Familienmitglieder in Syrien getötet : Der Krieg bekommt ein Gesicht

Nach der Familientragödie bekommen Hassan Alyoussef, seine Frau Nour und der kleine Mosa Unterstützung von Bärbel Treutler (l.) und den Ehrenamtlern des Sprachcafés.
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Nach der Familientragödie bekommen Hassan Alyoussef, seine Frau Nour und der kleine Mosa Unterstützung von Bärbel Treutler (l.) und den Ehrenamtlern des Sprachcafés.

Familie Alyoussef hat bei dem Giftgasangriff in Syrien 19 Verwandte verloren. Für den 26-jährigen Hassan ist klar, wer der Schuldige ist

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06. April 2017, 05:00 Uhr

Das, womit Hassan Alyoussef und seine Frau Nour jetzt fertig werden müssen, geht eigentlich über jede Vorstellungskraft hinaus. Das Ehepaar aus Syrien beklagt nach dem mutmaßlichen Giftgasanschlag in der Stadt Chan Scheichun 19 tote Verwandte. „Meine Cousins und Cousinen oder auch der Onkel meiner Frau, alle tot“, sagt Hassan Alyoussef, während er die Bilder und Videoaufnahmen auf seinem Smartphone zeigt.

Darauf zu sehen sind tote Kinder, leblose Frauenkörper, bleiche und verzerrte Männergesichter. Ein Anblick, der nur schwer zu ertragen ist. Immer wieder stoppt der 26-jährige Architekt diese Bilderschau des Schreckens und erklärt: „Das ist meine Cousine.“ „Das sind mein Cousin und seine Kinder.“ Überprüfbar sind diese Angaben nicht, aber das Verhalten von Hassan Alyoussef lässt darauf schließen, dass es tatsächlich um seine Familienmitglieder geht. Öfter kämpft er mit den Tränen, schüttelt verzweifelt den Kopf.

Das Smartphone ist für Hassan Alyoussef und seine Frau der einzige Kontakt zu ihrer Familie in Syrien. Dienstag früh gegen 7 Uhr haben wir von dem Angriff erfahren“, erzählt Alyoussef. Bei dem sind bis Redaktionsschluss laut Angaben von Aktivisten 72 Menschen gestorben, darunter 20 Kinder. Dazu zählen auch die neun Monate alten Zwillinge Ahmed und Aya, die Kinder eines Cousins von Alyoussef.

Er habe keine Zweifel, dass die syrische Armee und damit Präsident Baschar al-Assad hinter der Attacke steckt. „Wer sonst? Er muss weg“, sagt Hassan Alyoussef, dessen Bruder vor zwei Jahren getötet wurde. Sein Vater sitzt seit drei Jahren in einem syrischen Gefängnis. Den Grund wisse sein Sohn nicht, sagt er. „Dort kann jeder einfach festgenommen werden.“

Mittlerweile hat die Familie die Hoffnung verloren, jemals wieder nach Syrien zurück zu können. Für seinen sieben Monate alten Sohn Mosa, der den Namen seines Großvaters trägt, erhofft sich das Ehepaar ein besseres Leben in Europa. Die Zuversicht, dass die Lage in Syrien sich in absehbarer Zeit bessern wird, ist der Resignation gewichen. Von den europäischen Ländern fordert Hassan Alyoussef mehr Taten. „Sie reden nur, Assad handelt. Auch der UN-Sondergipfel wird wieder nur Gerede bringen. Ich fühle mich so hilflos“, sagt der junge Mann, der seit acht Monaten mit seiner Familie in Wittenberge lebt.

In dieser schweren Zeit finden die Flüchtlinge Halt in der evangelischen Kirchengemeinde Wittenberge. In der Perleberger Straße lädt immer dienstags das Sprachcafé zum Besuch ein. Hier treffen sich Einheimische und Flüchtlinge zum Gespräch. Auch Bärbel Treutler ist so oft es geht als Ehrenamtlerin dabei. Sie berichtete uns von dem Schicksal der Familie. „Wir dürfen sie jetzt nicht alleine lassen. Sofern es möglich ist, ist immer jemand von uns bei ihnen“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

„Das Leiden der Hinterbliebenen dieses Verbrechens ist plötzlich so nah bei uns.“ Hassan Alyoussef bedankt sich bei den Initiatoren des Sprachcafés. „Ohne sie wäre alles noch schlimmer.“

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