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Zu Besuch in Lindenberg : Den Menschen eine Chance geben

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Mit dem „Zeit“-Redakteur Fritz Habekuß in seinem Heimatort Lindenberg unterwegs. Welche Zukunft hat das Dorf?

svz.de von
erstellt am 06.Aug.2017 | 08:00 Uhr

„Lindenberg in Brandenburg ist ein scheinbar hoffnungsloser Ort. Zu wenig Menschen, zu wenig Arbeit. Das sagen zumindest Studien. Die Bewohner halten das für Quatsch“, damit beginnt der „Zeit“-Redakteur Fritz Habekuß seinen Beitrag.

Unter der Überschrift „Nur Menschen fehlen“ schrieb Habekuß über sein Heimatdorf Lindenberg in der Prignitz. 1990 in Pritzwalk geboren, war das Dorf 19 Jahre seine Heimat, bevor er es zum Studium verließ. Doch Habekuß ist hier nach wie vor verwurzelt. Jüngst kam er als Redakteur zurück an den Ort seiner Kindheit und Jugend, um für die Serie „Heimatreporter“ für die Onlineausgabe der „Zeit“ zu berichten.

Er setzt sich einen Tag in die Gaststätte Lamprecht und lässt das Leben, am Beispiel der Menschen, die hier ein- und ausgehen, an sich vorbeiziehen, bringt deren Meinung zusammen mit Studien, die der Prignitz keine rosige Zukunft voraussagen.

Wir treffen Fritz Habekuß bei einem seiner Aufenthalte in der Heimat. An diesem Tag ist Konzert in der Dorfkirche. Auf der Straße stehen sehr viele Fahrzeuge, mit Autokennzeichen nicht nur aus der Prignitz. Habekuß ist einer der Initiatoren der Lindenberger Frühlingskonzerte.

Er sorgt dafür, dass internationale Klassik- und Jazzmusiker den Weg in die Prignitz finden. Nach dem Konzert zeigt uns Fritz Habekuß sein Lindenberg. Wir kommen nicht weit, denn seine einstige Mathelehrerin Lisa Grimm spricht ihn an. Sie war auch in dem Konzert und freut sich, dass wieder etwas los ist in Lindenberg, aber auch sie denkt zurück, was es hier früher alles gab.

Wie sieht der Zeit-Redakteur sein „früher“ ?

Er denkt nach. „Ich bin in ziemlicher Unbeschwertheit aufgewachsen. Die Dorfromantik hatte überraschenderweise nichts defizitäres. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir Action fehlt.“

Dorfjugend, Fußball, Gartenpartys. „Die Zeit, in der man aufwächst, die prägt dich. Ich habe mich hier wohlgefühlt.“ So denkt er an Freunde vom Gymnasium: „Scheiße bauen in der Schule, Bier mit Freunden trinken, durchs halbe Land fahren, um Fußball zu spielen.“ Habekuß macht aber auch deutlich, dass er nicht der Meinung ist, dass früher alles besser war. „Diese Betrachtung, die hier viele haben, wenn sie immer nur an die vermeintliche rosige Vergangenheit denken, kann lähmend für die Zukunft sein“, sagt er.

Wir gehen weiter. Am Dorfteich angeln sein ehemaliger Schulkamerad Andy Schmidt und dessen Bruder Justin. Am Dorfausgang steht das Haus, das einst sein Kindergarten war. Jetzt ist es ein Wohnhaus. Auch seine Grundschule gibt es inzwischen nicht mehr am Ort.

Fritz Habekuß ist hier immer noch zu Hause, auch wenn er inzwischen in Hamburg lebt und arbeitet. Aufgewachsen in einem typischen Dorfneubaublock der DDR, in dem seine Eltern heute noch leben. Hier fühlt er sich nach wie vor geborgen und wohl. Er genießt es, im Garten zu sitzen und vom Trubel der Großstadt runterzukommen. Er weiß, zu vielen Häusern eine Geschichte zu erzählen. Bevor auch wir im Gasthaus Lamprecht einkehren, geht es noch auf den Sportplatz des Lindenberger SV. Noch heute ist er für den Verein spielberechtigt. Erst kürzlich war er an zwei Spieltagen wieder im Einsatz. In beiden Spielen – gegen Dergenthin und gegen Eiche Weisen II – erzielte der Stürmer das 1:0.

