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Traditionsbetrieb feiert Jubiläum : Der alte Steinofen ist das Rezept

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Bäckerei Ditten in Karstädt wurde am 1. Mai 1897 von Paul Ditten gegründet / Inzwischen bereits in der vierter Generation

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erstellt am 29.Apr.2017 | 17:00 Uhr

„Es erfüllt einen schon mit Stolz. Wir haben so viele Klippen und Perioden überstanden“, sagt Jürgen Ditten. Die Bäckerei Ditten in Karstädt feiert am 1. Mai ihr 120-jähriges Bestehen. Mit Jürgen Dittens Tochter Jacquelin Seemann übernahm bereits die vierte Generation das Geschäft. „Mein Vater kann zur Geschichte unserer Bäckerei alles besser erzählen“, sagt die heutige Inhaberin schmunzelnd, die 2004 den Familienbetrieb übernommen hatte.

Ihr Urgroßvater Paul August Wilhelm Ditten aus Premslin kaufte am 1. Mai 1897 ein Haus in der Straße des Friedens, etwas weiter in Richtung Ortsausgang als die heutige Familienbäckerei. Er hatte eine Bäckerlehre in Wittenberge gemacht, war auf die Walz gegangen und eröffnete nach dem Hauskauf seine Bäckerei. 1905 erwarb Jürgen Dittens Großvater das jetzige Haus, das damals das kaiserliche Postamt in Karstädt beherbergte.

Bäckerei und Scheune wurden angebaut. 1933 verstarb Paul August Wilhelm plötzlich. In Zeiten der Inflation musste die Familie handeln. „So hat mein Vater Otto, er war der Zweitälteste, die Bäckerei übernommen. Er wollte eigentlich Fremdsprachenlehrer werden“, weiß der 79-jährige Jürgen Ditten.

„Als ich früher von der Schule kam, habe ich mit Pferd und Wagen das Brot bis Pröttlin ausgeliefert“, so Jürgen Ditten, der „immer Bäcker werden wollte“. Und nach seiner Schulausbildung – zuerst mit Berufsausbildung Maschinenbau, von 1953 bis 1957 Besuch der Oberschule Perleberg, die er mit dem Abitur abschloss – hat er 1958 im Selbststudium die Gesellenprüfung abgelegt.

Bis 1963 war er Geselle im elterlichen Betrieb, seine Meisterprüfung bestand er 1963 an der Bäckerfachschule Dresden-Helmsdorf. 1966 trat er in die Fußstapfen seines Vaters. Für ihn bedeutete das, „die Tradition der Landbevölkerung aufrecht zu erhalten.

Wenn einer sagt, das Brot, der Kuchen schmeckt gut, ist das ein Dankeschön für Handwerker wie wir es sind. Wir stellen ja nichts Bleibendes her“, sagt Ditten augenzwinkernd.

Gibt es irgendein Rezept, das es nur bei Dittens gibt? „Ich wurde oft gefragt, ob ich nicht etwas entwickeln will. Aber bei uns war gar nicht die Notwendigkeit da. Unser Geschäft ging immer gut“, so Jürgen Ditten, der morgens der Erste und abends der Letzte in der Backstube war. An der Seite immer seine Frau Marlis. Aber ein Rezept hat er dann doch: Den Steinbackofen, den sein Vater 1936 gebaut hat.

„Ich wollte ihn immer abreißen lassen. Ein Kollege aus Hamburg hat zu mir gesagt: ,Den Ofen kannst du nicht abreißen, er wird die Grundlage deines Geschäftes’. In dem Ofen ist es ein ganz anderer Backprozess. Ich habe den Teig noch mit der Hand geknetet, damit er leichter, lockerer, großporiger war“, verrät der Ruheständler, der bereits zu seiner Geschäftstätigkeit seit 1964 im Rat der Gemeinde Karstädt saß, nach der Wende Bürgermeister in seinem Heimatort war und heute Vorsitzender der Gemeindevertretung ist.

Nicht nur was die Bäckerei betrifft, auch das politische Engagement hat Jacquelin Seemann von ihrem Vater. Sie sitzt im Karstädter Ortsbeirat. Eigentlich wollte sie Unterstufenlehrerin werden, studierte auf Lehramt. Dann kam die Wende und sie stieg ins Geschäft ein. Die praktische Gesellenprüfung legte Jacquelin Seemann in Freyenstein bei Meyenburg ab. Eine Meisterprüfung legte sie nicht ab, hat aber aufgrund von Abitur und Studium die Genehmigung, einen Bäckereibetrieb zu führen. Die Meisterprüfung benötige man ja nur, wenn man Lehrlinge ausbilden wolle. In der heutigen Zeit sei es enorm schwierig, junge Leute für den Bäckerberuf zu gewinnen. Anders als zu den Zeiten ihres Vaters oder Großvaters.

Speziell in der Zeit nach der Wende gab es gerade bei der Technik durch die Erfordernisse Umstellungen. Eine Anschlagmaschine für Torten, Knetmaschinen oder Brötchenautomaten wurden angeschafft. „Früher ging vieles von der Hand, jetzt wird viel maschinell produziert“, wissen die beiden. Und Jürgen Ditten sagt: „Man soll irgendwann wissen, wenn man Platz für den Nachwuchs machen soll.“ Bei ihm war es 2004 soweit. Jacquelin Seemann gibt heute fünf Angestellten einen Arbeitsplatz (zwei Bäcker, ein Konditor, zwei Verkäuferinnen). Und sie hat ihre eigenen Ideen. So mit dem Café. „Die habe ich schon seit Ewigkeiten gehabt. Das waren ja ungenutzte Räume. Das Haus musste saniert werden“, sagt die Karstädterin und der Erfolg gibt ihr Recht: „Ich bin froh, dass es so gut angenommen wird.“ Und ihr Vater erzählt dazu noch aus der Geschichte: „Wo jetzt das Café ist, zu meiner Zeit war das nie ein Thema, war zu Opas und Vaters Zeiten das Herrenzimmer.“ Und er steht seiner Tochter nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite. „Wir diskutieren zum Beispiel über Qualitätsparameter“, sagen die beiden.

 

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