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Der Prignitzer

20. Oktober 2017 | 22:04 Uhr

Der Lokschuppen füllt sich

vom

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erstellt am 07.Okt.2012 | 06:43 Uhr

Wittenberge | "Stopp!" "Etwas weiter links, höher, stopp!" Mehrere Männer dirigieren den Stapler, an dem die schwere Holzbearbeitungsmaschine hängt. Vier Bolzen ragen aus der Bodenbetonplatte. Passgenau soll die Maschine auf diese hinauf gleiten und verschraubt werden. Millimeterarbeit. Sie packen mit ihren Händen zu, drehen und zerren an der Maschine. "Ab!" Geschafft.

Es ist Sonnabend. Die Regenwolken sind abgezogen. Doch die Hosen und Schulterpartien der Männer vom Verein Dampflokfreunde Salzwedel und ihre Partner vom hiesigen Historischen Lokschuppen e. V. sind noch immer feucht. Seit Stunden entladen sie die Tieflader, die die Maschinen aus Salzwedel hergebracht haben. Der Umzug in das sanierte Schaudepot nach Wittenberge ist in vollem Gange. Die künftige Werkstatt füllt sich.

Fräse. Kleines Bohrwerk. Drehbank. Mit Kreide geschrieben steht auf dem Fußboden, wo was stehen soll. Der am Morgen noch leere Raum füllt sich mit alten, teils ölverschmierten Maschinen, die in jedem Technikmuseum einen Ehrenplatz erhalten würden. Ganz gewiss die Säulenbohrmaschine mit Riemenantrieb. Sie stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert. "Sie alle sind funktionstüchtig und werden von uns benötigt", sagt Klaus-Peter Müller.

Er gehört zu jenen Bahnenthusiasten, die 1994 den Verein in Salzwedel gründeten. Das Werkzeug diene zur Instandhaltung ihrer Technik. Loks und Waggons müssten ständig gewartet werden. Irgendetwas sei immer zu tun. Rund 1000 Tonnen Technik müssen sie nach Wittenberge schaffen, Loks und Waggons nicht mitgerechnet. "Was heute kam, ist gerade mal ein Drittel", sagt Müller. Insgesamt seien bis Ende Oktober vier oder gar fünf Touren geplant.

Die Blicke der Männer richten sich immer häufiger Richtung Bahnhofsgebäude. Von dort kommt der Zug auf den sie seit Stunden warten. Er bringt rund zehn Wagen, darunter ein Tank- und Bierwaggon. Eine gerissene Oberleitung am Morgen hatte den ganzen Zeitplan durcheinander gebracht. "Sie hätten längst hier sein sollen", so Klaus-Peter Müller. Kurz nach 16 Uhr rollt der Zug langsam heran. Eine Weiche wird umgelegt, die Waggons auf einem Gleis abgestellt.

Im Lokschuppen läuft schon seit mehren Minuten der Motor einer Rangierlok warm. Ein schriller Pfeifton ertönt. Langsam fährt sie auf die Drehbühne. Jahrelang war sie nicht in betrieb, haben Väter ihren Kindern beim Spaziergang erklärt, wie sie funktioniert und am Abend haben die Kleinen das dann mit ihrer Holzspielzeugbahn ausprobiert. Jetzt ist die Drehbühne funktionstüchtig, bringt die Rangierlok zum richtigen Gleis. Sie pfeift und fährt vorbei am Stellwerk, Weiche umlegen, zurück zu den abgestellten Waggons. Männer eilen herbei, koppeln zwei Waggons an. Pfeifen, zurück und am Stellwerk vorbei. Weiche umlegen. Pfeifen und vorwärts auf die Drehbühne. Rangierbetrieb auf dem Teilgelände des ehemaligen Bahnbetriebswerkes (Bw). Fast eine halbe Stunde vergeht, bis die kleine Lok den Bierwaggon durch das Tor 13 schiebt.

Ein Bild, was sich in den nächsten Wochen noch oft wiederholen wird. In Salzwedel stehen weitere Wagen und vor allem Loks abfahrbereit. Wann was davon in Wittenberge ankommt, kann Klaus-Peter Müller nicht sagen. Jede Fahrt muss bei der Bahn beantragt werden, für fahrbereite Loks gelten andere Richtlinien als für sogenannte kalte Loks. All das müsse berücksichtigt werden "und die Genehmigungen gibt es meist sehr kurzfristig", erklärt Müller.

Bis Ende des Monats soll das Gros aber hier sein, werden sich Wittenberger erstmals das neu geschaffene Freilichtmuseum anschauen können. Aber die Bahnfreunde planen mehr als nur ein stilles Museum. "Wir werden fahren", verspricht Müller. Ziele seien beispielsweise der Hamburger Hafen, auch nach Berlin kann es gehen. Für eine ganze Reihe von Loks gebe es Betriebszulassungen. "Unser Verein hat Lokführer und Heizer", sagt Müller und lässt keine Zweifel aufkommen, dass hier in Wittenberge eine neue Attraktion entsteht.

In Salzwedel hingegen neigt sich eine Ära ihrem Ende entgegen. Leicht falle es dem Verein nicht, aber er habe keine Pers pektive mehr gesehen. Das dortige Lokschuppenareal sei reparaturbedürftig, die Eigentumsfrage ungeklärt. Anders als in Wittenberge sei eine Sanierung und deren Finanzierung nicht absehbar gewesen, hatte der Vereinsvorsitzende Burkhard Bohn in der Vergangenheit mehrfach erklärt.

Klaus-Peter Müller blickt auf eines der leeren Gleise am Stellwerk. Dort hätten 1993 schrottreife Loks gestanden. "Die habe ich gerettet und nach Salzwedel geholt. Damit fing alles an." Jetzt kehren auch sie zurück an die Elbe. Vielleicht sollte das so sein.

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