Aus dem Perleberger Rathaus : Der Einzelhandel hat Priorität

Bürgermeisterin Annett Jura in ihrem Arbeitszimmer.
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Bürgermeisterin Annett Jura in ihrem Arbeitszimmer.

Annett Jura zieht nach einem Jahr im Amt ein Fazit und gibt einen Ausblick / Wirtschaftsförderung ist Chefsache

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04. März 2016, 12:00 Uhr

Am 2. März 2015 stellte sich die neu gewählte Bürgermeisterin Annett Jura ihrem Mitarbeiterstab vor. Jetzt sprach Redakteurin Doris Ritzka mit ihr über 365 Tage als neue Chefin im Rathaus.

Freude und Spannung auf das, was kommt, dürften inzwischen dem Alltag gewichen sein.

Annett Jura: Im gewissen Sinne schon, doch ich bin immer noch jeden Morgen glücklich darüber, dass ich Bürgermeisterin sein kann. Das Jahr hat mir gezeigt, diese Arbeit liegt mir. Zwischen den Themen zu springen, sich von gleich auf jetzt auf ein anderes Thema einzustellen, das ist meins. Morgens Gratulation zum 90. Geburtstag, anschließend Besuch von Unternehmen, Dienstberatung, abends dann Stadtverordnetenversammlung oder ein Auswärtstermin. Das ist mein Metier.

Sie leiten ein Unternehmen mit über 100 Beschäftigten und zugleich die Geschicke der Stadt. Viel Verantwortung auf so schmalen Schultern, oder?

Ich bin mir der Verantwortung durchaus bewusst, ebenso wie ich nicht vergesse, dass ich nicht einer Königin gleich allein regiere. Es gar nicht könnte und wollte. Ich brauche die Stadtverordneten, ich brauche meine Mitarbeiter.

Wie gut kennen Sie diese inzwischen?

Beim Amtsantritt habe ich versprochen, alle Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz aufzusuchen. Es hat zwar etwas länger gedauert, als ich dachte, aber ich habe es geschafft. Für mich wichtig, um auch nachvollziehen zu können, warum jener eine Vorlage so erarbeitet bzw. Dinge so wertet. Und meine Mitarbeiter bereiten mich optimal auf alle Außentermine vor.

Gerade im Amt, da hatten Sie die Causa Rothbauer auf dem Tisch.

Eigentlich schon während des Wahlkampfes wurde ich damit konfrontiert. Damals sagte ich, ich werde mich mit der Aktenlage vertraut machen und danach entscheiden. Und das habe ich. Dazu habe ich mir zuvor juristischen Beistand geholt und die Stadtverordneten umgehend informiert, so dass auch sie den gleichen Kenntnisstand hatten wie die Verwaltung.

Alles andere als ein leichter Start, oder?

Stimmt, zumal es hier um einen sehr großen Fachbereich ging. Mit auch ein Grund, warum wir eine neue Organisationsstruktur haben, jetzt mit fünf gleichberechtigten Fachbereichen. Der Stadtbetriebshof, der für alle tätig ist, ist nun wieder ein eigenständiger, in den anderen ist die Zuordnung übersichtlicher und nachvollziehbar.

Die Wirtschaftsförderung ist aber Chefsache.

Bewusst, die Wirtschaft ist unser Lebensnerv. Insgesamt betrachtet sind wir gut aufgestellt. Damit es so bleibt, möchte ich alle Unternehmen animieren, selbst auszubilden. Es gibt leider noch etliche, die das nicht machen. Wenn der Nachwuchs hier eine berufliche Perspektive sieht, vielleicht noch in Vereinen oder der Feuerwehr integriert ist, dann bleibt er zumeist auch. Natürlich sollen die Abiturienten studieren, aber zugleich müssen sie wissen, dass anschließend als gut ausgebildete junge Menschen zu Hause auf sie eine berufliche Chance wartet.

Ein Besuch aller Unternehmen – auch das haben Sie sich auf die Fahnen geschrieben. Aber?

Ein Anfang ist gemacht, doch es stehen noch viele Termine aus. Ich denke darüber nach, im Quartal einen Tag nur für Unternehmen einzutakten.

Was waren neben Personal die größten Herausforderungen in 2015?

Das Thema Asyl, das alle Kommunen beschäftigt hat. Es hat uns überrollt, keiner war davor dafür zuständig. Unsere Sachbereichsleiterin Soziales übernahm die Koordinierung, stadtintern haben wir einen Arbeitskreis gebildet. Mit am Tisch Polizei, Awo, GWG, Mehrgenerationenhaus, die Koordinatorin und ich. Über soziale Teilhabe haben wir zudem einen Kollegen eingestellt, der als Bindeglied zu den Ehrenamtlichen fungiert.

Hat die Stadt hier noch Potenzial?

Bei 12 300 Einwohnern, davon rund 350 Asylbewerber verträgt die Stadt rein rechnerisch weitere. In diesem Zusammenhang muss aber auch betrachtet werden, wie schaffen wir es ausreichend Wohnraum und Kita-Plätze zur Verfügung zu stellen?

Für die Kitas brauche wir dann Erzieherinnen, für die Schulen Lehrer. Das bedarf eines engen Zusammenspiels, um all das zu klären. Ich hoffe, dass auch weitere Private Wohnraum zur Verfügung stellen. Ich bin mir aber auch bewusst, dass es noch viel Arbeit kostet, die Bevölkerung zu überzeugen. Doch die Kultur eines Landes lernt man nur im Leben miteinander kennen.

Noch mal zur Wirtschaft: Welche Schwerpunkte setzen Sie für die nahe Zukunft?

Der Einzelhandel ist ein solcher. Doch Wirtschaftsförderung geht hier nur mit den Gebäudeeigentümern. Wir werden Anlauf nehmen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, um ihre Vorstellungen zu erfahren.

Wir brauchen zudem ihr Einverständnis, um beispielsweise die Gebäude zu bewerben. Mit unserer Internetseite, auf der leer stehende Geschäftsräume bzw. Gebäude aufgezeigt werden, haben wir einen ersten Schritt getan.

Fakt ist, eine Auswahl schafft eben auch den Anreiz, hier einzukaufen und nicht in die Zentren zu fahren. Hinsichtlich Bekleidung sind wir in der Stadt schon gut aufgestellt

In der Stadt sprießen die Stammtische. Gut oder nur Ausdruck dafür, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht?

Wir haben den Stammtisch der Einzelhändler, den Kulturstammtisch und auch die Gastronomen treffen sich. Alle leisten eine gute Arbeit. Dennoch lasst uns doch darüber nachdenken, ob es Sinn macht, einen Altstadtstammtisch einzurichten, wo wir eine Mischung von allem haben. Die Frage, wie können wir die Stadt noch attraktiver, noch lebenswerter gestalten, bewegt doch eigentlich alle. Und die Innenstadtbelebung treibt auch die Bewohner um.

Welche Vorhaben haben Sie 2016 ins Auge gefasst?

Einzelne Projekte des Stadt-Umlandwettbewerbes umzusetzen.

Konkret?

Die Kita Piccolino steht da ganz oben an. Zudem wollen wir die volkskundliche Ausstellung im Museum möglichst bis Jahresende einrichten. Und auch musikalisch wollen wir wieder von uns Reden machen. Perleberg-Festival im Juni, die Akademie und Woche, 777 Jahre Perleberg. Letztgenanntes soll ein Fest für die ganze Familie werden, am Wochenende mit einem mittelalterlichen Markt im Hagen und eingeleitet am Freitag mit einem Familienfest auf dem Großen Markt.

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