Wir kehren beim Gastwirt ein. Die Einwohnerzahl hat sich mehr als halbiert, meint er, einer der wenigen Unternehmer, die es noch vor Ort gibt. „Wer hier aufwächst, tut spätestens nach dem Abitur das, was fast alle hier nach der Schule tun: Sachen packen, Eltern umarmen und wegziehen“, so ist heißt es auch in dem Beitrag von Habekuß.

Hätte es denn eine Zukunft in der Heimat gegeben? „Die gibt es vielleicht noch, nicht jetzt, aber vielleicht irgendwann“, lautet seine spontane Antwort. „Ich will es nicht kategorisch ausschließen. Doch gegenwärtig bin ich angewiesen, an dem Ort zu sein, wo die Redaktion ist.“ Durch seinen Job habe er das Privileg, viel in der Welt unterwegs zu sein. „Ich bin nicht vollständig raus, habe eine enge Bindung zu diesem Ort. Ich mag es hier, finde Lindenberg cool, ehrlich und entspannt.“ Aber seine Freunde, sein soziales Umfeld habe er woanders. Bislang biete die Prignitz nichts für seinen Karriereentwurf. Und später? Aus heutiger Sicht, bleibt die Frage unbeantwortet. „Hier geht schon was“, weiß Fritz Habekuß. Aber richtig konkret wird er nicht. „Ein wichtiger Faktor ist die Dorfgemeinschaft. Ihr Zusammenhalt ist wichtig für das Lebensgefühl“, sagt er weiter. Die Hiesigen fühlen sich von der Politik vernachlässigt. Sie meinen: „Wir haben das Gefühl, dass sich die Politik nicht um uns kümmert.“

Fritz Habekuß ist froh, dass er nicht in der Verantwortung ist, derartige Entscheidungen zu treffen. „Als Landespolitiker würde ich wohl keine Million nach Lindenberg geben.“ Zwar habe sich der Negativtrend verlangsamt, aber die demografische Entwicklung, die Tatsache, dass noch Betriebe geschlossen werden, die Konzentration der Bevölkerung in den Städte und der globale Trend der Urbanisierung sind Fakten.

Die Frage lautet, wie man Geld in einem Flächenstaat verteilen sollte. Aus seiner Sicht sind Initiativen vor Ort notwendig. „Ich glaube weniger an Masterpläne von außen, aber dafür an die Gestaltungskraft vor Ort.“ „Die Leute hier wissen, was nötig ist, um zukunftsfähig zu sein.“ Deshalb seien es kleine Schritte, die Veränderung bringen könnten. Auch in Fragen der fehlenden Arbeitskräfte gehe es darum, unbürokratische Wege zu gehen und zu schaffen sowie sich seiner Stärken zu besinnen. Nur auf lokaler Ebene könne sich eine soziale Infrastruktur entwickeln.

Unverständnis und Kritik gab es in der Vergangenheit für Professor Harald Simons, der zu Jahresanfang in seiner Studie über die Prignitz davon abriet, hier weder öffentlich noch privat groß zu investieren. Für Fritz Habekuß sind derartige Äußerungen kontraproduktiv und eindimensional, weil ihr Verfasser die Menschen vor Ort nicht ernst und ihnen das Recht nimmt, hier ein selbstbestimmtes, lebenswertes Leben, mit der dazu nötigen Infrastruktur zu führen.

„Natürlich wird es nicht wie früher. Aber, und daran glaube ich, wenn man den Leuten Möglichkeiten lässt, selbst die Initiative zu ergreifen, Dinge auszuprobieren und nach kreativen Lösungen zu suchen, werden sie diese finden und nutzen. Die Politik muss dafür sorgen, dass das möglich ist.“

Ortsvorsteher Rainer Knurbien sei ein gutes Beispiel. Er kämpft für sein Dorf, so wie er es in der Vergangenheit immer wieder tat. Die Lindenberger geben nicht auf, auch nach Niederlagen nicht, wie die jüngste: Die Sparkasse hat den Geldautomaten abgebaut. Vergeblich hatten Bewohner protestiert.

Das geplante Dorfgemeinschaftshaus sei hingegen ein Beispiel für Knurbiens Erfolge. Aber auch der Kirchenbauverein Lindenberg, der mit der Sanierung der alten Dorfkirche begonnen hat, verschiedene Konzerte und Veranstaltungen organisiert, trägt dazu bei, dass im Dorf auch in Zukunft etwas stattfindet.

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