Lenzen : Der alte Mann und der See

„Ich bin nicht immun gegen alles, aber ich bin gestärkt.“: Das Bad von Hans Ulrich Förster dauert um die fünf Minuten, dann heißt es, sich ordentlich abzurubbeln. Fotos: Karina Hoppe (2)
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„Ich bin nicht immun gegen alles, aber ich bin gestärkt.“: Das Bad von Hans Ulrich Förster dauert um die fünf Minuten, dann heißt es, sich ordentlich abzurubbeln.

Hans Ulrich Förster geht seit zehn Jahren jeden Tag im Rudower See schwimmen – sein innerer Schweinehund ist längst verstummt.

svz.de von
23. April 2015, 07:45 Uhr

Alle haben sich aufeinander eingespielt am Rudower See: die Stockenten, der Eichkater und der Lenzener Hans Ulrich Förster. Erst in Ruhe füttern und dann schwimmen. So geht das jeden Tag, bei jedem Wetter. Ist der See zugefroren, hilft die Kohlenforke.

Bisher ist er immer wieder gekommen. Hannelore Förster wirkt ganz gelassen. Ihr Mann fährt nun seit zehn Jahren täglich auf das kleine Pachtgrundstück am Rudower See. Abends setzt er sich ins Auto und ist weg. Weil er muss, „weil ich seesüchtig bin“. Und weil der 75-Jährige an der abgelegenen Wasserstelle erwartet wird. Die Stockenten werden schon unruhig, wenn sie Försters Auto hören. Und dann, wenn er das Tor zum Grundstück öffnet, kommen sie aus dem Wasser, watscheln die kleine Anhöhe hoch und warten gespannt. Förster kennt „seine Tiere“, die Stockente mit der weißen Brust mag er besonders. Und sie schnappt auch beherzt zu, als Förster etwas Weißbrot auf den Rasen wirft. Ein bisschen, weil es Freude macht. Der Futtervorrat des Seniors lagert in einem stillgelegten kleinen Wohnanhänger. Darin lässt er auch seine Sachen, wenn er – ja – schwimmen geht. Dafür kommt der Lenzener eigentlich ans Wasser. Er geht in den See, wie Gott ihn schuf. Nur die Mütze lässt er auf, am Kopf kann es schon mal ziehen. „Im Wasser ist kein Wind.“ Förster geht einfach rein, nicht zaghaft, sondern geradezu. Ohne anzuhalten, aber auch nicht mit Eile, denn da draußen bestimmt er seine Zeit. „Das ist ja hier keine Verpflichtung.“ Förster macht das, weil er es will.

Wie es anfing? Vielleicht damit, dass Förster in Lenzen geboren und in Lenzen geblieben ist – den Rudower See immer vor der Nase. Früher badete er gelegentlich und dann, irgendwann in den Achtzigern, ging Förster einmal in der Woche schwimmen, fand Gefallen daran. Die Familie pachtete für die Freizeit das 500 Quadratmeter große Grundstück am See und Förster hatte seine eigene Badestelle. Vor zehn Jahren wurde aus wöchentlich täglich und dabei blieb es – auch im Winter. „Man kennt das ja, von Stralsund oder Moskau, da gibt’s ja auch Winterbader.“ Eine Herausforderung, ein Kick, vielleicht kam auch das dazu. Längst ist Förster auch Mitglied bei den Cumloser Brackratten, bei den Eisbadern also.

Oh ja, der innere Schweinehund hat gekläfft, als Förster das erste Mal anhob, bei Minusgraden in den See zu gehen. Mit der Kohlenforke bewaffnet, um sich eine Bahn frei zu schlagen. „Aber dann muss man einfach trotzdem los, nicht darüber nachdenken.“ Mittlerweile ist der innere Schweinehund stumm geworden. „Ich muss mich kaum noch überwinden.“ Auch sticht Försters Haut nicht mehr, wenn das Wasser unter vier Grad geht. Alles eine Frage der Gewöhnung. Würde der Senior sich nur nass machen und nicht schwimmen, hätte die Aktion nicht den Effekt, ist er sich sicher. So schwimmt er immer eine kleine Runde. Und dann, vielleicht nach fünf Minuten ist das Bad beendet. Draußen rubbelt Förster sich ordentlich trocken, um dann beim Zurückgehen auf den Eichkater aufzupassen. „Er holt sich immer ein paar Nüsse aus dem Anhänger, wenn ich im Wasser bin.“ Jeder weiß also, wann er was zu tun hat da draußen am See. Darauf komme es ohnehin an im Leben, besonders im Alter. „Wer da nichts zu tun hat, lebt nicht lange.“ Das habe Förster schon häufig beobachtet.

Deswegen – und weil es Konstanten braucht – ist der Landwirt auch weiter Landwirt geblieben. Gemeinsam mit seiner Schwester hält er sich eine kleine Mutterkuhherde. „Fleckvieh.“ Wenn Förster dann abends nach dem Schwimmen vor dem Fernseher einschläft, sei das durchaus legitim, findet er. Försters Arzt weiß übrigens gar nichts von seinem Schwimmhobby. „Ich erzähl das ja auch nicht groß rum.“ Und eigentlich spüre er es ja auch selbst genau: „Ich bin nicht immun gegen alles, aber ich bin gestärkt.“

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