", so Lange. Die Vorhersage gestalte sich schwierig, da es die jetzige Situation noch nie gegeben habe.

Anders als 2002, 2006 und 2011 ströme von allen Seiten Wasser in die Elbe, das die Prignitz erreichen wird: Saale, Mulde, Elster, Havel, Spree. "Acht Meter sind kritisch, aber die Deichhöhe reicht in den sanierten Abschnitten bis 8,45 Meter", erklärt Lange. Dennoch gebe es kritische Punkte. Das ist der innerstädtische Bereich von Wittenberge. Heute soll mit dem Aufbau der Spundwand begonnen werden. Dann der unsanierte Bereich Hinzdorf bis Bälow. Allein hier sollen etwa 200 000 Sandsäcke verbaut werden. Besonders kritisch in diesem Bereich die Landesstraße zwischen Sandkrug und Bälow. Ab heute wird hier der Deich landseitig verstärkt. In den vergangenen Jahren war dies stets einer der kritischsten Punkte.

Auf eine bedrohliche Situation müssen sich erneut die Breeser einstellen. Bernd Lindow, Leiter der unteren Wasserbehörde, erwartet Zustände wie im Januar 2011, als weite Ortsteile unter Wasser standen. Die Häuser im Stepenitzgrund werden akut bedroht sein. Ordnungsamtsleiter Gerald Neu schließt hier eine Evakuierung nicht aus.

Die Deichbaustelle zwischen Garsedow und Schadebeuster werde seit gestern unter Hochdruck gesichert, sagt Stefan Blechschmidt, Referatsleiter Hochwasserschutz im Landesumweltamt. Der Deich sei hier bereits verstärkt worden, so dass er sicherer sei, als noch 2011 beim Hochwasser. Das Landesumweltamt wird ab heute mit seinem Krisenstab in Lenzen die Arbeit aufnehmen.

Ab heute sollen in den Kommunen digitale Kartenmodelle ausliegen, aus denen hervorgeht, welche Gebiete bei welchem Pegelstand überflutet wären. Ebenfalls ab heute bittet der Krisenstab die Bevölkerung um Hilfe. In Bälow werden ab 8 Uhr am Aussichtsturm Sandsäcke gefüllt, in Breese bereits seit gestern an der Schule. In Wittenberge auf der Ölmühle und im Packhofviertel.

Der Krisenstab kündigt für die nächsten Tage Einschränkungen in Elbnähe an. Ab Morgen 8 Uhr gilt ein Fahrverbot auf dem Deich. Alle Sondergenehmigungen sind dann außer Kraft gesetzt. Ab 20 Uhr sollen keine Radfahrer mehr auf dem Elberadweg fahren. Eine entsprechende Information dazu geht auch an den Tourismusverband Brandenburg. Über mögliche Straßensperrungen wird je nach Lage in den nächsten Tagen entschieden.

Die Bundeswehr bereitet sich unterdessen auf einen erneuten Einsatz in der Prignitz vor. Sobald der Landrat den Katastrophenalarm ausruft, werde der Landkreis Kräfte anfordern. Die Bundeswehr entscheide dann, welche Einheiten verlegt werden. Bis zu ihrem Eintreffen in der Prignitz können 48 bis 72 Stunden vergehen, heißt es.

Ministerpräsident Matthias Platzeck nahm an der gestrigen Sitzung des Krisenstabes teil. "Hier wird professionell gearbeitet", schildert er seinen Eindruck. Man spüre, dass die Mitarbeiter des Stabes aus den Vorjahren Erfahrungen mitbringen, die jetzt hilfreich seien. Es gebe keinen Anlass zu einer Panik, betont Platzeck. Zugleich sagt er aber auch: "Wir müssen uns auf eine sehr komplexe Situation einstellen." Selbst die Windverhältnisse hätten Auswirkungen, beispielsweise ob die Nordsee in die Elbe hinein drücke.

Havelberg sorgt sich um die Stadtinsel

Für Havelberg wird das Eigenwasser der Havel zum Problem. Das sagte Bürgermeister Bernd Poloski gestern nach der Sitzung des von ihm eingerichteten Hochwasser-Stabes. "Wir haben uns deshalb entschieden, die Altstadt wieder einzuhausen.

Die Wälle werden so ausgerichtet, dass sie bei einer Flutung der Havelpolder zur Kappung des Hochwasserscheitels der Elbe Schutz bieten. "Doch unser großes Problem ist, dass derzeit niemand einschätzen kann, ob es zur Wehröffnung kommt. Denn wir haben eine enorme Entwicklung des Wasserstandes in der Havel, so dass die Polder vorher durch das Eigenwasser volllaufen könnten." Durch Neiße und Spree steigt der Pegel der Havel schnell an. Gestern stand er bei 2,60 Meter. Da floss noch Havelwasser in die Elbe ab. Doch werde sich das weiter minimieren.

"Wir müssen damit rechnen, dass die Havel selbst mehr Wasser mitbringt als der bei einer Flutung zu erreichende Maximalwert von 4,80 Meter oder 26,40 Meter über NN. Für diesen Fall gibt es keine technische Lösung mehr", so der Bürgermeister. Das hätte zur Folge, dass die Pumpensysteme auf der Stadtinsel nicht mehr funktionieren. Ein weiteres Problem ist der zu erwartende extreme Anstieg des Grundwasserspiegels.

In engem Kontakt steht der Bürgermeister mit den Kommandeuren in Havelberg. Einen Einsatz würde jedoch das Landeskommando regeln. Die Panzerpioniere sind seit gestern an Deichen in Halle im Einsatz.

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